Ruf mich an, maybe

Ey! Der fürchterlichste Ohrwurm des Sommers stört jetzt auch noch beim Flirten.
katrin-jahns

Eigentlich ist sie schüchtern, sagt sie. Eigentlich würde sie dergleichen nicht wagen, sagt sie. Doch die Sängerin Carly Rae Jepson hat trotz aller Scheu den Flirttrend der Saison begründet. Und das aus Versehen. Schuld ist ein Lied, so eingängig, dass es selbst standhaften Chartsgegnern ein beklommenes Beinwippen entlockt. Es heißt „Call me, maybe“ und klappert derzeit weltweit die Top-Ten-Listen ab und sucht die Radio-Rotationen heim, hinterdrein folgt ihm ein Rattenschwanz an Mashups, Memes und Mixversionen. Jetzt schmückt der hartnäckige Refrain des pappsüßen Sommerknallers auch schon ganze Schwünge von Visitenkarten – im Namen der Liebe. Die Botschaft nebst Kontaktdaten lautet dort dann ganz gemäß des Songtextes: „Hey, I just met you. And this is crazy. But here’s my number. So call me, maybe?“. 

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Illustration: Julia Schubert



Ja, ganz schön crazy. Endlich eine Flirtmethode für Schüchterne, frohlocken selbige. Eine Bedrohung für den stilvoll-schriftlichen Flirt, schimpfen hingegen Mutige, die bisher auch ohne Popzitat ans Ziel kamen. Denn hier geht die Quintessenz eines erfolgreichen Eroberungsversuchs verloren: der Mut. Man erinnere sich an die glorreichen Zeiten, als der berühmte „Willst du mit mir gehen? Ja-Nein-Vielleicht“-Zettel Sender wie Empfänger auf eine harte Zerreißprobe stellte! Schließlich war, was dort mit einem zittrigen Kreuz aus dem Lamy-Füller gekennzeichnet wurde, noch streng verbindlich – das bittere „Nein“ eingeschlossen. Der „Call me maybe“-Wisch vom Fließband, als Visitenkarte im Hunderterpack gedruckt, dürfte hingegen auf Partys gleich im Dutzend verteilt werden, ohne größere Hemmungen. Ist ja alles vage, steht ja alles auf der Karte. Morgens verteilt man auf der Messe Visitenkarten, abends eben in der Bar. Misserfolge, „Nein“-Antworten? Peanuts, wo doch das Knutschmaterial ersetzbar ist. Besonders bekloppt: Wer als Empfänger eines solchen Zettels bei aller Banalität trotzdem zum Hörer greift, muss mehr Mumm beweisen als der liebestolle Witzbold selbst. Verkehrte Flirtwelt!

Wie stilvoll war da noch die Zeit, als die flink auf einen Papierfetzen gekritzelte Telefonnummer (nach dem Liebesbrief immerhin die Königsdisziplin des schriftlichen Flirtens) auf Todesverachtung und Spontanität beim Gegenüber schließen ließ. Beim chartsverseuchten Visitenkärtchen lässt es sich derweil nur noch auf einen überragend mittelmäßigen Musikgeschmack schließen. Zum Kassenschlager wurde Carly Rae Jepsons lupenreiner Popseller übrigens durch Justin Bieber. Er hörte ihren Song im Radio, feierte ihn auf Twitter, drehte sogar ein Fanvideo. Die Massen tobten, Carly startete folgerichtig durch und jemand stellte die erste Visitenkarte online – prompt brachen in etlichen Aufreißerforen Diskussionen aus. Dort, wo hoffnungslosen Fällen der Flirterfolg mit pseudowissenschaftlichen Manöverübungen zum Abhaken beigebracht wird, war die Aufregung angesichts der schlichten Balz-Botschaft am größten. Wird der „Approach“, die Anmache, gelingen, wenn man statt persönlicher Worte einfach Carlys Songtext sprechen lässt? Wie „needy“ sind die wahnwitzig harmlosen Visitenkarten wirklich? Wirkt der Spruch eher frech in der Schrift Comic Sans, klassisch in Arial oder darf’s dank Schnörkelfonts sogar noch ein bisschen romantischer sein? Und haben zum Beispiel Facebook-Namen darauf eine Existenzberechtigung, wenn doch im Text eigentlich von einem Anruf die Rede ist? 

Selbst simple Mainstream-Refrains können also noch zur Grundlage für größere Verunsicherungen werden. Dabei könnte alles so einfach sein, dampfte man wieder alle schriftlichen Fragen ans Objekt der Begierde einfach auf eine altbewährte Formel ein: „Ja, nein, vielleicht?“ Oder man greift, wenn es schon mit popkultureller Referenz sein muss, bitteschön zu einer E-Card des Anbieters someecards.com. Ihre Reaktion auf die aktuelle Fließband-Flirterei ist eine Karte, auf der steht: „Call me. Fuck this Maybe-Shit.“

Text: katrin-jahns - Illustration: katharina-bitzl

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