Sprachlos in München

Vor einem Jahr kam der Iraker Ziyad zu seiner Familie ins Westend – Deutsch spricht er noch immer nicht.
philipp-mattheis

Um zu feiern, ist er zu müde. Seine großen Augen starren auf den Tisch, während stumme Bilder über den Fernseher flimmern. Seine Schwester hat Humus, Salat, Taboulé und andere orientalische Speisen gekocht und den Couchtisch damit beladen. Ziyads Familie sitzt um ihn herum, sie lachen und reden, sie feiern den Jahrestag. Vor einem Jahr endete Ziyads Flucht durch halb Europa, hier in einer kleinen, mit christlichen Devotionalien voll gestellten Wohnung im Münchner Westend. Wie er seine Zeit verbringt? Ziyad zuckt mit den Schultern. Seine Schwester muss ihm die Frage ins Arabische übersetzen. Er spricht noch immer kein Deutsch. Ziyads Geschichte ist die einer langen Flucht: Im August 2007 verlassen er und sein Bruder Petrus die irakische Hauptstadt Bagdad. Sie sind chaldäische Christen, werden aufgrund ihres Glaubens verfolgt, weswegen ihnen in Deutschland Asyl zusteht. Über den Nordirak und Anatolien bringt ein Schlepper die beiden nach Istanbul. Dort bleiben sie zwei Wochen, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Bis der Schlepper sie eines Nachts aufweckt und über die Grenze nach Athen bringt. Sie besteigen ein Flugzeug, das sie nach München bringt. Dort lebt ihre Schwester Abil mit ihrem Mann und ihren Kindern. Am 10. September 2007 nimmt die deutsche Polizei zwei irakische Brüder ohne Identität fest. Ziyad und Petrus kommen in Abschiebehaft. Gemäß der „Dublin-II-Verordnung“ ist das Ersteintrittsland für Asylanträge zuständig. Da die Maschine aus Athen kommt, also Griechenland. Die Polizisten fragen bei den griechischen Behörden nach, ob ihnen Petrus und Ziyad Rifaat bekannt sind. Petrus Rifaat, antworten die Griechen, ist ihnen nicht bekannt – für seinen Bruder Ziyad erfolgt keine Antwort. Das genügt: Die Deutschen gehen nun davon aus, dass Griechenland für Ziyad zuständig ist. Polizisten holen Ziyad am 25. März frühmorgens ab und setzen ihn in ein Flugzeug nach Athen. „Malakka“, nennt ihn die griechische Polizei, wenn sie Ziyad nachts in den Stadtparks aufgreift. Sie wollen ihn hier nicht, und Ziyad weiß nicht, was er in einer Stadt soll, die er nicht kennt, in einem Land, in das er nie wollte. Er wird depressiv, läuft tagelang durch die Straßen Athens, um abends müde zu sein und ein paar Stunden Schlaf in einem Park voller Junkies zu finden. Seine einzigen Lichtblicke sind die seltenen Telefonate mit seiner Familie in München. jetzt.de besucht Ziyad Ende September in Athen und verbringt mit ihm drei Tage in den Parks der griechischen Hauptstadt. Ziyad wirkt depressiv, er spricht kaum und lacht nie. Mit einem Klick auf das Bild startest du die Bildergalerie:

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Illustration: Julia Schubert

onloads[onloads.length] = makeImageLightbox; var myLightbox = null; function makeImageLightbox() { myLightbox = new JetztImageLightbox(); } Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Bild Am 18. November 2008 betritt Ziyad zum zweiten Mal deutschen Boden. Ihm ist die Einreise über Frankreich gelungen. In Karlsruhe greift ihn die Polizei auf, wieder kommt er in Abschiebehaft. Am 23. Dezember sieht er seine Familie in München wieder, einen Tag später wird das Asylverfahren eröffnet. Ziyad bekommt eine Aufenthaltserlaubnis. Er darf in München bleiben, eine 16-monatige Odyssee durch halb Europa ist beendet. Ein Jahr später: Es ist 15 Uhr, Ziyad ist vor wenigen Stunden aufgestanden. Sein Arbeitstag beginnt um Mitternacht. Zusammen mit seinem Bruder Petrus fährt er zum McDonald's am Münchner Stachus. Dort braten sie Burger bis um 9 Uhr morgens. Ihr Chef ist Ägypter, er erklärt ihnen alles Wichtige auf Arabisch. Dann fährt Ziyad nach Hause, legt sich für zwei, drei Stunden schlafen. Um 13 Uhr beginnt normalerweise sein zweiter Job in einer Putzfirma. Erst dann kann er schlafen. Mit seinem Bruder teilt er sich ein Zimmer am Mariahilfplatz, nahe der Kirche, in der die chaldäischen Christen ihren Sonntagsgottesdienst abhalten. 420 Euro kostet das Zimmer im Monat. Es gibt zwei Deutschkurse, einen vormittags, den anderen nachmittags – Zeiten, zu denen Ziyad entweder schläft oder arbeitet „Er muss nachts arbeiten“, sagen seine Schwester und ihr Mann. „Die Tagschicht bringt 700 Euro, die Nachtschicht über 1000 Euro. Wir brauchen Geld. Im Moment ist Geld wichtiger, als ein Deutschkurs.“ Im Frühjahr ist Ziyads Mutter in Bagdad gestorben. Wenig später machten sich auch der 57-jährige Vater und der 14-jährige Bruder auf den Weg nach Deutschland. Am 7. September wurden auch sie in Karlsruhe aufgegriffen und in ein Asylbewerberheim gebracht. Wahrscheinlich musste sich die Familie Geld leihen, um die Schlepper zu bezahlen. Eine weitere Schwester sitzt alleine mit zwei kleinen Kindern in einem Flüchtlingslager in Syrien. Auch ihr schickt die Familie Geld. Ungeklärter Status Es gibt also Gründe, warum der 26-jährige Iraker, der seit einem Jahr in Deutschland lebt, noch immer diese Sprache nicht sprechen kann. Dennoch: Die Sprache des Landes zu beherrschen, ist elementar, um sich zu integrieren. Sie erleichtert das Alltagsleben des Fremden und lässt den Fremden sich weniger fremd fühlen. Nur, wer die Sprache spricht, kann ein Land und seine Menschen verstehen. Von der Stadt werden sowohl Integrations- als auch reine Sprachkurse angeboten. Erstere kosten den eher symbolischen Betrag von einem Euro pro Unterrichtsstunde. „Die Angebote sind für Neuzuwanderer verpflichtend, das Kreisverwaltungsreferat informiert sie darüber“, sagt Mate Rados vom Ausländerbeirat München. „Zwar wird das Nichterscheinen nicht bestraft, aber wenn es um die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung geht, sind Sprachkenntnisse ein wichtiges Kriterium.“ Aber für Flüchtlinge mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus wie Ziyad sieht die Lage anders aus. „Ihr Status ist ungeklärt, deswegen gibt es keine Verpflichtung für sie, Deutsch zu lernen.“ So, wie es aussieht, wird Ziyad aber länger in München bleiben. Das Leben in Bagdad ist noch immer kaum erträglich: Erst vergangene Woche starben bei Bombenanschlägen über 100 Menschen. Auch Tobias Klaus vom Bayerischen Flüchtlingsrat fände es besser, wenn Ziyad Deutsch lernen würde, sagt aber, dass es schwierig ist, das von außen zu bewerten: „Es ist eine andere Kultur. Bei ihnen steht nicht das Individuum an erster Stelle, sondern die Familie.“ Seine Schwester übersetzt für Ziyad die Frage, was seine Pläne für das nächste Jahr sind. Er zuckt mit den Schultern. „Arbeiten“, sagt er dann. Eines der wenigen deutschen Worte, die er kennt.

Text: philipp-mattheis - Fotos: Holly Pickett

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