Siebenmal Auslandserfahrung

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Freiwilligendienste sind in Mode, seit Anfang des Jahres gibt die Bundesregierung sogar Stipendien für junge Erwachsene, die sich in Hilfsprojekten engagieren wollen (mehr unter weltwaerts.de). Schon seit Jahren gibt es ASA, das gemeinnützige Programm für Arbeits- und Studien-Aufenthalte, das unter anderem auch von der Bundesregierung gefördert wird. Jeden Sommer reisen 200 Stipendiaten in fremde Länder, um für mehrere Monate in Hilfsprojekten zu arbeiten und sehr viel zu erleben. Hier schildern sieben von ihnen ihren besonderen Moment, der den Aufenthalt geprägt hat. ** Malaysia: "Heiratest du mich?" "Mirahs Fragen waren anfangs noch sehr schüchtern, wurden aber neugieriger, nachdem sie herausfand, dass ich Single bin und noch eine Weile im Ort. Sofort wollte sie meine Nummer und Adresse haben. Ich fühlte mich gebauchpinselt, gab sie ihr und wir quatschten weiter darüber, dass Ehepartner in Malaysia von den Eltern ausgesucht würden. Ich habe ihr erzählt, wie anders es in Deutschland ist und dass Scheidungen völlig alltäglich sind. Auch Sex vor der Ehe, was in Malaysia als Schande gedeutet werden würde. Zwei Tage später bekam ich die erste Nachricht von Mirah per SMS: "I miss you." Die nächsten Tage wurde ich mit Kurzmitteilungen und Anrufen bombardiert, in denen sie mir schlussendlich gestand, dass sie sich in mich verliebt habe und mich unbedingt wiedersehen möchte. Sie rief zigmal am Tag an, drängte auf ein Wiedersehen und redete irgendwann von Ehe. Bitte?, dachte ich. Ich kannte sie doch gar nicht. Gegen ein Date hätte ich nichts gehabt, hätte sich nicht herausgestellt, dass sie seit sechs Jahren verlobt ist. Das Interesse war also eher, einen Europäer zu heiraten, um mit nach Deutschland kommen zu können. Aber ohne mich." Jochen Wißmach sollte zuerst mit Multiple Sklerose Patienten in Georgien arbeiten, ging dann aber nach Malaysia.

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Illustration: Julia Schubert

Anders als Zuhause: Drei Monate in einem Hilfsprojekt im Ausland können lehrreicher sein als vier Jahre Studium. ** Honduras: "Nehmt uns mit!" "Die Hinfahrt verlief ohne Probleme. Wir saßen auf der Ladefläche des Pick-Ups, die Sonne schien, unsere Haare wehten im Wind und wir konnten die hervorragende Aussicht auf Wasserfälle und Maisfelder genießen. Als wir uns abends mit Bäuchen voll frischer Tortillas und selbstgemachtem Käse wieder auf den Rückweg machen wollten, fiel uns ein, dass der einzige Bus des Tages schon weg war. Wir mussten per Anhalter zurück. Nach einer Weile hielt ein Auto, das schon andere Personen und Tiere geladen hatte - man kann sich gar nicht vorstellen, wieviele Menschen auf eine kleine Ladefläche passen. So fuhren wir mit zwölf Leuten, einem Schwein und mehreren Hühnern über die schlaglochreiche Straße zurück in unseren Ort. Und natürlich begann es zu regnen. Es war eine sehr lustige Situation: Wir Großstadtkinder aus dem ASA-Programm, eingepfercht mit Tieren und Locals. Die Stimmung war lustig, Witze wurden gerissen und sich über alles lustig gemacht, was den Weg kreuzte. Selbst plötzlicher Hochlandnebel und fallende Temperaturen taten der Laune keinen Abbruch."

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Illustration: Julia Schubert

Elisabeth Peters half in Honduras in einem Projekt zur Frauenförderung. ** Kenia: Verprügelt und verjagt "Kenia ist zwiegespalten. Schillernde Farben und süße Früchte auf der einen Seite, verseuchte Flüsse und Müllberge auf der anderen. Man trifft auf gastfreundliche und immer lächelnde Mensche, deren Gesichtsausdruck sich jedoch in dem Augenblick ändert, in dem man ihnen erklärt, weder eine Cola noch ein Ticket nach Europa für sie kaufen zu können. Ich lebte in den Slums von Nairobi, den Eastlands, wo man die Welt der weißen Reichen aus den Westlands nicht kennt. Hier kämpfen die Einwohner täglich mit Strom- und Wasserausfällen. Aber es ist dennoch erstaunlich, wie schnell man das Elend nicht mehr sieht. Man spaziert irgendwann wie selbstverständlich durch die menschhohen Müllberge am Flussufer und fühlt sich dennoch wie im Film "Jenseits von Afrika". Aus diesen Umständen resultiert ein anderes Verständnis von Respekt gegenüber einem Menschenleben, als wir es in Europa kennen. So ist das mittelalterliche Prinzip der Massengerechtigkeit in den Slums von Nairobi alltäglich. Entlarvte Diebe, die aus Hunger Essen gestohlen haben, werden von der wütenden Menge ohne viele Fragen verprügelt, durch die Stadt gejagt und in den meisten Fällen umgebracht. Beginnt man darüber eine Diskussion mit Argumenten wie Nächstenliebe, die jeden Sonntag flächendeckend mit Inbrunst in den kenianischen Kirchen besungen werden, stößt man nur auf lächelndes Unverständnis."

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Illustration: Julia Schubert

Nicole Herzog half in Kenia in einem Sportprojekt.


Bosnien: Ist das Heimweh? "Wenn ich in unserer winzigen Kellerwohnung auf dem Klo hocke, zähle ich die blauen Wandfliesen: Noch 62 Tage bis zur Heimfahrt, noch 37, noch 15. Drei Monate lang wünsche ich mir nichts sehnlicher, als heimzufahren - dabei hatte ich mich monatelang auf Bosnien gefreut. Nun kann ich nachts nicht schlafen oder träume Blödsinn - dass die weibliche Belegschaft der Firma, in der mein Freund arbeitet, ihn mir nacheinander ausspannt, zum Beispiel. Der Gesang des Muezzins befreit mich aus diesem nächtlichen Gruselkabinett. Mein Handy piepst: Guten Morgen, mein Schatz, schreibt Otto. Seine SMS aus dem 924 Kilometer entfernten Nürnberg sind ein Lichtblick, denn seit meiner Ankunft in Bosnien geht's mir latent schlecht. Irgendwann schreibt meine beste Freundin in einer E-Mail: Du wirst doch kein Heimweh haben? Ein Schlag in die Fresse. Heimweh. Absolut undenkbar! Das befällt doch nur Waschlappen. Und jetzt liege ich da und heule. Nicht mit neun, sondern mit 25 Jahren. Und niemand ist hier, der mich trösten will." Anna Schleinzer arbeitete in Bosnien in einem Projekt für Demokratisierung durch Medienpädagogik. ** Aserbaidschan: Früh ins Bett "Die aserbaidschanische Gastfreundschaft und ihre ungeschriebenen Regeln sind für uns freiheitsliebende Deutsche auf Dauer nur schwer zu ertragen. Für Mädchen ist spätestens um 22 Uhr Zapfenstreich und als Gast wird man auch schon mal vom sieben Jahre jüngeren Gastbruder an die Hand genommen und über die Straße geführt. Spontane Umarmungen gehören genauso zum freundlichen Umgang wie ein Abschiedskuss unter Männern - Homophobie ist in Aserbaidschan weniger präsent als in Deutschland. Allerdings liegt das wohl generell an dem anderen Umgang mit der Sexualität: Kein Sex vor der Ehe, Masturbation macht krank, heißt es, und den Cousin zu heiraten kann im Zweifelsfall nicht schlecht sein - man bleibt ja in der Familie."

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Illustration: Julia Schubert

Sebastian Burger arbeitete in Aserbaidschan in einem Stadtentwicklungsprojekt. ** Äthiopien: Tod an Neujahr "Am äthiopischen Neujahr waren wir auf den leeren Straßen im Zentrum von Addis Abeba unterwegs. Die Einheimischen lagen wohl noch in ihren Betten, verkatert von der großen Party am Vorabend. Am Kasanchis, einem Platz, an dem Reich auf Arm trifft, begann es heftig zu regnen. Wir stellten uns unter die Plane eines Obststandes. Das Wasser lief in Sturzbächen vom Vordach, keine Menschenseele war nun mehr auf der Strasse. Bis auf einen, der direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite an einer Mauer lag und sich mit einer Decke zugedeckt hatte. Obdachlose gibt es viele in Addis. Der Regen wurde immer intensiver und wir wunderten uns, wieso er sich nicht auch unter ein Vordach rettete. Nach 20 Minuten hörte der Regen auf und ich ging zu dem Obdachlosen auf der anderen Straßenseite. Er war durchnässt. Und tot. Er hatte die Nacht nicht überstanden und wohl seinen letzten Hauch gemacht, während direkt im Lokal nebenan gefeiert wurde."

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Illustration: Julia Schubert

Steve Döschner arbeitete in Äthiopien in einem Projekt zum Schutz des Arabica-Kaffees. ** Nepal: Nerven, blank "Meiner Mutter fiel die Kaffeetasse aus der Hand, als sie die Radio-Nachrichten hörte: Flugzeugabsturz in Nepal, unter den Toten zwölf Deutsche, die unterwegs zum Trekking waren. Sandra hatte geschrieben, dass sie zum Trekken fährt!, dachte sie. Meine Familie war sechs Tage in Angst, während ich täglich meine Schuhe schnürte, über die Berge stampfte und die Freiheit atmete. Ich war glücklich, die Nerven meiner Eltern lagen blank. Bei meiner Rückkehr nach Kathmandu erfuhr ich mit fünf Tagen Verspätung von dem Unglück. Sofort rief ich meine Eltern an und gab Entwarnung." Sandra Brehme arbeitete in einem Projekt für marginalisierte Gruppen.

Text: julia-finger - Foto: photocase.de/che; privat

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