Schaut uns zu: Arbeiten im Schaufenster

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Bürogemeinschaft Schellingstraße 81

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Illustration: Julia Schubert

Im Schaufenster: Christian Röß (25), Simone Friedberger (32), Stefanie Rost (34),Nicole Seidel (37) Was war hier vorher? Ein marokkanischer Krimskrams-Laden mit Wasserpfeifen und Teppichen. Was ist hier jetzt? Ein Grafik-Design-Büro. Drei von uns sind selbständig, der Vierte ist die personifizierte und bürolose Münchner Zweigstelle einer größeren Grafikagentur. Warum sitzt ihr im Schaufenster? Wir könnten auch von daheim aus arbeiten, aber wenn man morgens vom Bett an den Schreibtisch fällt und abends wieder zurück, dann entwickelt man hospitalistische Verhaltensweisen. Wir wollen morgens rausgehen, Kollegen haben. Die Miete des Ladens ist nicht hoch, die Lage ist zentral. Was spielt sich vor dem Schaufenster ab? Das Büro ist direkt neben einer Ampel an der Schellingstraße: Radler, Autofahrer und vor allem Japaner in den Touribussen haben deshalb die Gelegenheit, uns ausführlich anzustarren. Wenn wir winken, winken 60 Japaner zurück. Das gibt einem das Gefühl, dass man die Königin von England ist. Formstelle in der Hans-Sachs-Str. 5

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Im Schaufenster: Jörg Kürschner (36) Was war hier vorher? Ein Optiker Was ist hier jetzt? Um Optik geht’s immer noch: Meine Kollegin und ich sind beide Innenarchitekten und Möbeldesigner. Wir arbeiten nicht nur selbst in einem Schaufenster, sondern wir verwandeln auch andere ehemalige Läden in Büros. Im Glockenbachviertel liegt das im Trend. Wir haben beispielsweise eine Pferdemetzgerei umgebaut und einen Copyshop. Für solche Büros mit Schaufenstern ist die Einrichtung besonders wichtig: Sie sollen nicht nur dafür sorgen, dass die Leute, die dort arbeiten, sich wohl fühlen, sondern sie sollen auch nach außen wirken. Warum sitzt ihr selbst im Schaufenster? Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Wir mögen diese Offenheit, dass die Stimmung von der Straße ins Büro schwappt. Was spielt sich vor dem Schaufenster ab? Im Sommer liegen die Leute vor dem Sax in Liegestühlen und trinken ab 11 Uhr vormittags Cocktails. Da ist es schon mal hart weiterzuarbeiten. Meisterwerkstatt für Holzblasinstrumente, Kellerstraße 19

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Im Schaufenster: Sophie Sibille Was war hier vorher? So ein alter Tante-Emma-Lebensmittelladen. Was ist hier jetzt? Meine Werkstatt, in der ich Holzblasinstrumente restauriere und repariere. Warum sitzt du im Schaufenster? Ich mache eine Fisselarbeit und dafür ist Tageslicht einfach das Beste. Außerdem: Die Konzerthalle Gasteig ist hier ganz nah und die Musiker die dorthin gehen, sehen, was ich mache und dass ich es sorgfältig mache. Ich bin also im Schaufenster auch Werbung für mich selbst – wie die Prostituierten in Amsterdam. Die sitzen ja auch im Schaufenster. Was spielt sich vor dem Schaufenster ab? Mein Arbeitsplatz ist ein großartiger Beobachtungsposten! Ich wohne nämlich im selben Haus und bin Mutter von zwei Kindern. Wann sie wo mit wem hingehen – ich kriege das bei meiner Arbeit alles mit! Und dann gibt es da zum Beispiel noch den alten Herrn mit Hund. Ich habe noch nie mit ihm gesprochen, aber wenn er mal ein paar Tage nicht vorbei kommt, mache ich mir richtig Sorgen. Webguerillas Werbeagentur, Pestalozzistraße 13.

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Illustration: Julia Schubert

Im Schaufenster: Harald Michel (31) Was war hier vorher? Ein Laden mit T-Shirts und Filmplakaten. Die konnten sich aber nicht mehr halten und verkaufen ihr Zeug nur noch im Internet. Das ist typisch für den Wandel der Wirtschaft: Verkauft wird im Netz und in den Schaufenstern der ehemaligen Läden sitzen Online-Nerds und bauen Webpages. Was ist hier jetzt? Wir sind eine Werbeagentur der besonderen Art. Klassische Werbung im Fernsehen, in Zeitschriften und auf Plakatwänden nervt oft. Wir wollen Werbung machen, die so nett ist, dass Leute sie freiwillig weiter verbreiten, zum Beispiel Clips, über die man lacht und dann weiterschickt, an Leute, die sich vielleicht auch daran freuen. Warum sitzt ihr im Schaufenster? Reiner Zufall! Diese Räume waren eben frei, als wir etwas gesucht haben. Sie sind groß genug und nahe bei unserer Mutter-Agentur. Was spielt sich vor dem Schaufenster ab? Im Sommer stellen wir einen Tisch vor den Eingang, damit wir in den Pausen draußen abhängen können. Das führt dann dazu, dass immer wieder Leute ins Büro kommen und einen Cappuccino bestellen. Neulich hatten wir allerdings wirklich dubiosen Besuch. Zwei Polizisten in Zivil kamen rein, packten ihre Dienstmarke aus und fragten: „Ist der Boss hier Deutscher?“. Wir sagten: „Ja, wieso?“ Der eine Polizist sagte: „Routineuntersuchung!“, der andere „WMVorbereitung!“ und weg waren sie. Denkt die Münchner Polizei, dass ausländische Terroristen sich in gut einsehbaren Läden niederlassen und groß „Guerilla“ ins Schaufenster schreiben? Journalistenbüro Kuhrt/ Magnet, Kolosseumstraße 6.

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Im Schaufenster: Jette Kuhrt (28) und Sabine Magnet (29) Was war hier vorher? Eine Gas- und Wasserinstallationsfirma. Was ist hier jetzt? Ein Journalistenbüro. Also zwei kleine Mädchen und zahlreiche Worte. Warum sitzt ihr in einem Schaufenster? Das Büro ist Teil eines großen Plans. Wir arbeiten frei und es gibt uns ein geregelteres Leben, mit Feierabend und so. Die Schaufenster verstehen wir dabei als Effizienzsteigerungsmaßnahme. Außerdem passen sie zu uns: wir sind offen, kommunikationsfreudig und leicht exhibitionistisch. Aber nur leicht, deshalb haben wir schon Herren herbestellt, die die Schaufenster mit Milchglasfolie bekleben. In diesem Büro ist man derart exponiert, dass wir uns jedes Mal wie eine Installation fühlen, wenn wir drin sind. Was spielt sich vor eurem Fenster ab? Menschen auf der Suche nach Abkürzungen, Autos auf der Suche nach Parkplätzen, Katharina auf der Suche nach irgendwas – das ist eine zahnlose alte Frau, die mit ihren Tüten durch die Gegend läuft. Außerdem: junge Menschen im Trendberuf. Denn neben uns ist ein Fahrrad- und ein Plattenladen. Fotos: Patrick Ohligschläger

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