Reise ans Happy End der Stadt

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Ihre Namen kennt jeder, gesehen haben sie die wenigsten: Die Endstationen der S-Bahn sind ein wunderbares Reiseziel für einen kleinen Urlaub in der Heimat. jetzt.muenchen hat sechs Reisen ins Umland unternommen.

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Illustration: Julia Schubert

S7-Wolfratshausen Die beiden 16-jährigen Jungs in der S-Bahn wissen nicht, was sie empfehlen sollen. Kaum coole Kneipen und nur uncoole Promis. Was interessant an Wolfratshausen sei? Sie schicken mich schließlich zum „Haus vom Stoiber“ – der sei zwar eher uncool, aber die Polizisten davor hätten immerhin Maschinengewehre. Die Winibaldstraße ist gesäumt von kleinbürgerlichen Wohnblocks. Auf vielen Balkonen hängen noch immer weltmeisterliche Deutschlandflaggen. Dann kommt das Haus, in dem der Ministerpräsident wohnt. Das Haus ist eher unauffällig und bescheiden. An der Tür hängt ein Blumengesteck, das irgendwie an einen Grabkranz erinnert. Ein junger Polizist verhindert genauere Erkundungen. Ein Maschinengewehr hat er nicht dabei, und er stellt lieber Fragen, als dass er welche beantwortet. Immerhin lerne ich, dass jeder Polizist in Wolfratshausen zwei Wochen im Jahr Stoiber-Dienst schieben muss. Ein älteres Ehepaar, das mit Hund vorbei spaziert, freut sich darüber, dass der Herr Ministerpräsident in ihrer Straße wohnt: „Immer Polizei, keine Gangster, keine Hausierer.“ Während sie bedauern, dass Deutschland sonst nicht so sicher sei, kommt ein zweiter Polizist aus der Garage des Nachbarhauses. Er hat eine Maschinenpistole dabei. . „Er kommt!“, ruft der Nachbar. Und tatsächlich biegen wenig später zwei silberne Karossen um die Ecke, auf deren Dächern Blaulichter befestigt sind. Zuerst steigen zwei Herren in grauen Anzügen aus, dann Edmund Stoiber in einem fliederfarbenen Hemd, sein Jackett trägt ein dritter Mann, der hinter ihm geht. „So, guten Mittag allerseits“, grüßt der Mianisterpräsident und geht ins Haus. „Jetzt haben Sie richtig was erlebt“, freut sich die Nachbarin. Wäre in der Innenstadt: Der Außenrand Schwabings. So wie man von da ja auch „schnell dort ist, wo die Kneipen sind“, ist man von Wolfratshausen aus „schnell dort wo, die schönen Seen sind“. Aber dass man schnell dort ist, heißt eben auch, dass man nicht da ist. Warum hinfahren? Es gibt einen schönen Biergarten namens „Aujäger“, einen Märchenwald mit Sternenschaukel, und außerdem will man ja mit eigenen Augen sehen, dass es bei Stoibers Haus nichts Besonderes zu sehen gibt. Wann hinfahren? Am besten bei Sonnenschein – dann kann man von hier aus nämlich mit dem Floß zurück nach München fahren. Die Plätze sind allerdings heiß begehrt. katarina-bader S4-Mammendorf Bis vor ein paar Monaten endete die S4 in Nannhofen, jetzt endet sie in Mammendorf. Dabei wurde kein Meter neues Gleis gebaut, die Station wurde nur umbenannt. Auf der Suche nach Antwort komme ich ins „Bahnhof’s Stüber’l“ gleich neben dem S-Bahn-Steig. Am Stammtisch sitzen einige rotgesichtige Herren, an den Wänden hängen Weinranken aus Plastik. Verrauchte Luft. Nannhofen sei doch nur ein Ortsteil von Mammendorf, sagen sie – nur „wegen der Alten“ habe die Station bisher anders geheißen. Die „Alte“, das ist die betagte Baroness von Lotzbeck. Ihre Familie, erzählt die Wirtin, sei nicht nur vermögend, sondern auch sehr einflussreich gewesen. Sie habe sich vor vielen Jahrzehnten dafür eingesetzt, dass Mammendorf eine Bahnstation bekommt – und zugleich darauf bestanden, dass sie nach dem Ortsteil „Nannhofen“ heißt, wo sich das Schloss und das Gestüt der Familie befinden. „So lange die Baroness im Gemeinderat saß, ließ sich da nichts machen, aber jetzt ist sie alt und gebrechlich“, sagt die Wirtin. Die Umbenennung, meint sie, sei gut für die Grundstückpreise im Neubaugebiet. Mammendorf ist jetzt ein Ort mit S-Bahnanschluss. Durch eine Unterführung gelangt man zum Nannhofer Schloss. Ein großes Tor versperrt den Weg in den Park. Die meisten Fensterläden des herrschaftlichen Baus sind geschlossen. Die Baroness ist nicht zu sehen, aber ihr Gärtner ist in der Stimmung für einen Plausch. Er stammt aus dem Kosovo und arbeitet seit zehn Jahren hier. Schön ruhig sei es hier, aber ein bisschen einsam, sagt er. Die Adlige lebe allein. Das heißt, so gut wie allein: Eine Köchin, eine Haushälterin, eine Putzhilfe, ein Chauffeur und er, der Gärtner, sorgen dafür, dass die über 80-Jährige alles kriegt, was sie braucht. Sie sei eine große Dame, erzählt er, während er sich eine Zigarettenpause gönnt. Und sie habe ein großes Herz. Vor ein paar Jahren, als er eine Knieverletzung hatte, habe sie sich selbst zur Apotheke fahren lassen, um ihm die passende Salbe zu besorgen. Ob sich seine Chefin über die Umbenennung der Station geärgert hat, will er nicht verraten. Diskretion. Er selbst hält nichts davon: „Vielleicht ist Mammendorf größer als Nannhofen“, sagt er, „aber es besteht doch fast nur aus Neubausiedlungen.“ Wäre in der Innenstadt: Mammendorf erinnert mit seinen schmucken Einfamilienhäusern an das, was es ist: eine Wohnsiedlung außerhalb der Stadt. Das kleine Schloss im Ortteil Nannhofen hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Schlösschen im Nymphenburger Park. Warum hinfahren? Mammendorf hat nur wenig Attraktionen: rundum große Maisfelder, ein bisschen Wald, ein kleiner See. An dem See gibt es allerdings ein großes Freibad mit einer der längsten Wasserrutschen Europas. Manchmal veranstaltet die Schwimmabteilung des SV-Mammendorfs dort ein Wett-Rutschen. „Eine Äktschen“ sei das, steht auf einem Plakat. Wann hinfahren? Wenn die Erben der alten Baroness das Schloss in ein Schloss-Hotel verwandeln. Aber der Gärtner glaubt, dass das erstmal nicht passieren wird. katarina-bader

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Illustration: Julia Schubert

S8-Geltendorf Geltendorf hat etwa 5000 Einwohner. An der Station treffe ich zwei junge Mädchen, die mir bestätigen, dass Geltendorf nicht besonders aufregend sei. Nur die neue Bar „Mixx“, die vor kurzem öffnete, sei interessant. Dort bekommt man gute Cocktails und die Terrasse sei sehr gemütlich. Sie schicken mich zur Bahnhofstraße, die lange Geltendorfer Hauptstraße, die sich durch das ganze Dorf bis hin zum Neubaugebiet erstreckt. Ich laufe über zwanzig Minuten an Läden, Bäckereien, einem China-Restaurant und einer „Teeoase“ vorbei, bis ich zum „Mixx“ komme. Auf dem Weg dorthin begegneten mir zwei Geltendorfer. Es ist Mittag und das Dorf scheint fast leer. Genauso wie das „Mixx“. Ich finde einen netten Wirt, der mir gleich einen Cappuccino spendieren will und einen einzigen Gast, ein junger Anwalt mit Hund. „Abends ist hier richtig viel los“, wird mir vom Wirt versichert. Der Anwalt bietet an, mir zu zeigen, was in Geltendorf wirklich interessant ist. Er führt mich zum Spritzerweiher, in dem die Dorfjugend im Sommer schwimmt. Vorbei an Ökobauernhöfen fahren wir anschließend nach Kaltenberg, das zur Gemeinde Geltendorf gehört. Kaltenberg ist landesweit bekannt, da dort alljährlich das Kaltenberger Ritterturnier stattfindet. Wäre in der Innenstadt: Die Bahnhofstraße erinnert an die Leopoldstraße. Nur ist die Leopoldstraße belebter. Warum hinfahren? Um das Kaltenberger Ritterturnier zu sehen und das Bier der Schlossbrauerei zu testen. Wann hinfahren? Natürlich wenn das Ritterturnier stattfindet. Das ist meistens an drei Wochenenden im Juli. tina-pickert

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Illustration: Julia Schubert

S1-Freising Freising ist eines dieser Städtchen, in die man früher an Sonn- und Feiertagen von den Eltern verschleppt wurde. Man wurde auf Hügel gezerrt, um eine Aussicht zu erblicken. Man musste Führungen durch klamme Kirchen ertragen. Zur Belohnung, weil man sich nicht ununterbrochen jammernd auf den Boden geworfen hatte, bekam man ein kleines Eis. Heute, halberwachsen, macht man deswegen automatisch einen Bogen um „malerische Domstädte“. Und aus dieser Abwehrhaltung heraus würde man in Freising auch nur die Einkaufsstraße auf und ab wandern und das ziemlich große Angebot durchforsten. Oder im Eiscafe den größten Eisbecher der Karte bestellen und dann mit Bauchkneifen nach Hause fahren. Dann würde man aber etwas verpassen, denn die Aussicht vom Freisinger Domberg auf die Stadt ist tatsächlich schön. Man könnte außerdem ins Dommuseum gehen und sich dort eine Ausstellung von Studenten der Kunstakademie München zum Thema „Eremiten“ ansehen – und daran denken, dass die Eltern vielleicht doch gar nicht solche Wochenendtyrannen waren. Wäre in der Innenstadt: Haidhausen. Alle fünf Meter kann man in einem Delikatessen-Laden feine Speisen einkaufen und sie dann auf einer der zahlreichen Bänke verzehren Warum hinfahren? Freising ist so nett, dass man die alten Kindheits-Traumata getrost bei einem Nachmittagsspaziergang verarbeiten kann. Außerdem kann man noch einen Abstecher nach Weihenstephan machen, dort in der Brauerei-Wirtschaft ein Bier trinken. Oder einen Abend im Abseits (Herrenweg 1), verbringen: das ist eine sehr nette alternative Kneipe mit regelmäßigen Konzerten. Wann hinfahren? Momentan gibt es nur ein Datum, auf das ganz Freising wartet: Am 14. September besucht Papst Benedikt XVI. seine alte Wirkungsstätte. Wer da schon was vor hat, sollte sich den 30. September merken. Da findet im Lindenkeller das „Rock Sie Festival“ statt. Zwanzig junge Bands aus und um Freising haben jeweils zehn Minuten Zeit, sich dem Publikum zu stellen. christina-kretschmer S2-Petershausen „Wer in Petershausen ankommt, darf nicht auf der falschen Seite aussteigen“, erklärt der Rentner, den ich nach einem Café frage. Die „falsche Seite“ nämlich besteht aus einer kleinen Wohnsiedlung, die nach zehn ereignislosen Metern an einem Sonnenblumenfeld endet. „Überhaupt, wenn Sie irgendwas machen wollen, sollten Sie nach Dachau gehen.“ Das wussten offensichtlich die meisten, denn die S-Bahn, die in Laim noch so voll war, dass ich keinen Sitzplatz gefunden habe, leerte sich in Dachau beinahe vollständig. Auf der „richtigen Seite“ aber, findet man nur ein eingeschlafenes Dorf mit einigen Restaurants, einem Dorfkrug und zwei, drei Cafés. Eine Mutter mit zwei Kindern empfiehlt mir ebenfalls nach Dachau zu fahren oder in den nächsten Ort zu gehen, denn dort sei heute ein kleiner Flohmarkt. Auf einem Schild, das eine Straße weiter steht, kann man aber lesen, dass dieser Ort neun unerreichbare Kilometer von Petershausen entfernt liegt. „Gehen Sie doch einfach wieder auf die andere Seite vom Bahnhof“, sagt mitleidig die Frau des Rentners, der mir zu Beginn helfen wollte. „Die Sonnenblumen blühen noch und da können sie wandern und sehen, wie schön Petershausen ist.“ Und wirklich ist es dort sehr schön, auf der „falschen Seite“ hinter den Häusern: rechts und links Felder und ein Weg ins Nichts durch das Dachauer Hinterland. Wenn man alleine durch das Glonntal in Richtung Illm spazieren geht, vergisst man durch die Ruhe fast alles. Zweieinhalb Stunden später nehme ich die S-Bahn zurück, und weiß jetzt, dass man zum Wandern nicht immer in die Berge muss. Eine halbe Stunde S-Bahn-Fahrt genügt. Wäre in der Innenstadt: Petershausen erinnert auf der „richtigen Seite“ höchstens an die Randbezirke Obermenzings. Warum hinfahren? Um Kirchweihnudeln, eine Art Rosinen-Krapfen ohne Marmelade, in der Bäckerei Kloiber (Petrickplatz 9) zu essen. Und um wandern zu gehen. Wann hinfahren? „Im Sommer wie im Winter“, meint die freundliche Rentnerin, die mir den Wander-Tipp gegeben hat. „So richtig los ist hier eigentlich eh nie was. Da müssen sie nach Dachau fahren.“ Und sie hat Recht, außer dem 100-jährigen Jubiläum des Gartenbauvereins am 30. September sind auf einem Aushang keine nennenswerten Termine verzeichnet. hannes-kerber

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Illustration: Julia Schubert

S6-Kreuzstraße Weit draußen, wo die Stationen verwunschene Namen wie „Dürnhaar“ und „Großhelfendorf“ tragen, da liegt die seltsamste der Endstationen der S-Bahn. Ihrem Namen nach dürfte sie gar kein Endbahnhof sein, weil er so alltäglich städtisch klingt, nach Giesing oder Pasing – dabei ist Kreuzstraße die endste aller Endstationen. Zwei leere Bahnsteige, eine verwitterte Karte von MVV-Wanderwegen und von Grün überwachsene Wertstoffcontainer hinter dem Bahnhofshäusl, hier ist alles einsam und allein. Die Signalanzeige weist den nächsten Zug in 60 Minuten aus, und bis dahin wird hier nichts geschehen außer Zeit, die vergeht. Entlang der Straße, die dem Bahnhof entspringt, liegen die Häuser in der Sonne wie verlassen, auf einer Weide grasen Kühe hinter strombewehrten Zäunen, am Rande ein Marterl, hier starb einst Andreas Bichler, 1984. Vor den Wäldern liegt links ein Haus, in dessen Garten ein übermannshohes Indianerzelt aufgestellt ist, aus dem ein Lagerfeuer raucht, auch ein Baumhaus findet sich in diesem Garten, ein Traum. Am Ende der Straße hat Kreuzstraße dann tatsächlich eine Kreuzung. Hier steht ein Wirtshaus. Das Wirtshaus hat einen Biergarten. Der Biergarten hat einen Kaugummiautomaten. Der Kaugummiautomat hat aber keine Kaugummis. Der Kaugummiautomat hat nur „Frizzy Fruits“. Hier, in diesem Biergarten, lesen Männer mit Hosenträgern Zeitung, ihre linke Hand schwer auf die Mündung ihrer Biergläser gelegt. Sie ziehen sie niemals von dort fort, immer lassen sie sie dort, zum Schutz, gegen die Wespen und anderes Geschmeiß. Dann, ein oder viele Biere später, stehen sie auf und gehen fort. Wäre in der Innenstadt: Innenstadt? Kreuzstraße erinnert eher an jenen verwunschenen Bereich von Berg am Laim, an dem alle Straßen enden. Warum hinfahren? Wegen des Wassers. Von der Kreuzstraße aus geht der Wasserweg der Stadtwerke München ab, der einem das Beste vom Mangfalltal und alle anderen Geheimnisse der Wasserversorgung Münchens zeigt. Ziel des Wasserweges ist übrigens Gmund am Tegernsee – dort unbedingt die Büttenpapierfabrik anschauen, die ist großartig. Wann hinfahren? Jederzeit oder am 31. August. Da lädt, das Großereignis ist in Kreuzstraße schon bekannt geben, die Gesellschaft für Abfallvermeidung, Information und Verwertung im Oberland GmbH zu einer öffentlichen Führung durch das Wertstoffzentrum Warngau ein. Dummerweise liegt es fast schon in Holzkirchen.

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