Selbstversuch mit 25 km/h

In den USA entdecken retrobegeisterte Menschen das Mofa neu – in München musste sich unsere Autorin von Radfahrern überholen lassen
christina-waechter

Als ich mit 15 Jahren alt genug war für ein Mofa und ein solches zum Geburtstag einforderte, wurde mir von wohlmeinenden Erziehungsberechtigten geraten, mir doch bisweilen den Kopf untersuchen zu lassen, und – wo ich doch gerade dort sei – im Krankenhaus auf der Unfallstation vorbeizuschauen, da würden nämlich Irre wie ich landen, die auf motorisierten Zweirädern über die Landstraßen rasten. Dass so ein Mofa im Gegensatz zu einem Motorrad oder Roller gerade mal 25 km/h Höchstgeschwindigkeit schafft, ließ man als Argument nicht gelten und so musste ich weiterhin auf einem altmodischen Fahrrad zum Supermarkt, in die Schule und zu Freunden fahren und meinen Traum von einer Karriere als Halbstarke begraben. Wie groß meine Sehnsucht nach dem Mofa damals war, wurde mir erst vor einigen Wochen richtig klar, als ich in einer amerikanischen Zeitschrift las, dass das Mofa im New Yorker Hipster-Viertel Brooklyn gerade das alte Rennrad als Fortbewegungsmittel der Stunde ablöst. Da jeder weiß, dass sich der gemeine Münchner Hipster nicht lange bitten lässt, wenn es darum geht, Trends aus Amerika zu übernehmen, war klar, dass das Mofa spätestens im Sommer 2010 auch rund um den Gärtnerplatz zum Transportmittel der Wahl ausgerufen werden würde. Anlass genug für mich, die Kollegen davon zu überzeugen, dass ich dringend eine Woche lang den Mofa-Test machen musste.

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Mofa-Demütigungen Im Gegensatz zu New York, wo die Neueröffnung des Mofa-Shops „The Orphanage“ Anfang dieses Jahres für großes Medien-Echo gesorgt hatte, werkelt man bei der „Vesbar“ in Ramersdorf seit sechs Jahren unbehelligt von jeglichem Hipster-Verdacht vor sich hin. Eigentlich hat sich Besitzer Jörg Steinmetz auf den Verkauf, die Reparatur und den Verleih alter Vespa-Rollern spezialisiert. Dass zwischen denen auch das ein- oder andere Mofa hervorschaut, hat sich irgendwie so ergeben. Denn einen großen Markt für Mofas sieht er trotz leichter Image-Erholung in den vergangenen Jahren nicht wirklich. Bis in die 1970er Jahre war das Mofa ein viel benütztes und sparsames Alltagsgefährt. Dann kamen kurz hintereinander zwei Gesetzes-Änderungen, die den Mofa-Markt fast zum Erliegen brachten. Zunächst wurde auch für Mofafahrer die Helmpflicht eingeführt, woraufhin sich viele Fahrer verabschiedeten, die einen so neumodischen Sicherheits-Unsinn nicht mitmachen wollten. Die zweite Runde des Niedergangs wurde eingeläutet, als in Deutschland auch für das Mofa eine Fahrprüfung eingeführt wurde. Die war zwar nicht besonders schwierig, kostete aber Geld, das die Jugendlichen lieben sparten, um damit ein Jahr später den Roller-Führerschein zu machen. Mit dem konnten sie immerhin auf 50 km/h beschleunigen. Einzig eine kleine Gesetzeslücke sorgte dafür, dass das Mofa bei uns nicht ganz ausgestorben ist: Wer vor dem 31. März 1965 geboren ist, der darf weiterhin auch ohne Fahrerlaubnis ein Mofa fahren – wenn man zum Beispiel wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein losgeworden ist. Jörg Steinmetz erzählt, dass man bis vor kurzem diese Kandidaten relativ leicht erkennen konnte: „Wenn einer in den Laden gekommen ist und das Mofa gleich mitgenommen hat, dann war ziemlich klar, dass der gerade seinen Lappen abgegeben hatte.“ Für mich hat er eine schwarze Piaggio Ciao reserviert, die Jörg gerade von einem Eisverkäufer in Zahlung genommen hat, dessen Geschäfte in diesem verregneten Sommer eher schleppend gelaufen waren. Die Einführung in das Gefährt ist schnell erledigt: Rechts das Gas und Vorderbremse, links die Hinterbremse und der Motor geht nach ein paar Pedaltritten fast wie von selbst an. Mit der dringenden Ermahnung, immer einen Helm zu tragen, werde ich in die Welt entlassen. Und dort ereilt mich nach wenigen Metern die erste von vielen kommenden Demütigungen: Obwohl ich bis zum Anschlag Gas gebe und mit Höchstgeschwindigkeit die Straße entlang flitze, werde ich von einem Radfahrer nach dem anderen überholt – die dabei mal feixend, mal rechtschaffen erbost über die Schulter schauen. Aber nach ein paar Fahrten sind diese Demütigungen vergessen: Statt mich über ehrgeizige Radler zu ärgern, genieße ich die Aussicht auf die langsam vorüber ziehende Stadt – und die Gewissheit, dass ich die Radler spätestens am nächsten Berg eingeholt haben werde. Praktisch ist das Mofa tatsächlich nicht unbedingt. Mit dem Fahrrad bin ich leiser und wendiger, mit dem Auto sehr viel schneller und auch ein bisschen sicherer. Aber weder beim Fahrrad noch beim Auto macht es so viel Spaß, in die Kurve zu gehen. Rupert hat 22 Mofas In Amerika gibt es in jeder größeren Stadt mindestens eine Mofa-Gang mit tollen Namen, wie „The Tom Cruisers“ oder „Hells Satans“. Hier in München dagegen fühle ich mich etwas einsam. Früher war das Mofa mal das Gefährt der Halbstarken, die sich durch besonders lautes Auspuffgeschubbere in den Vorstädten bemerkbar machten, wenn sie nicht die Kinderspielplätze in den Abendstunden okkupierten. Heute sind die einzigen Mofa-Kollegen, die mir auf meinen Runden durch die Stadt begegnen, Zeitungsausträger. Und meine vorsichtige Annäherungsversuche – warum nicht in Formation fahren? – werden von ihnen wenig enthusiastisch aufgenommen. Jörg Steinmetz glaubt, dass der vermutete Münchner Mofa-Hype auf genau eine Person zurückzuführen ist: seinen Mitarbeiter Rupert N., der 22 Mofas besitzt und nach seinem Dafürhalten der einzige Münchner mit dieser Leidenschaft ist. An meinem dritten Mofa-Tag passiert dann, wovor ich von feixenden Freunden wiederholt gewarnt wurde: Mitten während der Fahrt, kurz hinter dem Candidplatz, säuft der Motor ab und lässt sich einfach nicht mehr starten. Trotz Zureden, Wüten und vorsichtigem Betasten der Außenhülle bleibt der Motor stumm und mir keine Wahl: Ich muss schieben. Nach einigen schweißtreibenden Kilometern biege ich in eine Tankstelle ein und werde von den Angestellten etwas schräg angeschaut, als ich meine Tankfüllung über 1,84 Euro begleiche. Aber auch mit einem vollen Tank springt der Motor nicht an und ich muss weiter mit hängendem Kopf nach Ramersdorf schieben und es dort von den erfahrenen Vesbar-Mechanikern anschauen lassen. Ein Trost bleibt mir: das plötzliche Verstummen meines Mofas hat nichts mit mir zu tun. Mir wird unter Verwendungen vieler Fachausdrücke erklärt, dass so ein Mofamotor oft deshalb absäuft, weil er künstlich auf die Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h runtergedrosselt werden muss. Das Problem wird dann recht unkonventionell behoben: eine Schraube wird in den Luftfilter gedreht – und schon kann ich wieder weiterfahren. Mittlerweile habe ich es auch raus, wie man einigermaßen elegant bremst, Gas gibt und den Motor startet, was mich nach meinem Dafürhalten ausreichend dafür qualifiziert, mal am Gärtnerplatz vorbeizuschauen. Meine Hoffnung: Gleichgesinnte zu finden, mit denen ich mich über Hubraum und anderen Quatsch austauschen könnte. Doch obwohl ich mehrmals rund um den Gärtnerplatz brause und mich lautstark bemerkbar mache, sind die einzigen Menschen, die mich wohlwollend zur Kenntnis nehmen, Arbeiter einer nah gelegenen Baustelle. Ich glaube, diese Stadt ist im Sommer 2009 noch nicht reif für eine Mofagang unter meinem halbstarken Vorsitz.

Text: christina-waechter - Fotos: Juri Gottschall

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