So nicht, Jungs!

Sind K.O.-Tropfen lustig oder nicht? In einem Seminar sollen Oxford-Studenten lernen, wie man mit Frauen umgeht und Alltagssexismus vermeidet. Unsere Autorin war dabei.
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Es beginnt auf der Straße. „Hey, Baby“, raunt mir ein Zwölfjähriger im Vorbeigehen zu, der mir bis zu den Achseln reicht. Ich bin auf dem Weg zum Merton College, einem der ältesten Colleges der Universität Oxford. Während ein paar hundert Meter weiter Studenten in langen Umhängen mit Sekt und Sprühsahne ihr Examen feiern, wird hier in einem holzvertäfelten Raum mit Blick auf die englischen Rosen im Garten der „Good Lad Workshop“ abgehalten. Etwa ein Dutzend Studenten sitzen im Stuhlkreis. Neben den Stühlen türmen sich Sporttaschen und Fahrradhelme. Ein paar breite Nacken recken sich den Begriffen entgegen, die an die Wand projiziert werden: „Alltagssexismus“ und „positive Männlichkeit“. Ich nehme an der Seite Platz und hoffe, dass mein Rock nicht zu kurz ist.

David Llewellyn und Clive Eley stehen vor dem Projektor. Die Doktoranden wirken wie eine aufgeräumtere Variante von den Männern, die jetzt hier im Kreis um sie sitzen. Dave stammt aus Australien, Clive aus Südafrika. Sie haben als Außenstehende die „Lad Culture“ kennengelernt, die in der behüteten Elitehochburg Oxford floriert – eine archaische und institutionalisierte Sexismuskultur, mit der besonders Sportmannschaften englischer Unis immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Das Oxforder Rugbyteam stand zuletzt wegen einer Rundmail zu Semesterbeginn in der Kritik, in der zum Einsatz von K.O.-Tropfen auf der Ersti-Party geladen wurde. Die Betreffzeile: „Free Pussy“.

Oxford-Studenten warben für den Einsatz von K.O.-Tropfen auf einer Party. Betreff der Einladungsmail: "Free Pussy"

Damit es in Zukunft nicht mehr so weit kommt, organisieren Dave und Clive mit ihrem Mitstudenten Nikolas Kirby seit gut einem Jahr Seminare. Dabei setzen sie an der Wurzel des Problems an: dem Alltagssexismus. Es ist die landesweit einzige studentische Initiative, die sich von Männern an Männer richtet. Die Idee kam den Studenten, die selbst im Mannschaftssport aktiv sind, abends im Pub. Einer ihrer Freunde promoviert zum Thema männliche Rollenbilder. Das Gespräch, das bei ein paar Bier daraus entstand, ließ sie einen Stereotyp herausgreifen: den Lad. Den wollen sie erreichen.

"Lads" sind der Definition nach "echte Kerle", die trinken und frauenfeindliche Witze reißen. Das hier sind ein paar Teilnehmer des Seminars. Sie wollen gute Lads sein.

„Was heißt ,Lad‘ überhaupt?“, fragt Clive in die Runde. Alle, die hier sitzen, könnten das sein: Ruderer, Mannschaftskapitäne, Mitglieder des Rugbyteams. „Lads“, das sind sogenannte echte Kerle, die morgens zusammen auf dem Feld stehen, abends auf Kneipentour gehen, frauenfeindliche Witze reißen und singend durch die Straßen wanken. „Lad Culture“ ist sicherlich nicht gleich „Rape Culture“, aber sie ist ein Bereich, in dem Alltagssexismus kultiviert wird. „Was für Männer wollt ihr sein?“, fragt Clive zu Beginn des Seminars. Kräftige Schultern zucken. Die Teilnehmer sollen das heute für sich herausfinden. Aber nicht alle sind freiwillig hier: Für Rugbyteams ist der Kurs dieses Jahr Pflicht.

In der Mitte des Konferenzraumes robbt eine Dame von der BBC auf den Knien, um die Reaktionen der Teilnehmer mit dem Mikrofon aufzuzeichnen. Die britischen Medien haben aufgehorcht, seit die Universität versucht, das von Bild von den sexistischen Elitestudenten zu korrigieren.  

Clive präsentiert seinen Teilnehmern Zahlen, die belegen, dass sein Workshop in Oxford wirklich nötig ist: „Zwei von drei Studentinnen haben laut einer Studie an englischen Universitäten bereits verbale oder körperliche sexuelle Übergriffe im Universitätsumfeld erlebt, eine von sieben Studentinnen war schon einmal sexueller Gewalt ausgesetzt – in der Mehrzahl der Fälle gingen die Übergriffe von einem Mitstudenten aus.“ Schockierte Gesichter. Und Oxford ist keine Ausnahme.

„It Happens Here“ – „Es passiert hier“, lautet der Name eines Blogs, auf dem Studenten und Studentinnen anonym über sexuelle Gewalt in Oxford posten. Eine Userin schreibt: „Der einzigen Rat, den ich nach meiner Vergewaltigung von den Polizisten bekam, war, in Zukunft weniger zu trinken.“ Gerade war eine Columbia-Studentin auf dem Cover des New York Magazine zu sehen, die aus Protest gegen die verharmlosende Unipolitik ihre Matratze mit sich herumträgt, auf der sie von ihrem Ex-Freund vergewaltigt wurde. Eine 2012 veröffentlichte Studie belegt, dass mehr als 50 Prozent der europäischen Studentinnen verschiedene Formen sexueller Belästigung erfahren haben. In Deutschland sind es fast 40 Prozent. Und auch, wenn die, die jetzt schuldbewusst in einer Runde sitzen, keine Vergewaltiger sind: Sie sind trotzdem Teil einer Gruppe, die neben beherztem Grölen auch mal den Slogan „Free Pussy“ und K.O.-Tropfen als Spaß abtut.

Nach ein paar Aufwärmfragen („Ist es in Ordnung, einem Mädchen im Club an den Po zu greifen?“ – „Nein“; „Mit seinen Freunden offen über den Sex mit einer bestimmten Person zu reden?“ - „Naja.“; „Einen Deine-Mutter-Witz zu erzählen?“ – „Geht.“) stellt Clive Fallbeispiele vor, die sich in genau der Grauzone bewegen, die Alltagssexismus auszeichnen. Es geht um „banter with the boys“, so was wie: Sprücheklopfen mit den Jungs. „Ihr habt ein paar Bier getrunken und begegnet einem Mädchen auf der Straße. Einer ruft: ’Hey, falsche Richtung, die Party ist da lang!‘ Als sie nicht reagiert, fügt ein anderer hinzu: ’Wir wollen dich sowieso nicht dabei haben, du frigide Bitch!‘“ Die Studenten diskutieren: Ist der erste Kommentar noch in Ordnung oder geht er schon zu weit? Und wie kann man die Situation entschärfen?

Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her und möchte erklären, dass grölende Männer mich nicht zum Feiern animieren

„Vielleicht will sie ja wirklich mitkommen?“, sagt ein Teilnehmer. Ich rutsche auf meinem Stuhl hin- und her und möchte gerne erklären, dass eine Gruppe grölender Männer mich nicht zum Feiern animiert – und viele andere Frauen sicher auch nicht. Clive klärt die Situation mit der Frage: Für wen ist der Kommentar bestimmt? Richtet er sich wirklich an das Mädchen, oder an die Gruppe?

„Wir unterschätzen oft, wie wir als Gruppe wirken“, gibt ein Student zu. Wie aber damit umgehen, wenn jemand in der Gruppe ein Mädchen als „frigide Bitch“ beschimpft? Einer schlägt vor, sich für den pöbelnden Teamkollegen zu entschuldigen und ihn danach zur Seite zu nehmen. Genau richtig, findet Clive: „Positive Männlichkeit bedeutet, sich in Konfliktsituationen nicht passiv zu verhalten, sondern nach der bestmöglichen Lösung für alle Beteiligten zu suchen.“

Ich denke an die vollen Pubs, die Straßen, die samstagmorgens gesäumt sind von Dönermüll und Kotzflecken. Die wankenden Männergruppen, das Hinterherrufen und An-die-Haustür-pinkeln. Englands Studenten trinken gern und viel. Das erklärt aber noch nicht den Sexismus. Dahinter steckt häufig ein einfacher Herdentrieb: „Keiner will sexistisch sein, aber keiner spricht das offen aus. Also tut es jeder, um dazuzugehören“, fasst es ein Student zusammen.

Im Seminar wird auch über das Thema einvernehmlicher Sex gesprochen. Die Studenten diskutieren darüber, wie das Zögern einer Frau in einer intimen Situation zu bewerten ist – auch, wenn sie nicht eindeutig „Nein“ sagt. Ein Teilnehmer löst die Frage ganz pragmatisch: „Wenn du einen Freund fragst, ob er noch mit dir ein Bier trinken geht und er sagt ,Ich weiß nicht‘, wertest du es doch auch nicht als Ja.“ Darüber vor dem Sex zu reden empfinden einige allerdings als Stimmungskiller: „Das Problem ist, dass es einem keiner beibringt – obwohl es uns alle betrifft“, resümiert ein Student. Bei den „Good Lads“ haben sie nun Leute gefunden, die es ihnen beibringen wollen. 

Nach dem Seminar räume ich mit Dave die Stühle zusammen. Clive ist verschwunden. Er verteidigt gerade seine Doktorarbeit, während hinter der holzvertäfelten Tür noch ein paar Studenten von der Presse interviewt werden. Dave sieht müde aus. Die Workshops sind ein Vollzeitjob geworden. Sie sollen bald auch an Schulen angeboten werden. Darüber freut er sich.

„Trotzdem – die Workshops laufen ohne Publikum anders ab“, gibt Dave zu. Die Gruppe sei verkrampfter gewesen. Ich erzähle, dass ich manchmal gerne etwas gesagt hätte. „Wir wollen die Männer motivieren, offen ihre Meinung auszusprechen – und diese dann in der Gruppe zu hinterfragen. Deswegen halten wir den Kurs ohne Frauen ab. Manche fürchten den erhobenen feministischen Zeigefinger und sagen deshalb nicht, was sie wirklich denken. Gespräche wie hier führen wir sonst nie.“

Löst es aber wirklich ein globales Problem, wenn ein paar privilegierte Menschen in einem Stuhlkreis über die Bedeutung von Deine-Mutter-Witzen reden? „Wir erwarten nicht, dass sich die ganze Gesellschaft über Nacht ändert“, sagt Dave, „aber wir wollen einander die Mechanismen bewusst machen, die hinter sexistischen Verhaltensmustern liegen.“ Und ändert das wirklich etwas in Einzelsituationen? „Wir gehen im Team jetzt anders damit um. Es gab schon Momente, in denen wir uns gesagt haben: Stopp, der Kommentar ist so nicht ok“, erzählt einer der „Good Lads“.

Vielleicht zeugt eine Initiative wie „Good Lads“ auch von einem jungen Aufbegehren gegen ein überholtes Männerbild, für das auch Figuren wie der selbsternannte Pick-up-Artist Julien Blanc, der Fotograf Terry Richardson und der ehemalige American-Apparel-CEO Dov Charney stehen. Alle drei gerieten kürzlich wegen Sexismusvorwürfen in die öffentliche Kritik. Blanc erhielt Einreiseverbot in Großbritannien, nachdem ein Video seiner Seminare veröffentlicht wurde, indem er demonstrierte, wie einfach japanische Frauen rumzukriegen seien. Er drückte dabei einen imaginären Frauenkopf in seinen Schritt. Die Teilnehmer lachten.

Dass Gruppendynamik eine gefährliche Spirale für Sexismus sein kann, haben die „Good Lads“ verstanden. Sie sprechen das Problem dort an, wo es entsteht, gepflegt und toleriert wird: in der Gruppe. Der Zwölfjährige, der mir auf dem Weg zum Seminar „Hey, Baby“ zugeraunt hat, bekam erst mal einen versichernden Klaps auf die Schulter. Aber nicht von mir, sondern von seinem ebenso milchbärtigen Freund.


Text: sina-pousset - Foto: David Sillitoe