Regisseur Prekär: René Pollesch zeigt auf der Bühne, wie wir uns ausbeuten

Nur wenige im Theater schauen so genau dabei zu, wie sich unsere Art zu arbeiten ändert wie René Pollesch. Der 44-Jährige leitet in Berlin den „Prater“, die kleine Spielstätte der „Volksbühne“. Er studierte Angewandte Theaterwissenschaften, galt als großes Talent, erlebte dann aber eine Zeit, in der er als Autor kaum gefragt war. 1999 änderte sich das. Pollesch schrieb als einer der Ersten über prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse. Gerade läuft sein Stück "Tod eines Praktikanten" in Berlin; Polleschs Inszenierung "Solidarität ist Selbstmord" ist an den Münchner Kammerspielen zu sehen.
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Herr Pollesch, Ihre Stücke tragen die lustigsten und seltsamsten Namen. Warum? Titel sind extrem wichtig für mich, weil sie mir einen Auftrag geben. Zum Beispiel etwas als etwas Anderes zu untersuchen. Wie in „Stadt als Beute“ oder „Solidarität ist Selbstmord“. Was ist zuerst da, Titel oder Stück? Ich habe immer erst die Titel, sie erzählen so viel und ich kann sofort anfangen zu schreiben. Die Titel können aber auch totale Offenheit bedeuten. Vor zwei Jahren habe ich mit Sophie Rois ein Stück für die Salzburger Festspiele geplant und wir suchten nach einem Titel. Sie schlug „Cappuccetto Rosso“ vor. Das passte zu Salzburg, es klingt edel und war eine erwachsene Wahl. Haben Sie Titel auf Lager, zu denen noch Text fehlt? Gute Titel verwurste ich sofort. Darüberhinaus habe ich in meinem Laptop mehrere Listen, die „Titel“ heißen. Als ich den Prater übernehmen durfte, hatte ich unheimliche Lust, Titel zu erfinden, die ich mir dann auf unserer Kinoreklame über dem Eingang vorstellte. „Stadt als Beute“ zum Beispiel. Toll.

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Illustration: Julia Schubert

Sie sind sowas wie der „Regisseur Prekär“, keiner beschreibt so oft die Arbeitswelt junger Menschen. Wann fing das an? 1999, wir haben zu Viert das Stück „Heidi Hoh“ aufgeführt. Drei Schauspielerinnen sprechen über meine und ihre Orientierungslosigkeit in dieser Zeit, sie haben im Bad, im Wohnzimmer, in der Küche ihre Manuskripte verteilt. Und sie wissen gar nicht mehr: arbeiten sie hier oder wohnen sie hier? Zu der Zeit hat noch kaum jemand von unsicheren Arbeitsverhältnissen geredet. Haben Sie eine solche Zeit erlebt? Ich hatte studiert, war mit 27 fertig und konnte bis 30 eine Weile ganz gut arbeiten. Dann hörte das schlagartig auf. Sechs Jahre hatte ich mit dem Theater fast gar nichts zu tun. Wie haben Sie gelebt? Ich habe mich mit „Drehbuchdoctoring“ oder „Filmdevelopment“ über Wasser gehalten und mit Übersetzungen. Ich habe lange gewartet, bis ich Arbeitslosengeld beantragt habe. Dieses „nicht gefragt sein“ in dem Bereich, in dem ich arbeiten wollte, das war psychischer Stress. Als ich begonnen hatte im Theater zu arbeiten, galt ich als Talent, auf mir ruhten Hoffnungen, es hieß: „Der hat interessante Theaterabende gemacht“. „Das Solarium zahlt niemand“ Wie sind Sie mit dem Stress umgegangen? Ich konnte damit erst umgehen, als ich verstand, dass Talent nur eine Konstruktion ist, mit der man an der Nase herumgeführt wird. Aber gerade weil Sie über diese Zeit geschrieben haben, ging es aufwärts. Wir haben uns in „Heidi Hoh“ mit einem anderen Arbeitsbegriff beschäftigt: Wir können die Ausbeutungsverhältnisse nicht sehen – wir halten sie ja für unseren Traum. Sie meinen den Traum von der Selbstverwirklichung? Davon träumt man doch: Von der Arbeit, die mit einem zu tun hat. Für die gibt man alles. Gerade Schauspieler sagen sich ja immer, wenn sie beim Casting nicht genommen werden: Da war ich wohl noch nicht gut oder interessant genug. Sie jammern nicht und machen weiter. Kann man sich durch Arbeit selbst verwirklichen? Lies weiter auf der nächsten Seite


In „Deutschland sucht den Superstar“ betonen die Kandidaten nach ihrer Niederlage, sie müssten mehr an sich arbeiten. Und was sie auch immer sagen: „Ich bin mein schlimmster Kritiker“. Wenn sie gefragt werden: „War Bohlen hart zu dir?“ sagen sie: „Nein, ich bin viel härter zu mir!“ Der Drill ist nach Innen gewandert. Die gehen ins Solarium, machen Fitness, nehmen Gesangsunterricht – was da investiert wird, bezahlt niemand. Viele haben verinnerlicht, was es braucht, um ihren Lebenslauf zu einem interessanten . . . Produkt zu machen. Zu einer einzigartigen Biografie. Aber was ist daran einzigartig, wenn sich alle gleich „formatieren“? Ich erinnere mich an eine Akademikerin. Die hat alles gemacht, was man machen muss. Sprachen gelernt, Länder bereist, aber hinterher gab es trotzdem keine Universitätskarriere. Was soll diese Frau jetzt machen, wenn aus ihrem Wunsch nichts wird? Für diese Arbeit am Selbst gibt es eben nicht genug offene Stellen. Selbstverwirklichung ist da wie ein diffuses Versprechen. Wie die wahre Liebe, die jeder erleben will. Es gibt diese Konstruktion, dass die Liebe für alle offen ist. Aber vielleicht ist das nicht so. Vielleicht kann auch nicht jeder geliebt werden. Das wäre doch schlimm. Vielleicht ist das die größte Lüge aller Zeiten! „Ich war sicher nicht der Beste“ Heißt das, dass mir „wahre Liebe“ oder „Selbstverwirklichung“ nur mit viel Glück und Zufall geschehen? Karrieren wie meine sind Zufall. Aber in unserem Denken wird die Liebe an Zufall gekoppelt. Ich würde aber Arbeit und Erwerbsarbeit an Zufall koppeln: Ich war sicher nicht der Beste von den Tausenden, die es dann eben nicht geschafft haben. Angenommen, ich nehme mir René Pollesch zum Vorbild und der sagt mir: „Ich bin kein Vorbild, bei mir war alles Zufall“. Das ist doch enttäuschend, weil ich will, dass ich Ihren Weg nachgehen kann. Wir haben Konstruktionen und Kopplungen im Kopf, die wir für die authentischen halten. Wir sagen: Für Leistung wird man belohnt. Ich aber sehe Arbeit an Zufall gekoppelt, und Geld an Liebe. Wenn also ein Casting-Teilnehmer sagt, er müsse noch an sich arbeiten … … verkennt er, dass es Zufall ist, ob er gewinnt. Es gibt ja nur ein Feld, auf dem die Roulettekugel landet. Es ist wie in „Solidarität ist Selbstmord“: Wir haben eine falsche Kopplung im Kopf. Wie jetzt? In dem Stück verarbeiten wir eine Anekdote über den Schriftsteller Uwe Johnson. Er lebt 17 Jahre mit einer Frau zusammen, die in Wahrheit die Frau eines Geheimagenten ist, der auf ihn angesetzt war. Sie hat den Agenten mit Infos über Johnson gefüttert. Jedes „Ich liebe dich“ war ein Fake. Johnson hat diese Enthüllung nicht überlebt, sie hat ihm das Herz gebrochen. Das ist hart. So: Und warum brechen bei uns die Herzen, wenn wir erfahren, dass wir einem Fake aufgesessen sind? Vielleicht hätte er nie eine Frau gefunden, die mit ihm 17 Jahre zusammen gewohnt hat? Aber vielleicht hat sie ihn ja dann wirklich geliebt und alles war am Ende echt? Ja, das hättest du gern. Aber warum denkst du nicht anders: Selbst wenn es inszeniert war – es war doch Liebe, oder? Foto: oh

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