Schuld und Mutter

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Manchmal suche ich noch heute die Schuld bei mir. Als ich mit vierzehn von Zuhause auszog, war ich pubertär und wahnsinnig stur. Ich wollte mich für nichts mehr bei meiner Mutter entschuldigen, ich wollte bei keinem Streit auch nur einen Schritt auf sie zugehen. Also zog ich zu meinem Vater, der mir Recht gab, der meine Mutter noch weniger leiden konnte als ich in diesen Monaten.

  Die Jahre bei meinem Vater waren einsam, er arbeitete viel oder war bei seiner neuen Familie. „Familie zwei“, wie er sie immer so liebevoll nannte. Wir versuchten es mit gemeinsamen Sonntagen, gingen Essen oder ins Kino. Es tat gut, trotzdem fehlte etwas Großes zwischen uns. Dieses Große gab es nur zwischen meiner Mama und mir.

  Die Besuche bei ihr häuften sich irgendwann wieder. Mindestens einmal die Woche trafen wir uns. Wir saßen in der Küche, lachten viel, ich sah meine Schwester endlich wieder und wir aßen gemeinsam zu Abend. Eines Tages erzählte mir meine Mama, dass sie bei einer Vorsorgeuntersuchung gewesen sei. Der eigentliche Termin war erst in ein paar Monaten. Meine Mama kam von sich aus auf ihre Ärztin zu, Krebs war bis zu diesem Zeitpunkt nie ein Thema in unserer Familie gewesen. Aber meine Mama, stellte sich heraus, hatte einen Knoten in der Brust. Eine Woche später bekam sie einen Anruf, der Arzt sagte: „Es ist nicht gut, aber sie müssen nicht daran sterben.“ – „Gott sei Dank wurde er so früh entdeckt“, sagte meine Mama immer wieder. Der Krebs in ihrem Körper hatte noch nicht gestreut.
  „Gott sei Dank?“, dachte ich und verstand nichts.

  Sie erklärte mir, dass Krebs vor allem durch Stress entstehe. Ich brachte diesen Stress sofort mit mir und meinem Auszug in Verbindung. Ich fühlte mich schuldig. Sie hatte viel geweint in jener Zeit, sie hatte gekämpft und geschrien. Sie hatte sich über mich geärgert und war oft schlaflos im Bett gelegen. Wegen mir mussten Ämter informiert, Blätter ausgefüllt und wichtige Telefonate geführt werden. Mein Vater ließ sie zudem immer wieder spüren, dass er am Ende den Kampf um mich gewonnen hatte.

  Ich hatte meine Mutter einfach zurückgelassen und vor allem alleine gelassen. So sah ich das und deshalb tat mir alles unheimlich leid. Sie hatte Krebs. Unter anderem, dachte ich: wegen mir.

  Ich stellte viele Fragen, wir telefonierten oft. Ich hatte plötzlich das Gefühl, für meine Mama ganz viel da sein zu müssen. Sie wollte das zwar irgendwie, wehrte aber jede Hilfe ab. Der meistgesagte Satz von ihr war wohl „Ich schaffe das schon.“ So war meine Mama immer und wenn ich diesen Satz aufschreibe, muss ich kurz schmunzeln. So war sie wirklich immer, sie konnte und wollte sich nicht helfen lassen. Beim Kochen sowie bei den Arztbesuchen. Damals hat mich dieser Satz wahnsinnig gemacht, ich wollte ihr etwas abnehmen. Irgendetwas. Wollte Sie manchmal an den Schultern packen und sagen: „Du musst das nicht alleine schaffen.“

  Sie wurde operiert, ich fuhr mit dem Bus in die schöne Klinik. Es war Juli, sie stand draußen vor der Klinik und rauchte eine Zigarette. Ich wünsche mir bis heute, dass sie mit dem Rauchen aufhört. Sie kann nicht, sagt sie. Eigentlich will sie nicht, glaube ich.

  Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich das damals gemacht habe. In dieses Krankenhaus zu fahren und dabei nicht in Tränen auszubrechen; mir immer wieder bewusst zu machen, dass meine Mama Brustkrebs hat. Gleichzeitig nervt mich diese Coolness, die ich damals an den Tag legte. Ich hätte weinen dürfen, ich hätte zerfließen können. Ich habe es nicht getan. Vielleicht, um meiner Mama nicht zu zeigen, wie schlimm es wirklich war. Vielleicht aber auch, um mir selbst einzureden, dass alles, was damals passierte, gar nicht so schlimm ist.

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Illustration: Julia Schubert



  In meinem Fotografiegrundkurs bekamen wir Hausaufgaben. Ich fotografierte meine Mama „oben ohne“. Nach der Operation war eine Brust ein wenig kleiner als die andere, die Narbe ist noch heute zu sehen. Sie zog sich in der halbdunklen Küche aus, ihr rechter Busen sah mitgenommen aus. Ich erschrak, versuchte das Foto trotzdem kommentarlos zu machen. Als würde man einen Baum fotografieren oder eine Katze, die sich ins Bett gekuschelt hat. Meine Hände zitterten.

  Meine Schwester ging ganz anders damit um. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann sehe ich sie nirgendwo. Sie war damals 12, sperrte sich in ihrem Zimmer ein. Sie stellte keine Fragen, zeigte sich nicht sonderlich getroffen. Ich muss mir dazu wohl eingestehen, dass ich viel versäumt habe. Ich war nicht dabei, als meine Schwester mit 13 mitten in der Pubertät steckte. Ich hatte den Draht zu ihr verloren. Ich wohnte schließlich woanders.

  Dann wollten sie umziehen, meine Mama, ihr Freund und meine kleine Schwester. Ein Zimmer hätten sie noch frei, sagten sie mir immer wieder. Sogar der Freund meiner Mama, vom dem ich nie sonderlich viel gehalten hatte, wünschte sich, dass ich mit einziehen würde. Für mich stand fest: Ich wollte mitkommen. Sie bekamen den Schlüssel, ich sah mein Zimmer. Es war wunderschön, mit altem Holzboden und hohen Decken. Heute weiß ich, dass es wohl nicht nur der alte Holzboden war, der mich in diese Wohnung zog. Es war vor allem meine Mama. Ich wollte sie um mich haben. Vielleicht wollte ich auch meinen Auszug zwei Jahre zuvor wieder gut machen. Einen Tag bevor ich auszog, sagte ich auch meinem Vater Bescheid. Zwischen Autotür und Schultor, zwischen halb acht und acht Uhr morgens. Er fühlte sich verraten.

  Die ersten Monaten verliefen unglaublich gut, sogar Mamas Freund und ich verstanden uns. Doch als ich 17 wurde, war ich viel unterwegs. Ich schlief lange und kümmerte mich um nichts. Heute denke ich oft: „Hätte ich mich in dieser Zeit nur zusammenreißen können, dann wäre alles anders gekommen.“ Schon bald stritten wir uns wieder. Mamas Freund und ich provozierten uns, bis nichts mehr ging. Bis meine Mama nach Hause kam und sich zwischen uns werfen musste. Ich war fast 18 und habe es nicht geschafft, mich zu verteidigen. Ich habe meine kranke Mama mit Themen belastet, die heute sehr nichtig erscheinen.

  Halbjährlich musste meine Mama zur Nachuntersuchung gehen. Zwei Jahre nach dem Brustkrebs zog sie einen Termin um einen Monat vor, kurz vor Weihnachten kam sie weinend nach Hause. Es war wieder Brustkrebs. Wieder stand ich in der Küche und verstand nichts. Nun war ich zwar bei ihr und hatte trotzdem alles falsch gemacht. Ich ließ die beiden Jahre in der gemeinsamen Wohnung Revue passieren. Wenn ich nicht mit eingezogen wäre, hätte sie niemals diese zweite Diagnose erhalten, warf ich mir vor.

  Die Ärzte wollten ihre Brust diesmal bestrahlen, der Krebs war wieder an derselben Stelle aufgetaucht. Einmal nur kam ich mit. Wir stiegen aus dem Auto und gingen den langen Weg durch den Krankenhauspark, scherzten auffällig viel. Es war Winter, im Wartezimmer saßen Frauen ohne Haare. Manchen sah man den Krebs auch nicht an, so wie meiner Mama. Die Situation machte mir Angst, ich wollte ihr das nicht zeigen, blätterte in einer Zeitung, während sie bestrahlt wurde.

  Meine Mama fuhr täglich nach der Arbeit in dieses Krankenhaus und ich war nur einmal dabei. Sicherlich machten ihr die Frauen ohne Haare genauso Angst wie mir, wenn nicht noch mehr. Ich saß Zuhause und war mir sicher, dass Schule wohl das Schwierigste sei, was im Leben auf einen zukommt. Heute mache ich mir große Vorwürfe deswegen. Weil ich blind war. Blind und so egoistisch.

  Heute sagt meine Mutter, dass ihr während dieser Zeit das erste Mal wirklich bewusst wurde, dass sie Krebs hatte. Nach einer Operation wacht man auf und der Knoten ist weg. Doch Tag für Tag zur Bestrahlung gehen, sagte sie, das sei etwas anderes.

  Ich wohne mittlerweile alleine, besuche meine Mama oft und telefoniere jeden Tag mit ihr. Meine größte Angst ist, dass der Krebs irgendwann wieder kommt. Wenn sie zu einer Nachuntersuchung muss, verdränge ich das, manchmal vergesse ich es sogar ganz. Ab und zu träume ich auch von ihr. Von Krebs, vielen Tränen und meiner Mama, die ich alleine gelassen habe. Ja, manchmal suche ich noch heute die Schuld bei mir.

Ist es normal, wenn man Schuld an der Krankheit eines Elternteils empfindet? Lies dazu das Interview mit Monika Keller, die die Psychoonkologie an der Universitätsklinik Heidelberg leitet.


Text: anja-schauberger - Foto: cw-design/photocase.com

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