Schreibt so ein Aufständischer? Der Autor Paul Brodowsky

Paul Brodowsky, geboren 1980, wurde zusammen mit Ariane Breidenstein, Kevin Vennemann und Thomas Melle von seiner Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz als Quartett der "Aufständischen, Einzelgänger, Reizfiguren" angepriesen werden. Von 31. Mai bis 23. Juni ist Paul Brodowsky auf Lesereise, um seinen neuen Erzählungsband Die blinde Fotografin (Suhrkamp) vorzustellen. Vor seiner Ankunft in München hat jetzt.de mit ihm gesprochen.
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Illustration: Julia Schubert

Woher kommst du gerade? Ursprünglich aus Kiel, wo es Sprotten, eine Fünfzigerjahre-Fußgängerzone und Salzluft gibt. Inzwischen und am Freitag komme ich aus Berlin. (Und da gibt’s auch so einiges: die alte Tante Volksbühne, die besten Frisuren, und ein schwimmendes Freibad). Was bringst du mit? Ich bringe eine Erzählung, eine Dreiecksgeschichte mit dem Titel „Zoltan und ich“. Darin geht es um das Konkurrenzgebaren zweier junger Komponisten, die wie in einem Wettkampf um die Gunst einer gemeinsamen Freundin buhlen. Deine Verlegerin hat dich und deine Kollegen als „Aufständische, Einzelgänger, Reizfiguren“ bezeichnet. Seid ihr das? Ich komme aus einer Großfamilie (sechs Geschwister) und fühle mich von daher in Personenkollektiven am wohlsten. Soviel zum Einzelgängertum. An Aufständen habe ich bislang noch nicht ernsthaft teilgenommen, außer vielleicht der gegen den tragischen Abriss des wunderbaren „Palast der Republik“ in Berlin. Und ich kleide mich meist in gedeckten Farben (dunkle Röhrenjeans, schwarzes Hemd), besonders augenaufreizend ist das nicht. Warum seid ihr dann "Aufständische"? Was unsere Verlegerin damit vermutlich meint, ist etwas anderes: Nicht unbedingt wir selbst, aber unsere Texte haben ein gewisses Reizpotential. Mitunter habe ich auf der bisherigen Lesereise regelrecht verstörte Zuhörer erlebt. Die Texte plätschern nicht gerade lau dahin, vielmehr fordern sie konzentrierte Leser. Und besonders ältere Zuhörer waren von den manchmal dramatischen Schlusswendungen meiner Texte, von der Autoaggressivität einiger meiner Figuren irritiert, glaube ich. Du schreibst nicht nur Erzählungen, sondern auch Theaterstücke. Was interessiert dich daran? Es gibt nichts schöneres, als die eigenen Figuren plötzlich leibhaftig von Schauspielern verkörpert zu sehen. Man ist ja in seine Figuren immer auch ein bisschen verliebt (Schreiben ist Autoerotik). Und im Moment der Inszenierung kann man seinen Liebesobjekten dann wirklich zuschauen (und braucht sich nicht mit der bloßen Vorstellung abzufinden). Außerdem mag ich Großkollektive, wie das Theater eins ist (s. a. meine Herkunft aus der Großfamilie). Was unterscheidet Theaterstücke schreiben davon, Erzählungen zu schreiben? Die Sprache hat bei Stücken eine andere Direktheit, eine Mündlichkeit, wenn man so will. Ich denke stärker aus Figuren heraus. Und Stücke schreiben sich bei mir, wenn ich einmal Stoff, Figuren und Konflikte gefunden habe (was Monate dauern kann), viel schneller, fast automatisch; bei Erzählungen brüte ich lange über den einzelnen Satz. Der steht dann aber auch ziemlich gemeißelt da. Außerdem neige ich in meinen Erzählungen zu einer gewissen Beschreibungsexzentrik; das funktioniert wunderbar in einem Buch, aber in einem Stück verlöre man mit sowas schnell die Spannung. Was soll dir mal nachgesagt werden? With a rebel yell he cried more more more. Foto: Lothar Herzog

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