Schiri, wir wissen wo dein Mountainbike steht

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Klein sind die spanischen Spieler geworden, und auch die Nationalmannschaft Saudi-Arabiens ist geschrumpft. Das liegt daran, dass an diesem Abend auf dem Platz der Spielvereinigung Feldmoching die E-Junioren des SC Freimann Spanien sind und der Nachwuchs der Feldmochinger gibt Saudi-Arabien. Die beiden Mannschaften nehmen an einem E-Junioren-Cup teil, bei dem die Teams jeweils ein Land vertreten, das auch bei der WM spielt. Auch ein Mini-Format des Schiedsrichters Markus Merk ist dabei: Lorenz Haidinger, der die nachgestellte Partie pfeift, ist 15 Jahre alt. Das ist sehr jung für einen Schiedsrichter. Aber Lorenz pfeift sonst sogar Spiele bei den Erwachsenen. Und zeigt dabei auch mal 30-Jährigen die Gelbe Karte. Diktator und Gutmensch „Es ist schon etwas Anderes, ob ich mit 15 Jahren Spiele von Jugendlichen pfeife, oder von Erwachsenen, die doppelt so alt sind wie ich“, sagt Lorenz. „Ich brauche mehr Durchsetzungsvermögen, um den Spielern beizubringen, mich zu akzeptieren.“ Vor seinem ersten Erwachsenen-Spiel hatte er denn auch „die Hosen voll“. Nach einer Weile auf dem Platz verschwanden jedoch seine Angst und die Nervosität. Das Spiel hat Lorenz damals gut geleitet. Die bisher einzige schlechte Erfahrung hat er in einem B-Junioren-Spiel gemacht: Die Spieler fingen an, sich auf dem Feld zu prügeln. „Da habe ich gelernt, dass ich früh genug durchgreifen und konsequent sein muss, damit das Spiel nicht aus den Fugen gerät“, sagt Lorenz. Die ersten fünf Minuten sind dabei seiner Meinung nach entscheidend. Ein Schiedsrichter verschaffe sich Respekt, wenn er gleich zu Beginn durchgreift, also Fouls sofort pfeift oder wenn nötig einem Spieler eine Karte zeigt. Die Schiri-Theorie hat Lorenz an sieben Abenden gelernt, an denen die wichtigsten Regeln gelehrt wurden. Am Praxistag wurden die Spielsituationen auf dem Platz nachgestellt. Nach der bestandenen Prüfung durfte Lorenz auch die Spiele mit älteren Fußballern leiten. Bei einem B-Jugend-Spiel dann hatte ein Vertreter des TSV 1860 München Lorenz beim Pfeifen beobachtet. Er fragte den jungen Schiedsrichter, ob er nicht zu 1860 kommen will. Dort ist Lorenz nun seit Juli vergangenen Jahres und vor einem dreiviertel Jahr hat er die Prüfung abgelegt, mit der er Spiele bis zur A-Klasse pfeifen darf – bei den Erwachsenen. Dabei ist nicht nur Regelwissen gefragt, sondern es kommt auch ein Leistungstest dazu, bei dem festgestellt wurde, wie schnell Lorenz über 50 oder 100 Meter laufen kann und wie groß seine Ausdauer ist. Denn je höher die Klasse ist, um so größer sind die Anforderungen an die Fitness eines Schiedsrichters. Sein Ziel ist es, „erst mal Bezirksliga“ zu pfeifen, erklärt Lorenz. Wenn er es bis zur Landesliga schaffen würde, wäre er sehr glücklich, sagt er. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Dabei gibt es an diesem Abend in Feldmoching nicht besonders viel zu tun für Lorenz, der Brille, Kurzhaarschnitt und ein türkisgrünes Trikot trägt. So trabt er die meiste Zeit ziemlich locker oder geht sogar neben dem Spielgeschehen her, behält dabei aber dennoch den Überblick über das Spiel. In den wenigen Situationen, in denen er eingreifen muss, pfeift er laut und bestimmt und deutet in die Richtung, in die das Spiel weitergeht. Er lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wer der Chef auf dem Platz ist. Selbst bei einem E-Junioren-Turnier wie diesem ist es jedoch so, dass Zuschauer – es sind Jungs, die so alt sind wie Lorenz – nicht einverstanden sind mit Entscheidungen des Schiedsrichters, weil es Entscheidungen gegen ihre Mannschaft sind. Sie stehen am Spielfeldrand zusammen und stänkern. „Hey, schmeißen wir eine Flasche nach dem Schiri“, ruft einer. „Wenn der Schiri nochmal eine falsche Entscheidung trifft, dann hängen wir ihn da oben auf“, schimpft ein anderer und deutet hinauf zum Flutlichtmast. Es sind unbedachte Äußerungen , aber sie zeigen, welchen Widerspruch ein Schiedsrichter wie Lorenz aushalten muss. Doch dass Schiedsrichter die Buhmänner sind, ist vielleicht genau das, was den 15-Jährigen gereizt hat, als er mit zwölf Jahren in Putzbrunn anfing, Spiele zu pfeifen. Genauer gesagt: angefeindet, beschimpft und ausgepfiffen zu werden – und dabei trotzdem cool zu bleiben. Was ihm gefällt, ist „Macht über andere zu haben“, gesteht Lorenz. Und dass man sich als Schiedsrichter auch nicht als Diktator aufspielen darf, sondern einen Mittelweg zwischen Diktator und Gutmensch finden muss. Man muss auf diese Art und Weise selbstbewusst sein, wenn man Menschen, die doppelt so alt sind wie man selbst, klar machen soll, dass sie im Abseits standen. Schiri, Schiri Die Kommentare der Stänkerer am Spielfeldrand hat Lorenz nicht mitbekommen. Oder nicht hören wollen. Aber nachdem er seine Entscheidungen klar getroffen hat, sind die Zuschauer ohnehin verstummt. Und wenn die Spieler sich beschweren, mahnen die Trainer beider Mannschaften sogar: „Seid ruhig, der Schiri hat das gepfiffen.“ Sie haben Lorenz und seine Entscheidungen akzeptiert. Dabei sind es oft die Trainer, die Hektik in ein Spiel bringen, den Schiedsrichter angreifen und ihm die Schuld für eine Niederlage geben.Hektisch wird es in der zweiten Hälfte des Spiels in Feldmoching. Zuerst steht es 2:1 für die Spanier von Freimann, dann gewinnen doch noch die Feldmochinger Saudis mit 4:2. Die beiden Trainer schreien auf das Spielfeld, ein Spielervater, der neben dem Torpfosten steht, macht seinen Sohn, einen Abwehrspieler, zur Schnecke – doch Lorenz bewahrt die Ruhe und den Überblick. Er lässt sich von der Hektik nicht anstecken und auch nicht auf irgendwelche Diskussionen ein. Nach dem Abpfiff stürmt einer der Spieler bis auf ein paar Meter auf ihn zu, wedelt mit den Armen und ruft „Schiri, Schiri“, als ob er ihm noch etwas sagen wollen würde. Lorenz beachtet ihn jedoch nicht einmal und geht in die entgegengesetzte Richtung davon. Foto: Steffen Leiprecht

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