Sonntag mit Seelenverwandten

Auf der Seite eines Web-Radios kann man sehen, wer dieselbe Musik hört wie man selbst. Wer sind diese Menschen in echt? Eine Reise zu Freunden im Geiste
xifan-yang

Ich weiß, dass „FredericVachon“ gestern zum Einschlafen „Solo Piano“ von Gonzales gehört hat, ich weiß, welche Musik er morgens anschaltet, um aus dem Bett zu kommen: FredericVachon ist der Benutzername eines Menschen, der den Angaben auf www.last.fm zufolge genauso ist wie ich. Last.fm ist ein kostenloses Online-Radio, das nur spielt, was einer der mittlerweile 21 Millionen Hörer auch hören will. Ein Rechner gleicht die von den Nutzern gehörten Lieder ab und weist jeden Einzelnen darauf hin, welcher andere Nutzer einen ähnlichen Musikgeschmack hat. So habe ich meinen „musikalischen Nachbarn“ gefunden: FredericVachon ist einer der Menschen, die mir zumindest in Geschmacksfragen sehr ähnlich sind. Aber gleichen mir diese Menschen auch in Wirklichkeit? Es passiert in der Pubertät: Musiker werden für manche zu Götzenfiguren, Platten zur Ersatzreligion, Lieblingssongs zum Asyl vor Weltschmerz. Und wem Musik etwas bedeutet, der möchte das auch als junger Erwachsener noch zeigen. Vielleicht nicht mehr mit Band-Shirts, dafür vielleicht mit der eigenen Playlist auf Last.fm. Ich wurde auf FredericVachons Playlist hingewiesen, in der dieselben Lieder wie bei mir auftauchen. Seitdem ist er für mich so etwas wie ein Seelenverwandter. Zumindest gehe ich davon aus, dass er ähnlich fühlt und lebt wie ich. Er wohnt, soviel weiß ich, in Montréal, Kanada. Auf dem Profilfoto seiner Last.fm-Seite trägt er kurze Haare und einen blau-lila-farbenen Papphut; er hat kluge Augen und als Alter 30 angegeben. Das Foto hat eine Last.fm-Userin namens „ataab“ vergangenen Sommer in Warschau gemacht. Sie steht auf FredericVachons musikalischer Nachbarliste an erster, auf meiner an zweiter Stelle. Ich treffe sie in Berlin. „ataab“ heißt im wirklichen Leben Agata, ist 24 und einen halben Kopf kleiner als ich. Wir begrüßen uns an einem frühen Sonntagnachmittag vor dem Eingang der Wolfgang Tillmans-Ausstellung im Hamburger Bahnhof – sie ist extra aus Warschau angereist. Agata trägt ein kurzes, schwarzes Sommerkleid mit roten Schnörkeln und lilafarbene Riemchensandalen und ist plitschnass. Schon seit Stunden regnet es. „In Warschau hat noch die Sonne geschienen“, sagt sie zur Begrüßung und lacht. Sie hat ein sehr resolutes, lautes Lachen und mir fällt auf, dass ich in diesem Moment einen Menschen kennen lerne, den ich ihn eigentlich schon zu kennen glaube. Sie trägt dichte, blonde Korkenzieherlocken und hat rot lackierte Fingernägel. Das verblüfft mich. Ich war nicht auf Korkenzieherlocken und rote Fingernägel gefasst. Besuch vom Web-Nachbarn Wir gehen an Wänden mit großen Fotos vorbei und weil es das Naheliegende ist, reden wir über unsere Lieblingsplatten und stellen uns Wasmachstduso-Fragen. Agata studiert Europäische Philologie und ist seit fast drei Jahren bei Last.fm angemeldet. Im Oktober 2006 stellte sie sich dieselbe Frage, der ich heute nachgehe: Wer ist dieser Typ aus Montréal, der die gleiche Musik zur gleichen Zeit konsumiert? Es fing wie so oft mit Gästebuchgrüßen an: „Hello, new neighbour! Super compatibility! Greets from Warsaw“. Agata stellte schließlich mehrere Playlisten für FredericVachon zusammen und schickte sie ihm. Ein paar Tage später schrieb er, dass er im Sommer noch nichts vorhabe und fragte, ob er ataab nicht besuchen kommen könne. Fred, wie er von seinen Freunden und Kollegen in der IT-Firma genannt wird, nahm sich im Juli 2007 frei und stand wenig später vor Agatas Wohnung. Es war riskant. Ein Blinddate. Die beiden hätten sich anschauen und merken können, dass sie sich absolut nichts zu sagen haben. Als ich Agata frage, wie es zwischen ihnen ausging, wird sie verlegen. „He was a cool guy“, sagt sie. „Someone you fall for“. Er blieb fast einen Monat.

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Illustration: Julia Schubert

Gegen 16 Uhr fahren wir zur „Berghain Panorama Bar“ in der Nähe vom Ostbahnhof. Es ist Nachmittag, aber Parties enden dort selten vor Sonntagabend. Gleich wird das kanadische Elektropop-Duo Junior Boys auflegen – mit ein Grund, warum wir unser Treffen auf diesen Tag gelegt haben. Bereits aus mehreren hundert Metern Entfernung hört man die Bässe wummern. Eine Gruppe fertiger Franzosen torkelt uns entgegen, vor der Tür warten wir auf „ju-huang“. ju-huang ist auch ein Last.fm-Verwandter höheren Grades, der sich als Til vorstellt. Til ist 29, ein großer, schmal gebauter Typ mit feinen, markanten Gesichtszügen. Ich dachte, ich würde auf einen American Apparel-Typen mit Seitenscheitel treffen, aber falsch gedacht. Til promoviert an der FU Berlin in Molekularbiologie, er mag kantonesischen Pop und den Geruch von Smog. Er strahlt etwas sympathisch Unkompliziertes aus. Als Til Agata sieht, fallen sich beide um den Hals wie zwei Geschwister, die der Krieg getrennt hat. Die beiden hatten sich bereits einige Male in Berlin verabredet. Last.fm-Bekanntenkreise sind genau genommen wie Dorfcliquen, deren Mitglieder in der Welt verstreut sind. Die besseren Freunde? In der Bar stinkt es nach schalem Bier und Schweiß. Auf dem Tresen tanzt ein Zottel mit Haaren bis zum Hintern, er zieht sein T-Shirt aus und schwingt einen Piratenhut durch die Luft. Die Junior Boys spielen melodiösen Minimal Techno und 80s-Kitsch, Fred, Agata, Til und ich haben die Band in unseren Top Fünf. Fred und Agata haben gleich am ersten Tag ihrer Begegnung in Warschau ein Konzert der beiden besucht. Tanzen ist für Agata eine sehr ernste Angelegenheit. Jedenfalls sieht es so aus, als gehe es ihr um Leben und Tod. Abwechselnd macht sie hüpfhüpf und boxbox, Till grinst. Wir tanzen in einem geschlossenen Dreierkreis, es fehlte nur noch ein Feuer in der Mitte und ich glaube jetzt, es stimmt, was oft gesagt wird: Nur jemand, mit dem man auch feiern kann, kann ein guter Freund werden. Eine Studie der Universität von Texas von 2002 untersuchte Musikgeschmäcker und Persönlichkeitsstrukturen auf Korrelationen. Die Psychologen gingen dabei davon aus, dass Musik „ein Fenster zum Unbewussten“ öffne. Sie fanden Zusammenhänge zwischen den musikalischen Vorlieben der Versuchspersonen und zum Beispiel ihren Wertvorstellungen. Agata sagt, dass sie von Freds Vorliebe für schwedischen Singer-Songwriter-Pop auf einen in sich gekehrten Poeten schloss. Dass er auch peinlichen Hiphop hört, sagte für sie etwas über seinen Humor aus. Und so war es auch. Um halb zehn werden wir rausgeworfen, draußen ist es schon dunkel. Wir ziehen zu dritt weiter nach Kreuzberg, holen an einer Tankstelle Rotwein und setzen uns an die Spree, vor den Club der Visionäre, wo wir die Nacht lang plaudern, bis es dämmert. Til erzählt, dass Last.fm-Nachbarn sich in Wirklichkeit als sehr unterschiedliche Charaktere herausstellten. Dennoch stimme zwischen ihm und ihnen immer irgendwas. Er versucht jetzt ein anderes Wort für Wellenlänge zu finden, irgendwas mit „meta“. Vielleicht hätte ich diese Menschen dort am Spreeufer im „echten Leben“ nie getroffen, denn: Freunde im „echten Leben" gewinnt man anders. Dort sind Freundschaften Resultate von banalen Zufällen, von räumlichen Begegnungen in einem gemeinsamen Umfeld. Mit einem Last.fm-Freund teilt man dagegen weder Wohnort noch Alltag noch Erinnerungen. Dafür, sagt Agata, teile man vielleicht denselben kulturellen Hintergrund und wir denken laut darüber nach, ob Freundschaften wie unsere nicht die besseren sind? Ob vielleicht Last.fm die beste denkbare Partnerbörse ist? Agata bekommt im Oktober Besuch von einem Last.fm-Nachbarn aus den Niederlanden. Nächstes Frühjahr wird sie auf das Sonár Festival in Spanien fahren. Mit einem Jungen aus Großbritannien. Wieder so ein Seelenverwandter.

Text: xifan-yang - Grafik: Katharina Bitzl

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