Staub in der Luft, Adrenalin im Blut

Urban Explorer haben das Einsteigen und Herumstreunen in leerstehenden Gebäuden zu ihrem Hobby gemacht. München ist für sie ein hartes Pflaster.
philipp-mattheis

Vorsichtig berührt dein Schuh den Boden. Wird er halten? Langsam verlagert sich das Körpergewicht von einem Fuß auf den anderen. Ein Atemzug. Die Luft ist alt, moderig, schimmelig – vielleicht sogar ein bisschen giftig. Riecht so der Tod? Naja, jetzt mal nicht übertreiben. Ein Haus kann alt sein, aber deswegen müssen hier nicht gleich irgendwelche Toten sein. Aber könnte dort oben am Ende der Treppe nicht eine Leiche. . .? Blödsinn, keine unnötige Panik jetzt bitte! Der Boden hält, alles sicher. Du kannst weitergehen. Doch bei der nächsten Treppenstufe geht es wieder von vorne los. Erst tastet sich dein Fuß voran und das Körpergewicht verlagert sich Stück für Stück. Die Treppe könnte morsch sein und unter euch zusammenbrechen. Plötzlich hältst du inne. Da war was! Da war doch was! Du flüsterst:
„Hast du es auch gehört?“
„Was?“
„Da war was. Ich glaube, das ist jemand!“
„Nein, da war nichts. Gehen wir weiter.“
   


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In alte, verlassene Gebäude einzusteigen, ist verboten. Das sei an dieser Stelle einmal ganz deutlich gesagt. Rechtlich ist das „Hausfriedensbruch“ und ganz einfach eine Straftat. Trotzdem ist das Herumstreunern in verlassenen Häusern, Fabriken, Bahnhöfen und Kanalanlagen für viele Teil des Erwachsenwerdens. Vielleicht, weil es so große Mengen an Adrenalin freisetzt. Nur selten ist das Unrechtsbewusstsein so schlecht entwickelt, dass man nicht wüsste, dass man sich hier außerhalb des Erlaubten bewegt. Und selbst wenn man kurz einmal vergisst, dass das, was man hier gerade tut, illegal ist, erinnern einen die rechteckigen gelben Schilder wieder daran. „Betreten verboten“ steht auf schwarzen Druckbuchstaben geschrieben, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.

Und trotzdem: So richtig falsch fühlt es sich auch nicht an. Kein Mensch kommt zu Schaden, nichts geht kaputt, ihr wollt nichts stehlen, nichts zerstören, ihr wollte euch nur ein bisschen umsehen... Dein Herz schlägt laut, du kannst es hören, Staub, wer weiß wie alt, fliegt durch die Luft. Auf dem Boden liegt ein vergilbtes Papier. Eine Zeitung, du suchst nach dem Datum: 14. April 1997. Sie erscheint dir wie ein Schatz aus Gold. Vor 15 Jahren, als hier noch Menschen waren, las jemand diese Zeitung und ließ sie liegen. Wer war er wohl? Was war seine Geschichte? Deine Fantasie macht Sprünge: Lebenslinien, Schicksale, Tragödien und Heldengeschichten entspinnen sich zart aus diesem Stück Papier, das dort auf dem Boden liegt. Plötzlich, die Luft knallt. Ihr zuckt zusammen, reißt die Augen auf, Adrenalin flutet eure Körper. Was zum Teufel ist. . .? Eine Taube. Sie flattert von einem Giebel auf den anderen. Durchatmen, ganz ruhig atmen, es war nur eine Taube, sonst nichts.

Der Reiz, in alte Häuser einzusteigen, geht mit dem Erwachsenwerden nicht unbedingt verloren. Aber es fehlt die Zeit. Diese Mischung aus Langeweile und Neugierde, die man an Nachmittagen mit guten Freunden teilt, wenn die Hausaufgaben erledigt sind und der Tag noch etwas übrig hat. Ungenutzte, unverplante, ungeteilte Zeit, um die Stadt zu erkunden, in der man lebt. „Urban Explorer“ nennen sich Leute, die sich das Herumstreunen und Entdecken alter Häuser zum Hobby gemacht haben. Doch in München gibt es im Gegensatz zu Berlin oder anderen Großstädten kaum leer stehende Gebäude. München sei für Urban Explorer ein hartes Pflasters, antwortet die Münchner Polizei auf Anfrage, da „entsprechende Anlagen zum größten Teil fehlen.“ Fälle von „Urban Exploration“ seien in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht bekannt, sie will dazu aber auch keine Auskunft geben. Die Stadt ist effizient, strukturiert und teuer. Kaum jemand kann und will es sich leisten, wertvollen Grund einfach ungenutzt stehen zu lassen. Die Flächen sind verplant. Was niemand braucht, wird abgerissen und durch Neues, Nützliches ersetzt. Nur selten stößt man noch auf Stillgelegtes, Verfallenes und Ungenutztes.
 
Dort in der Ecke steht eine alte Couch. Spinnweben, Dreck und Schimmel überziehen ihre Oberfläche. Du fährst mit der Hand darüber. Das Zeug klebt. Ein bisschen eklig ist das alles, aber nicht unbequem. Wenn man einmal richtig saubermachen würde. . . Vor deinem inneren Auge siehst du Menschen tanzen, hörst neue Musik auf die alten Wände treffen, riechst Ekstase. „Hier müsste man mal eine Party feiern“, flüsterst du deinem Komplizen zu. Ihr seht euch um: Dort hat jemand mit einer Sprühdose ein schlechtes Graffiti an die Wand gespürt. Und da! Da liegen Bierflaschen! Du gehst näher hin, du glaubst, die Flaschen können dir etwas über den erzählen, der sie geleert hat. Auf dem Boden: Noch ein Indiz! Ein zerbrochenes Feuerzeug und eine leere Sprühdose. Ihr seid nicht die ersten. Du fühlst dich ein wenig wie der Entdecker Scott: Nachdem er den Südpol erreicht hatte, erfuhr er, dass Amundsen schon vor ihm da gewesen war. Doch da ist auch ein bisschen Erleichterung: Wenn ihr nicht die einzigen seid, die hier waren, kann es doch nicht so verboten sein. . .

Urban Exploring im Internet
Die Freunde des Vergessenen tauschen sich auch im Netz über ihre Entdeckungen aus. Der Begriff „Lost Place“ ist dort so populär, dass eine der größten Webseiten für historische Zweckbauten, lostplaces.de, kürzlich ihren Namen in „Geschichtsspuren“ änderte. Meistens sind es Hobbyfotografen, die sich auf Seiten wie dslr-forum.de in Regionalgruppen über neue Locations informieren. Auch auf bunkerfreunde-muenchen.de präsentieren Fotografen Bilder ihrer Entdeckungen. U-Bahn Fans treffen sich auf muenchnerubahn.de, auf geoclub.de tauschen sich „Geocacher“ aus, die für ihre modernen Schnitzeljagden mit GPS und Handy auf der Suche nach Verstecken für ihre Schätze sind. Dort gibt es auch zahlreiche Hinweise aus München: vom alten Fabrikgelände bis hin zum ehemaligen Schwimmbad des „Schwabylon“.

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