jetzt.de: Wie hast du von den Vorfällen von Winnenden erfahren? Kaas: Ich war Zuhause, habe meiner Mutter von einer intensiven Unterredung über Gott erzählt, die ich am Abend zuvor mit einem guten Freund geführt hatte, als plötzlich das Telefon klingelte. Ein Kumpel war dran und hat mir aufgebracht davon erzählt. Ich konnte das gar nicht richtig begreifen. Das war so nah. Ich stand unter Schock.

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jetzt.de: Hast du den Amoklauf sofort in Kontext zu deinem Song gesetzt? Kaas: Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob jemand das Lied falsch verstanden haben könnte - so wie es mir von einigen Medien unterstellt wurde. Ich hätte den Leuten gerne erklärt, dass meine Intention darin lag, Menschen mit meinem Stück aus einer schlimmen Lebensphase herauszuhelfen. Aber das hat niemanden interessiert. Ich hätte gerne das Gespräch mit den Leuten gesucht, aber in dieser sensiblen Anfangszeit direkt nach der Bluttat gab es dafür keinen Raum. Da ging es erst einmal um ganz andere Dinge. Deshalb haben wir uns zunächst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und lediglich eine Pressemeldung rausgegeben. jetzt.de: Warst du erschrocken darüber, wie schnell die Medien deinen Song und dein Video auf dem Plan hatten? Kaas: Absolut. Ich verstehe aber auch das mediale Interesse daran und finde es völlig in Ordnung, dass man das Video kritisiert oder nicht gutheißt. Aber ich war von der vollkommen einseitigen Darstellung enttäuscht. Besonders von vermeintlich seriösen Formaten wie "Hart aber fair" in der ARD. Dort hat niemand erwähnt, dass am Anfang des Videos ein Text eingeblendet wird, der meine Beweggründe für den Song erläutert. Dort hat niemand nach meinem Albumkonzept gefragt, in dem es um Nächstenliebe und Frieden geht. Dort hat auch niemand ein Interview von mir gelesen, in dem ich die Zusammenhänge des Songs jedes Mal ausführlich erklärt habe. Ich fand es schade, dass die Informationspflicht der Medien scheinbar nicht für die Redakteure selbst gilt. jetzt.de: In besagter "Hart aber fair"-Sendung am Abend des Amoklaufs wurde ein zwanzigsekündiger Ausschnitt deines Videos gezeigt, woraufhin ein anwesender CDU-Politiker es als "gewaltverherrlichend", "schwer jugendgefährdend" und "Dreck" bezeichnete. Was hättest du ihm darauf entgegnet, wenn du da gewesen wärst? Kaas: Ich hätte ihm gerne das ganze Video gezeigt, ihm den Kontext erklärt und meine Absichten genannt. Und danach hätte ich ihn gerne noch mal nach seiner Meinung gefragt. jetzt.de: Du bist nicht der erste, der einen Song über das Thema "Amoklauf" gemacht hat. Dennoch sind in deinem Text Parallelen zu den Vorfällen von Winnenden nicht von der Hand zu weisen: Du beschreibst den Täter als 17-Jährigen, skizzierst in einer Strophe eine Form von Frauenhass und dann passiert das Ganze auch noch in deiner unmittelbaren Nähe. Kaas: Ich habe einen fiktiven Amoklauf in Reimen beschrieben und mich dabei an vergangenen Geschehnissen und entsprechenden Täterprofilen orientiert, die alle sehr ähnlich sind: Pubertierende männliche Außenseiter. Ich habe mir Gedanken über die Motive eines potenziellen Amokläufers und seine psychischen Probleme gemacht und diese mit eigenen Vorstellungen kombiniert. Ich habe keine Form des Frauenhasses skizziert, sondern einen Fall von abgewiesener Liebe. Aus meinen eigenen, teilweise unschönen Erfahrungen und depressiven Phasen, besonders während meiner Schulzeit, kann ich mich vielleicht sogar ansatzweise in die nihilistische Gefühlswelt solcher Menschen denken. Aber die wirkliche Tat in Winnenden habe ich als viel kälter empfunden, als ich es mir je hätte vorstellen können. jetzt.de: In den Interviews anlässlich deiner geplanten Album-Veröffentlichung stand auch immer wieder zu lesen, dass du in letzter Zeit verstärkt zur Religion gefunden hast. Hat dir das in dieser schwierigen Zeit geholfen? Kaas: Auf jeden Fall. Das bereits anfangs erwähnte intensive Gespräch über Gott am Vorabend des Amoklaufs hat mir überhaupt erst die nötige Kraft gegeben, diese Situation durchzustehen. Ich habe auch mit meinem Pfarrer gesprochen, der mich in meiner Ansicht bestärkt hat - und das deckt sich mit den Texten die ich zu dem Thema gelesen habe - dass ein Song niemals der Grund für so eine schreckliche Tat sein kann. jetzt.de: Dein Album hätte eigentlich am 20. März erscheinen sollen, nun wurde die Veröffentlichung bis auf Weiteres verschoben. Sind die erwähnten Lösungsansätze darauf nachhörbar? Kaas: Eher nachfühlbar, denn die Direktheit hat mir damals noch gefehlt. Wie wichtig es ist, dass man bestimmte Dinge ganz deutlich aussprechen muss, das habe ich erst in den letzten Wochen gelernt. jetzt.de: Wird es auf deinem Album Veränderungen geben, wenn es irgendwann erscheinen wird? Kaas: Ja, vermutlich. Ich habe den Song ja auf der Platte haben wollen, um die Leute damit auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen. Nun wurden wir aber vom wahren Leben eingeholt, deshalb braucht es das Lied erst einmal nicht mehr - zumindest so lange nicht, bis die Leute vielleicht wieder eingeschlafen sind. Eigentlich müssten alle Leute nach diesem Vorfall sowieso aufstehen und endlich den Mut aufbringen, sich gegenseitig mit Nächstenliebe zu begegnen. Liebe ist die Lösung. Eigentlich ist alles so einfach. Aber gleichzeitig eben auch so schwer. jetzt.de: Würdest du den Song und das dazugehörige Video noch einmal genau so veröffentlichen, wenn du die Zeit zurückdrehen könntest? Kaas: Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich versuchen, Tim K. aufzusuchen und ihn fragen, wie es ihm geht. Ich würde mal mit ihm sprechen und versuchen, ihn aus seiner Depression herauszuholen und seine Gemütslage zu verstehen. Denn wenn das im Vorfeld mal jemand gemacht hätte, hätte man vielleicht einiges verhindern können. Mehr über den Amoklauf und seine Folgen auf jetzt.de