Revolte unter Stuckdecken

Ortstermin konspirative Wohnung: bei protestierenden Studenten in der LMU
kathrin-ruther

Es hat niemand den Putzdienst gemacht. Über den Boden des Lichthofs ziehen sich schwarze Schlieren, die übliche Mischung: Bier, Asche, Straßendreck. Flo und Anne stört das nicht. Sie sitzen auf einem blauen Samtsofa, rauchen und quatschen. Über den Sinn von Vorlesungen, über Homer, James Joyce, das Philosophiestudium. Wer mit auf ihr Sofa will, muss die Schuhe ausziehen, so viel Anstand muss schon sein, in der Uni-Wohngemeinschaft.

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Illustration: Julia Schubert

Am Donnerstag vor einer Woche, einen Tag bevor die CSU-Mehrheit im bayerischen Landtag Studiengebühren beschlossen hat, sind die Studenten eingezogen. In den Lichthof der Ludwig-Maximilian-Universität: 400 Quadratmeter mit Stuck, neoklassizistische Säulen und sitzende Statuen, bedeckt von einer großen Glaskuppel. Mitten in dem historischen Ambiente türmen sich nun Sessel, Bierbänke, Kochplatten, Kaffeetassen und Saftpackungen. An den Wänden hängen Transparente: „Mit leeren Köpfen nickt sich’s besser“ steht da in krakeligen Lettern oder „Nur Stoibers Studium war umsonst“. Der Arbeitskreis Aktion und die Studierendenvertretung haben den Umzug organisiert. Aus Protest, obwohl die Gebühren bis zu 500 Euro zum Sommersemester 2007 bereits beschlossene Sachen sind. Aber: „Wer schweigt, stimmt zu“, sagt Flo. „Und damit dieser Eindruck nicht entsteht, damit die Politiker sehen, dass wir uns wehren, deswegen sind wir hier.“ Anne nickt: „Wir setzten hier ein Zeichen. Wenn die Gebühren kommen, können viele ihre Miete nicht mehr zahlen und müssen hier einziehen.“ Flo deutet auf ein Mädchen in einem Kapuzenpulli. „Wenn du mehr über die WG wissen willst: Die da kannste auch fragen, die ist sehr engagiert.“ Das Mädchen heißt Isa. Isa hat seit 30 Stunden nicht geschlafen, sondern nachts „Transpis“ gesprüht und Telefonlisten getippt. Ihr Haaransatz ist fettig, die Augenlider schwer. Trotzdem erklärt sie einer Kommilitonin unermüdlich, wie man Studiengebühren noch verhindern kann. Auf dem Samtsofa kommen Wortfetzen an: Planungssicherheit, gender budgeting, Populärklage. „Der Gesetzgebungsprozess ist außerordentlich dynamisch in der Demokratie“, sagt Isa und bleckt die Zähne. „Das ist das Schöne daran und das macht’s auch spannend. Bloß weil im Landtag was beschlossen wurde, muss das noch lange nicht heißen, dass es auch eins zu eins umgesetzt wird.“ Und dann wiederholt Isa, was sie die letzten Tage bestimmt oft gesagt hat, zu Studenten und zu den Medien: Dass die Hälfte aller Studenten in Bayern unter Hartz IV-Niveau leben. Dass fast jeder dazuarbeiten muss. Dass 80 Euro mehr pro Monat ein wirkliches Problem sind. „Es gibt noch kein Tilgungssystem, es gibt auch noch kein Stipendiensystem.“ Isa betont jede einzelne Silbe. Wie die Studenten die Studiengebühren dann bezahlen werden? „Schulden machen“, sagt Isa. „Schulden machen“, sagt Flo. „Schulden machen“, sagt auch Anne. Im Wintersemester waren rund 47. 000 Studenten an der LMU eingeschrieben. Gegen Studiengebühren demonstrieren in der Uni-WG zwanzig Leute am Tag. „Riesengroße Proteste, das ist in München leider utopisch – zu viele reiche Kinder“, sagt Isa. Ärger macht weder das Wach- und Reinigungspersonal noch die Univerwaltung: Drei Tage war die Wohngemeinschaft im Lichthof genehmigt, nach sieben kam zwar ein Räumungsbescheid, der wurde aber wieder aufgehoben und die Studenten durften noch mal drei Tage bleiben. Nervig seien eher die Gebührenbefürworter unter den Studenten, meint Isa. „Die sagen: ’Wenn ich Leute wie euch sehe, weiß ich, warum Studiengebühren toll sind.“ Trotz Konfrontation und Schlafentzug fühlt sich Isa gut: „Wenn man am Nachmittag jemand angequatscht hat und der kommt abends mit seinem Schlafsack her, das ist toll.“ Morgen findet ab 13.30 Uhr auf dem Marienplatz „Rock gegen Studiengebühren“ statt. Es treten unter anderem die Bananafishbones und Phonoboy auf, der Eintritt ist frei.

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