„Richter können nie alleine helfen“

Ingrid Kaps war sechs Jahre Jugendrichterin am Amtsgericht. Ein Interview über Liebe, Muskelshirts und zornige Eltern
peter-wagner

jetzt.muenchen: Frau Kaps, wissen Sie, nachdem Sie die Anklageschrift gelesen haben, wer Ihnen in der Verhandlung begegnen wird? Ingrid Kaps: Im Bericht der Jugendgerichtshilfe steht die Lebensgeschichte des Angeklagten, also habe ich da gewisse Vorstellungen. Aber ich darf mich auch nicht festlegen. Einmal hatte ich einen Körperverletzer. Als ich die Anklage gelesen hatte, dachte ich: Mein Gott, da muss man mal kräftig durchgreifen. Dann sitzt in der Sitzung einer, der mir erzählt, dass er mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen ist, die mit dem Stiletto-Absatz auf seine Schwester losgegangen ist und ihr beinahe ins Auge gestochen hätte. Er spielte also zuhause immer den Beschützer seiner Schwester, und das ging nur mit Gewalt. Wie alt war er? 18. Finden Sie für jede Tat eine Erklärung? Ich finde nie eine Rechtfertigung, kann aber vieles nachvollziehen. Welches Ziel hat die Arbeit eines Jugendrichters? Ich will die Jugendlichen von weiteren Straftaten abhalten und sie wieder in die Gesellschaft integrieren. Wollen Sie auch Reue sehen? Hm, nein, in dem Zusammenhang ist das ein altmodischer Begriff. Das Jugendgericht geht davon aus, dass Menschen zwischen 14 und 20 Jahren noch entwicklungsfähig sind, dass wir also eingreifen und korrigieren können. Und das tun wir. Reicht es immer, einmal einzugreifen? Wieviele Jungs und Mädchen stehen mehrmals vor Ihnen? Gut 90 Prozent derer, die bei uns landen, kommen nur einmal.

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Illustration: Julia Schubert

Sie waren sechs Jahre Jugendrichterin – wieviele Fälle hatten Sie in der Zeit? Moment, das kann ich nachsehen, weil das klar aufgeteilt ist . . . im Jahr hat ein Richter rund 480 Verfahren. Macht fast 3 000 in dieser Zeit. So wie die schwarze Robe gehört die Jurismappe, die Akte zum Fall zur Verhandlung. Was steckt da drin? Die Polizeinote zur Straftat, die Zeugenvernehmungen, die Beschuldigtenvernehmung – er wird erst mit der Anklage zum Angeklagten – die Verfügung an die Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls auch deren Nachermittlungen. Wie dick ist eine Akte in der Regel? Ach, die kann bei einem kleinen Delikt sehr dünn sein. Das heißt dann aber nicht, dass der Täter nicht doch ein unglaubliches Problem mit sich schleppt. Wie meinen Sie das? Ich hatte zum Beispiel einen harmlosen T-Shirt-Diebstahl eines 15-Jährigen. Der kommt in die Hauptverhandlung, und ich frage nach den Personalien und er sagt, er komme aus Stuttgart. „Aber deine Mutter ist doch hier in München“, sage ich – „was machst du in Stuttgart?“ Er vertreibe da Zeitungen, antwortete er. Seltsam, dachte ich, als er sagte: „Die Chefs sitzen da draußen vor dem Gerichtssaal. Die haben mich hergefahren.“ Der Junge war in Wahrheit für eine Drückerkolonne unterwegs. Und die Mutter? War vollkommen desinteressiert an ihrem Jungen. Wir haben uns um ihn gekümmert und zunächst in einem Heim in München untergebracht. Kommen die Eltern der Angeklagten normalerweise mit zur Verhandlung? Das kann man nicht pauschal sagen. Wenn sie mitkommen, ist das zumindest ein Zeichen dafür, dass die Familie in Ordnung zu sein scheint und Interesse am Kind da ist. Und wenn die Eltern kein Deutsch sprechen, habe ich auch schon extra Dolmetscher für die Verhandlung bestellt. Nur, um für die Eltern zu übersetzen? Ja, weil ich will, dass die hören, was ihr Junge gemacht hat und was der Richter macht. Sonst kriegen die das nachher nur gefiltert von ihren eigenen Kindern erzählt. Auf der nächsten Seite: Wie die Eltern der Jugendlichen reagieren und welche Straftaten Mädchen begehen


Wie reagieren die Eltern? Die einen schützen ihren Jungen und sprechen von „Intrige“. Es gab aber auch sehr betroffene Reaktionen. Einmal hat ein männlicher Angeklagter in einer Disco ein Mädchen angemacht. Sie wollte das nicht, und er hat ihr eine runtergehauen. Das hat er seinen Eltern sicher nicht erzählt; die kamen und ich merkte, die hatten keine Ahnung, warum ihr armer Bub da sitzt. Dann übersetzte der Dolmetscher die Aussage des Mädchens und die Aussage des Sachverständigen, der erklärte, wieviel der Mann getrunken hatte. Wieviel hatte er? Über ein Promille, und er ist Muslim. Das war für ihn doppelt peinlich. Der Vater bekam einen roten Kopf und schimpfte von hinten auf Türkisch auf seinen Sohn ein, der wurde immer kleiner. Ändert sich die Stimmung im Saal mit den Zuhörern? Einer war 18 Jahre alt und saß da kurz vor Beginn der Verhandlung völlig entspannt. Dann ging die Tür auf und eine Klasse kam rein – vor den Ferien gehen Schulklassen gerne ins Gericht. Der Kerl sah, dass auch etliche Mädchen dabei waren und verwandelte sich. Der mutierte zu einem coolen Macho, weil da schließlich seine Generation saß, und er wollte der Starke sein, der sich nicht einschüchtern lässt. Wie gehen Sie mit Zwischenrufen um? Mit den Gerichtssendungen im Fernsehen hat sich das Verhalten der Leute geändert. Da ist es offenbar üblich, dass munter durcheinander geschrieen wird. Was sich vermutlich auch viele abgeschaut haben: dass sich der Angeklagte zur Vernehmung in den Zeugenstuhl setzt. Obwohl ich den gewöhnlich auf der Anklagebank vernehme. Wie tauchen die Leute bei Ihnen auf? Im Anzug? Ich habe mal einen nach Hause geschickt, der im Muskelshirt kam. Viele tragen aber auch Anzüge. Das finde ich dann schon wieder sehr nett, weil das ein Zeichen dafür ist, dass sich jemand bemüht. Wie sieht München aus der Perspektive einer Jugendrichterin aus? München ist immer noch sicher und gemütlich. Aber es ändert sich etwas – es ist nicht mehr so wichtig, was man ist, es ist wichtiger, was man hat. Der Mensch definiert sich über das Aussehen und wird, so ist meine Wahrnehmung, egoistischer. Das zieht sich durch alle Schichten. Hatten Sie eigentlich viele Mädchen als Angeklagte? Sie machen nicht ganz zehn Prozent der Fälle aus, haben in den letzten Jahren aber zugelegt. Und es wird nicht mehr nur rumgezickt sondern eher mal zugeschlagen. Was sind typische „Mädchendelikte“? Meistens Diebstähle. Das passt auch ins Klischee: Sie klauen Lippenstifte, Kosmetika, Klamotten, weil sie dem Bild, das unsere Gesellschaft so gerne haben möchte, gerecht werden wollen. Bei den Jungs geht es meist um Diebstahl, Körperverletzung und Drogendelikte. Was können Sie eigentlich in der kurzen Zeit einer Verhandlung bewirken? Ich hatte mal einen Jungen, der immer wieder Läden aufgebrochen hatte und dann das vierte Mal bei mir auf der Anklagebank saß. Ich habe ihm gesagt, wie wahnsinnig enttäuscht ich von ihm bin. „Schauen sie mal hinter sich“, sagte ich und er drehte sich um zu den Zuhörern, wo seine Freundin saß. „Sie wollen sich doch mal ein Leben aufbauen. Soll die sie durchfüttern?“ Es schien eine ernsthafte Beziehung gewesen zu sein, und tatsächlich schien es ihm nun wichtig, wie er ihr gegenüber dasteht. Da dachte ich: Hm, vielleicht war das der Wendepunkt. Richter können ja nie allein helfen. Beziehungen können da ganz stabilisierend wirken. Singles begehen also leichter Straftaten? (lacht) Das will ich nicht sagen, aber Leute in ernsthaften Beziehungen sind da vielleicht gesicherter, denke ich. Dann tauchen die Menschen also deswegen vor Ihnen auf, weil ihnen ein Mensch fehlt, der sie hält? Schon. Ein Großteil unserer Straftäter kommt aus desolaten Familien. Wenn ihnen nicht der Zufall jemanden zur Seite stellt, dann ist diese innere Leere da. Die wird dann ausgefüllt. Mit irgendwas. Geht es in den Verhandlungen in Wahrheit um Liebe? Aus dem Bauch raus würde ich sagen, dass 80 Prozent aller Taten ihren Grund darin haben, dass niemand stabilisiert. Deshalb: Es geht um Liebe. Um die nicht vorhandene.

Text: peter-wagner - Foto: Holly Pickett

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