Schleppen, Schwitzen, Schwatzen

Unser Autor testet typische Münchner Nebenjobs: Dieses Mal arbeitet er als Verkaufsgehilfe am Viktualienmarkt.
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Es gibt Arbeitsplätze, die sind so schön, dass man gern einziehen würde. Was am Viktualienmarkt schwierig ist, weil da ja nur Zelte stehen. Trotzdem findet die Frau Zollner ihren Arbeitsplatz den schönsten der Stadt - und ich finde, die Frau Zollner hat recht: Vier Meter nach rechts: der gute Maibaum, gleich neben dem Brunnen. Zwei Meter nach hinten: der schönste Biergarten der Stadt. Und vor mir im Stand von der Frau Zollner: Pilze, viele Pilze. Maronen, Steinpilze, Pfifferlinge, Schwammköpfe, Waldpilze, Trüffel und Austernpilze. Zentner, ach was: Tonnen.

Wobei, stimmt nicht ganz. Die Pilze sind morgens um sieben natürlich noch nicht im Stand, sondern im Sprinter. Mit dem holt sie die Frau Zollner aus der Oberpfalz, da wohnt sie und auch die Bianca, ihre Tochter. Irgendwie müssen sie aber in den Stand hinein, also schleppe ich Pfifferlinge geputzt, Pfifferlinge ungeputzt, Steinpilze ganz und halbiert. Das mache ich alleine, weil die Frau Zollner hat es im Kreuz, genau wie die Bianca und die Albana, die auch am Stand arbeiten. Was ich nicht bedacht habe: Zehn Kilo sind auch nicht leichter, nur weil Pilze so klein und lieb sind.

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Illustration: Julia Schubert


Egal. Schleppen kann ich und Schwitzen auch. Schleppen, weil groß und gut gebaut und Schwitzen, weil vom Papi geerbt und außerdem schon immer gut im Kaffeetrinken gewesen. Da haben schon viele Leute gestaunt, meist eher zurückhaltend, damit ich keine Komplexe kriege. Die Bianca ist aber gar nicht zurückhaltend, so wie das auf dem Viktualienmarkt ist: Boah! Guck mal, wie der schwitzt!, sagt die Bianca. Und alle gucken, auch der Zwetschgenmann von nebenan, und finden, dass die Bianca Recht hat. Aber auch, dass ich gut schleppe. Als dann die Kunden kommen, bin ich halbwegs getrocknet, weil ich ein bisschen nutzlos in der Kühlkammer rumgestanden bin. Der Viktualienmarkt hat nämlich einen Keller. Auch nicht gewusst.

Am Pulli hängen Ästchen und Moosfetzen, riechen tue ich wie ein Wunderbaum Oberpfälzer Wald. Eine grüne Schürze habe ich an, das wirkt sehr professionell. Nur, dass mein Rücken ungefähr an der Stelle einen scharfen Knick hat, wo das Band von der Schürze zugemacht wird. Anscheinend wirkt das aber sehr authentisch, weil wegen Kreuzschmerzen nach vorne gebückt und beim Pilzesuchen nach vorne gebückt genau dieselbe Körperhaltung ist.

Ich werde nach Tipps zum Braten und Putzen und Essen der Pilze gefragt, die ich irgendwie mit meinem gesunden Menschenverstand beantworte. Zwischendrin schippe ich kräftig in die Tüte, die Frau Zollner hat gesagt, ich soll es wie der Metzger machen: Darfs ein bisserl mehr sein? Darf es meistens. Vor allem bei den Handwerkern, die morgens auf dem Viktualienmarkt einkaufen. Denen ist wichtiger, dass ich Reherl anstatt Pfifferlinge sage, als dass ich das bestellte Pfund nur annähernd treffe. Da achten eher die Damen aus Schwabing drauf. Die strecken aus den Ärmeln ihrer Kostüme goldbehangene Handgelenke mit dürren Fingerchen hervor, mit denen sie auf jeden Pilz zeigen, den ich einpacken soll. Wenn ich die dann auf die Waage lege, sind sie ganz erschrocken. Weil die 200 Gramm, die sie ausgesucht haben, 400 Gramm wiegen. Den Leuten aus dem Glockenbachviertel ist das egal. Der stellt die dritte Einkäufergruppe und auch wenn das jetzt klischeehaft klingt: Bei dem sollen sie schon gut aussehen, die Pilze. Also bitte den großen schönen, auch wenn der ein Pfund wiegt. Weil das Auge und ein paar Freunde mitessen.

Am Mittag dann will ich eine Maß trinken, gleich hinter dem Stand im Biergarten. Geht aber nicht: Mein Rücken will eine Lehne und die Bierbänke haben keine. Morgen, Frau Zollner, komme ich übrigens nicht. Ich habs im Kreuz.

Korrekte Jobbezeichnung:
Verkaufsgehilfe am Viktualienmarkt
Verdienst:
Um die 10 Euro pro Stunde
Wie bewirbt man sich?
Mündlich: Abends fragen, am nächsten Morgen anfangen.
München-Faktor:
Weil die Pilze aus der Oberpfalz kommen: Nur 98 Prozent

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