Schwarz von München nach Berlin

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Drogenabhängige und Schwarzfahrer haben etwas gemeinsam: Niemand kennt ihre genaue Zahl. Registriert werden schließlich nur die, die auch erwischt werden. Schwarz fährt man, wenn man jung oder sehr arm oder beides ist. Irgendwann ist es den Stress dann nicht mehr wert. Nach Ende des Tarifstreits mit der Bahngewerkschaft GDL kündigte Bahnchef Mehdorn an, die Preise für den Personenverkehr zu erhöhen. Anlass genug, einmal herauszufinden, wo und wie man in Deutschland noch schwarzfahren kann. Unser Autor machte einen Wochenendausflug von München nach Berlin und legte auf der Rückfahrt einen Zwischenstopp in Leipzig ein. Sein Ziel: So wenig Geld wie möglich ausgeben – und das im ICE. Seine Notfallausrüstung bestand aus einer Kreditkarte und einer Bahncard50. Hinfahrt Zeit: Freitag, 18. Januar 2008, 16.23 Uhr Weg: ICE München – Berlin über Nürnberg und Leipzig. Der Plan: Wenn der Schaffner kommt, aufs Klo oder im Bordbistro hinter dem Angebot der Bahn (Currywurst und Kaltgetränk für 5,20 Euro) verstecken. Der Zug ist gerammelt voll. Aber immer noch besser als mit drei Berufsjugendlichen in einem Fiat Panda sechs Stunden „Die Ärzte“ hören zu müssen (wie vor drei Wochen mit der Mitfahrtzentrale). Ich setze mich auf einen der Klappstühle gegenüber der Toilette. Einen Wagen weiter ist das Bordbistro, direkt vor mir das Klo – die zwei einzigen potentiellen Fluchtpunkte. Direkt neben mir steht zwar eine Kontrolleurin, aber vor Pasing wird normalerweise nicht kontrolliert. Ich nehme mir vor zu warten und darauf zu achten, in welche Richtung die Kontrolleurin zwischen Hauptbahnhof und Pasing geht. Dann entscheide ich mich für ein Versteck. Leider hält aber der Zug in Pasing nicht. Die Türen schließen und ich bin also der erste Fahrgast des ganzen Zuges, der den Satz „Die Fahrscheine, bitte!“ hören muss. Ich habe keinen und als Ziel gebe ich nicht nur Nürnberg, sondern gleich Berlin an. Das erweist sich als voreilig: Ich werde bis Berlin nicht mehr kontrolliert, obwohl ich sogar meinen Platz wechsle. Peinlich ist das Nachlösen einer Karte übrigens nicht. Die Schaffnerin ist diskret und ich bezahle lediglich den kleinen Aufpreis von sechs Euro. Kosten: 59 Euro Fazit: Plan gescheitert.

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Illustration: Julia Schubert

Nicht Nachmachen Nr.1: Wie viele Personen in Deutschland täglich schwarzfahren, weiß niemand genau. Aber „aufgrund der enormen Schwankungen der Zahlen je nach Kontrollverhalten lässt sich erkennen, dass die Zahl der nicht entdeckten Schwarzfahrer äußerst groß sein muss“, steht in einer Arbeit aus dem Fach Kriminologie über das Erschleichen von Leistungen. „Des Weiteren wird ein Schwarzfahrer gewöhnlich nur dann angezeigt, wenn er bei der Tat bereits zum dritten Mal entdeckt wurde.“ Wer sich durch Schwarzfahren eine Anzeige einhandelt, hat tatsächlich ein Problem: Die Geldstrafen liegen etwa bei 800 Euro. Allerdings notieren die Kontrolleure meist nur dann den Namen, wenn der Schwarzfahrer die 40 Euro Strafe nicht sofort bar zahlt. Professionelle Schwarzfahrer haben deswegen immer genug Bargeld dabei. U-Bahn Intermezzo Zeit: Samstag 19. Januar 19.30 – Sonntag, 20. Januar 3.45 Uhr Weg: Berliner U-Bahn Hermannstraße - Senefelder Platz und zurück Der Plan: Hoffnung In Berlin sind die Kontrolleure nicht von normalen Fahrgästen zu unterscheiden. Schnelle Flucht durch rechtzeitiges Erkennen der Kontrolletis wie in München ist in Berlin deswegen kaum möglich. Sie arbeiten außerdem auf Provision und haben eine bestimmte Quote zu erfüllen. Ich vertraue auf mein Glück. Keine Kontrolle auf der Hinfahrt. Auf der Rückfahrt sind die Nerven aufgrund mäßigen Alkoholkonsums noch entspannter als bei der Hinfahrt. Wieder keine Kontrolle. Kosten: Null. 4,20 Euro (2 mal Zone AB) gespart. Fazit: Das Risiko, erwischt zu werden, ist in der U-Bahn geringer – die Strafe mit 40 Euro dafür höher als im ICE. Nicht Nachmachen Nr. 2: In der Spieltheorie gilt Schwarzfahren als eine Variante des berühmten Gefangenendilemmas, bei dem die Interessen jedes Einzelnen mit dem Interesse der Gruppe kollidieren: Jeder einzelne Mitspieler hat ein Interesse daran, nichts zu bezahlen. Die Gruppe aber will das Beförderungssystem aufrechterhalten. Verweigern zu viele Personen die Bezahlung, kollabiert das System. „Durch Schwarzfahren entsteht ein volkswirtschaftlicher Schaden von 250 Millionen Euro im Jahr“, sagt Friedhelm Bien, Pressesprecher vom Verband deutscher Verkehrsunternehmen. Er schätzt die Schwarzfahrerquote in S- und U-Bahnen auf drei Prozent. Diese Zahl ist hoch gerechnet – schließlich wird nur ein Teil der Schwarzfahrer tatsächlich erwischt.


Zweiter Versuch Zeit: Montag, 20. Januar, 14.01 Uhr Weg: ICE Berlin Südkreuz - Leipzig Hbf Der Plan: Nach Betreten des Zugs sofort im Klo einschließen und dort die ersten 15 Minuten (= Kontrollzeit) verbringen. Ich habe einen Sitzplatz in der Mitte des Wagens, also Kontrolleure gut im Blick. Um 14.15 Uhr sehe ich den ersten Mann in blau. Er sieht aus wie Jörg Schöhnbohm. Ich verziehe mich aufs Klo. Fünf Minuten betrachte ich mein Gesicht im Spiegel. Dann zischen die Türen zwischen den Wagen. Der Schaffner geht vorbei. Ich warte noch bis 14.25 Uhr und gehe dann auf meinen Platz zurück. Kurz Zeit später erscheint Schönbohm und sagt auf Sächsisch: „Die Fahrscheine bitte!“ Er hat von hinten angefangen zu kontrollieren. Ich kaufe ein Ticket nach Leipzig und muss einen kleinen Aufpreis von drei Euro bezahlen. Kosten: 23 Euro Fazit: Schwarzfahren klappt im ICE nicht, wenn man den Zug an seinem Startort betritt. Chancen, vom Schaffner übersehen zu werden, bestehen nur, wenn man auf einer Strecke zusteigt. Nicht Nachmachen Nr. 3: Schwarzfahren kann zwei Straftatbestände erfüllen: Wer ohne gültigen Fahrausweis fährt, macht sich der Erschleichung von Leistungen nach § 265a StGB strafbar. Schlimmer ist das Vorzeigen falscher Ausweise oder eines Fahrscheins, der nicht für die richtige Zone gültig ist. In diesem Fall macht sich der Schwarzfahrer des Betruges und/oder der Urkundenfälschung strafbar (Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis fünf Jahre). Dritter Versuch Zeit: Montag, 20. Januar 17.11 Uhr Weg: ICE Leipzig Hbf - München Hbf, über Jena, Nürnberg, Ingolstadt Der Plan: Volles Risiko. Bei einer Kontrolle nach Leipzig kaufe ich ein Ticket nach Nürnberg und bleibe hinter Nürnberg einfach sitzen. Um sicher zu gehen, werde ich nach der ersten Kontrolle auch noch den Platz wechseln. Mit mir eingestiegen ist ein Geschäftsreisender mit McDonald’s-Menü. Es riecht nach Pommes. Gegenüber schnarcht ein Japaner. Die Kontrolleurin kommt von hinten und fragt: „Noch wer zugestiegen?“. Der Japaner schnarcht, der Geschäftsreisende kauft ein Ticket, ich mache nichts. Gar nichts. Die Kontrolleurin geht weiter. Bis Nürnberg stelle ich mich schlafend. 20.39 Uhr Zugwechsel in Nürnberg. Kurz nach der Abfahrt gehe ich ohne Gepäck ins Bord-Bistro, bestelle einen Kaffee, drücke mich an einen Stehtisch und blicke aus dem Fenster. Als die Hälfte des Pappbechers leer ist, kommt er: ein älterer, kleiner Herr in Blau. Er sieht nett aus. Gerade als er das Bistro wieder verlassen will, dreht sich sein Kopf in meine Richtung: „Sind Sie zugestiegen?“, fragt er. „Mmh. . . mmh“, grummle ich. Er wird lauter: „Haben Sie einen Fahrschein oder nicht?“ „Ja“, sage ich. Ich habe gelogen. Das fühlt sich nicht besonders gut an. Er geht weiter. Ich trinke den Kaffee aus, gehe zu meinem Platz und schlafe bis München. Kosten: Null (regulär: 42 Euro) Fazit: Schwarzfahren im ICE geht – aber nur, wenn man 1. auf einer Strecke zusteigt, 2. die erste Kontrolle übersteht, 3. starke Nerven und 4. keine Gewissensbisse hat. Gesamt-Transportkosten des Wochenendes im Überblick (inklusive U-Bahn-Ticket): Schwarz: 82 Euro Mit Bahncard50: 120,70 Euro Ohne Bahncard: 237,20 Euro Mitfahrzentrale: 54,20 Euro

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