„Sicherheit ist gar nicht erstrebenswert“

30 Jahre für die Literatur: Verlegerin Antje Kunstmann über Schreiben, Scheitern und die Schönheit der Chance „Bücher für Mehrheiten, die wie Minderheiten behandelt werden“ – das war das Motto, das Antje Kunstmann vor 30 Jahren ihrem neu gegründeten Verlag voranstellte. Gemeinsam mit dem Weismann Verlag veröffentlichte sie Bücher, die sich mit Faschismus, der „Dritten Welt“ und der Situation von Jugendlichen und Frauen auseinander setzten. Im Mai feiert der Antje Kunstmann Verlag seinen 30. Geburtstag.
caroline-vonlowtzow

Frau Kunstmann, kann man mit Büchern die Welt verändern? Damals haben wir das natürlich wirklich geglaubt. Wenn man eine Weile Bücher macht, wird man da sehr viel bescheidener. Natürlich verändert Wissen die Welt, aber nicht so direkt, wie wir das damals geglaubt haben. Es gibt immer wieder Bücher, die bestimmte politische Bewegungen geistig unterstützen oder in denen etwas formuliert wird, was später zu einer politischen Bewegung führt, etwa bei der Umweltbewegung. Hatten Sie ein konkretes Ziel, das Sie mit ihren Büchern erreichen wollten? Damals gab es noch politische Bewegungen. Wie eine Lehrlingsbewegung, auf die der Verlag reagiert hat. Es gab die Frauen- und die Studentenbewegung. Zu vielen Themen, mit denen wir uns auseinander gesetzt haben, gab es keine Bücher. Wir haben uns gesagt: Wenn es die Bücher nicht gibt, dann machen wir die selber.

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Illustration: Julia Schubert

Wie wichtig war die Studentenbewegung dafür? Mit der ist ja noch mal einiges ins Rollen gekommen. Es gibt inzwischen ein richtiges Ressentiment gegen alles, was mit 1968 zusammen hängt. Aber man muss sich immer klar machen, dass vieles, was wir heute für selbstverständlich halten, auf die Studentenbewegung, die es ja nicht nur in Deutschland gegeben hat, zurückzuführen ist: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist damals erst richtig in Gang gekommen. Aber das Wichtigste dieser ganzen Bewegung ist, dass sich das ganze Bewusstsein verändert hat. Die Gleichberechtigung war im Grundgesetz nicht verankert, Homosexualität war verfolgt, es hat sich kulturell einfach wahnsinnig viel verändert. Junge Frauen müssen sich heute alles wieder neu erkämpfen. Kann man diese Veränderung auch an ihrem Programm ablesen? Das kann man selbst immer schwer einschätzen. Man reflektiert natürlich diese Veränderung. Wir haben auch vor zwanzig Jahren Bücher über die Umweltproblematik herausgebracht, aber der Diskurs verändert sich. Jede Generation informiert sich neu und findet einen neuen Zugang zu einer Problematik. Ist das so? Feminismus ist ein gutes Beispiel. Es gab vor ein paar Jahren die Debatte, ob junge Frauen überhaupt noch was von Emanzipation wissen wollen. Die Haltung damals war ein bisschen so: Ich bedanke mich ja auch nicht bei Edison für die Glühbirne. Trotzdem hat Ihre Generation im Prinzip das gleiche Problem wie wir damals. Vielleicht sogar noch gravierender, weil es keine Jobs gibt und es dann ganz schnell heißt, Frauen sollen doch zu Hause bleiben. Gleichzeitig reicht ein Gehalt heute in der Regel nicht, es gibt aber keine Ganztagsschulen und keine gute Kinderbetreuung, auf die man zurückgreifen kann. Im Grunde fragen sich die jungen Frauen heute also genauso wie wir damals, wie das denn überhaupt zu machen ist. Sie müssen also auch wieder nach Lösungen suchen und ich habe das Gefühl, das geschieht heute mehr auf einer individuellen Ebene als auf einer gesellschaftlichen wie damals. Gerade habe ich das Gefühl, da hat sich etwas zurückentwickelt und man war doch schon einmal weiter. Sie müssen alles wieder selber machen. Wie wird aus den individuellen Problemen und dem individuellen „sich durchschlagen“ eine gemeinsame Bewegung? Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Das Bewusstsein war ein anderes. Wir hatten das Gefühl, man kann alles machen. Es gab nicht das Problem, dass man keine Arbeit gefunden hat. Wir hatten keine Angst, denn wir wussten, wir hätten immer einen Job bekommen. Heute sehe ich, wie viel Praktika die Leute machen, wie gut ausgebildet die sind und trotzdem finden sie nichts. Das ist natürlich eine mentale Belastung und da hat niemand mehr Spaß. Deswegen denke ich, wenn es schon so ist, dann kann man gleich machen, was einem gefällt. Das ist die Lösung, denn dort gibt es dann noch die besten Chancen. Macht selber etwas. Tut Euch mit anderen zusammen und versucht, das zu machen, was ihr wollt. Das ist keine so schlechte Perspektive. Wie haben Sie es denn geschafft, sich von der Angst und dem gesellschaftlichen Druck frei zu machen? Verdrängt. Wenn ich es wirklich hätte entscheiden müssen, einen eigenen Verlag zu gründen, dann weiß ich auch nicht, ob ich das gemacht hätte. Aber so geht das meistens nicht im Leben. Ich arbeitete während des Studiums in einem Verlag, in dem ich auch eine Reihe herausgab, und der ging pleite. Dann gab es den Peter Weismann, der den Weismann Verlag zurückhaben wollten und dann haben wir gesagt: „Wir leihen uns Geld und machen es selbst.“ Und dann erledigt man das irgendwie alles, weil man muss. Man überlegt sich, was man tun will und löst die Probleme, wenn sie entstehen. Über alles andere denkt man gar nicht so viel nach. Der Druck hört nicht auf, aber das ist normal. Scheitern kann man immer und das ist auch gar nicht so schlimm. Das ist in fast allen Biografien vorgesehen und man lernt auch daraus. Sicherheit gibt es sowieso nicht und sie ist auch nicht erstrebenswert. Um die Zukunftsangst und Verzagtheit vieler Menschen zu bekämpfen, wurden bereits Kampagnen gestartet wie „Du bist Deutschland“. Das ist doch wie von Scientology erfunden. Dämlicher geht’s nicht mehr. Und dass da alle unsere Geistesgrößen wie Herr Jauch mitmachen, ist peinlich. Ich habe das überhaupt nicht verstanden und als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, das ist ja sanfter Faschismus. Werbung, die uns einredet, wir sollen positiv drauf sein – sind die noch ganz bei Trost? Man kann das doch keiner Gesellschaft verordnen. Ihr Verlag ist über die Jahre viel literarischer geworden. Ist das eine Reaktion darauf, dass Kritik, Bewegungen oder Engagement unwichtiger geworden sind? Die Literatur reflektiert ja auch auf Gesellschaft, sonst braucht man nichts zu erzählen. Erzählen ist wirklich etwas, das man braucht. Die Frage ist natürlich, was erzählt man und worüber erzählt man. Ich empfinde es aber nicht als Privatisierung. Da muss ich nur an den Serienmörder-Roman „American Psycho“ denken. Nichts, was man gerne liest, aber das reflektiert auf eine irrsinnig radikale Weise amerikanische Gesellschaft. Bei uns denke ich da vielleicht an Kristof Magnusson, der von der Stimmung einer Generation erzählt und davon, erwachsen zu werden und was das überhaupt bedeutet. Mir ist die Literatur wichtig, weil sie auch ein hedonistisches Moment enthält und man Spaß dran hat. Man könnte die Themen auch in Sachbüchern abhandeln, das sind ja große Themen – aber will das jemand lesen? Ich lese das lieber in einer Geschichte, habe die selbe Erkenntnis und identifiziere mich noch dazu mit den Personen. Sind Sie 30 Jahre nach dem Beginn der Frauenbewegung enttäuscht, wie junge Frauen heute damit umgehen? Ich denke, bei jeder Bewegung gibt es Rückschläge und dann geht es wieder nach vorn, aber etwas bleibt davon immer. Wir Frauen haben heute nicht mehr das Problem, dass Geschiedensein ein Makel ist, dass wir nicht an die Universität gehen können oder dass wir nicht wählen können. Das sind aber alles Errungenschaften, die sind erkämpft worden, und das ist alles noch nicht so lange her. Das ist ein Fortschritt. Ich möchte als Frau heute aber nicht in Afrika oder in Indien leben. Menschenrechte für Frauen sind noch nicht auf der ganzen Welt installiert. Dieses Bewusstsein muss man haben. Deshalb würde ich von mir auch immer sagen, ich bin eine Feministin. Ich habe nicht das Gefühl, mich davon distanzieren zu müssen. Ist Feminismus kein gutes Label mehr? Man hört ja immer wieder, dass sich Frauen davon distanzieren. Die sagen: Damit habe ich nichts am Hut, ich mache meinen Weg und das ist es gewesen. Ich glaube, dass man mit einem bestimmten Bewusstsein in der Welt ist und dass man da überhaupt nicht davon weg kommt. Für Frauenrechte einzutreten, ist für mich eine Selbstverständlichkeit – das ist der Feminismus. Er wird heute irgendwie als Männerfeindlichkeit konnotiert, was er meiner Meinung nach in bestimmten Ausprägungen war, aber insgesamt nicht. Das Gute an der Frauenbewegung war, dass es nie eine Ideologie, sondern dass es viele Zugänge gab. Selbst in einem so frauendominierten Bereich wie dem Buchhandel und Verlagswesen sind Sie eine der wenigen Verlegerinnen. Es gibt immer mehr. Aber in den großen Unternehmen gibt es tatsächlich wenige Frauen ganz oben und da frage ich mich natürlich auch, woran das liegt. Ich glaube, das dauert alles viel länger als man dachte. Im Mittelbau, Vertrieb oder Marketing sind mittlerweile sehr viele Frauen. Aber der Verleger ist meist männlich und das hat viel mit dem Erben zu tun. Vor 30 Jahre haben Sie angefangen, um die Gesellschaft zu verändern. Was würden Sie heute verändern, wenn Sie noch einmal anfangen würden? Ich würde kein anderes Programm machen, als ich es jetzt mache. Es gibt natürlich Themen, die einen interessieren. Bei uns erscheint jetzt ein Buch über einen Obdachlosen, das fällt durch jedes Genre. Es ist kein Roman, aber auch keine Biografie und kein Sachbuch. Aber man erfährt wirklich sehr viel, was es heißt, auf der Straße zu leben, ohne dass es ein Betroffenheitsbericht ist. Das finde ich sehr spannend, weil es auch immer mehr Leute gibt, denen das passiert. Können wir die einfach so ausblenden? Oder müssen wir uns damit mal beschäftigen? Dann ist so ein Buch etwas, das einen Blick darauf wirft und durch das man aus seinem kleinen Käfig mal wieder raus kommt und eine andere Welt sieht. Daraus wird keine große Veränderung resultieren. Aber wenn man mit einem anderen Blick auf Obdachlose durch die Welt geht, ist schon viel geholfen. Und so sehe ich meinen Verlag: dass man immer wieder solche Bücher macht. Interview: christina-kretschmer, caroline-vonlowtzow Foto: Sven Paustian

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