Thomas Dörschel von „Virginia Jetzt!“ über Voll-Fans

Wenn Fan und Band zusammen kommen, dann nennt man das Konzert. Thomas Dörschel hat diese Situation mit seiner Band Virginia Jetzt! bereits 422 mal erlebt und darf deswegen als Fan-Fachmann gelten. Ein Interview
max-scharnigg
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Thomas ist der zweite von rechts und an seinem T-Shirt sieht man, dass er selbst Fan ist. Wie unterscheiden sich Fans von normalen Konzertbesuchern? Die Fans stehen vorne an der Bühne. Solche, die nur mal so zum Konzert gekommen sind, bleiben gerne hinten und stellen dabei auch eine gewisse Skepsis zur Schau. Und richtige Fans bleiben nach dem Konzert natürlich noch eine Zeitlang in der Halle, weil sie hoffen, dass die Band noch mal rauskommt und mit ihnen spricht. Das machen wir auch. Wie organisieren sich eure Fans? Es gab schon ziemlich bald Gruppen im Web, Yahoogroups und so, wo sich die Leute ein bisschen organisiert und ausgetauscht haben, auch Fahrgemeinschaften zu Konzerten wurden da verabredet. Außerdem war das Gästebuch unserer Homepage eine Plattform. Jetzt haben wir auch einen richtigen Fanclub, mit einer Fanclubleiterin. Was für Privilegien hat ein Fanclub? Ab und zu geben wir zum Beispiel exklusive Downloads frei oder veranstalten Gewinnspiele. Am Anfang hätten wir uns alle gedanklich damit schwer getan, eine Band mit Fanclub zu sein, aber jetzt ist das eigentlich sehr sympathisch. In Cottbus haben wir mal ein Konzert zu einem Fanclubtreffen gemacht – das waren dann etwa 120 Leute, alle sehr interessiert. Und einige Gesichter hatten wir wirklich auch schon sehr oft im Publikum gesehen. Wofür sind Fans denn noch wichtig, außer dass sie zum Konzert kommen und T-Shirts kaufen? Eingeschworene Fans sind die kritische Basis, die eine Band braucht. Das sind Leute, die sich auch trauen zu sagen, wenn ein Album scheiße war – und sich danach trotzdem noch für uns interessieren. Wie erlebt ihr MySpace als Kontakt-Plattform zwischen Band und Fan? Wir stellen fest, dass die Klicks auf unserer eigenen Homepage abnehmen und die bei MySpace zunehmen. MySpace ist schon eine recht gute Kontaktmöglichkeit und wir versuchen auch dort noch alle Anfragen persönlich zu beantworten. Eine Band wie die Editors macht das vermutlich nicht mehr. Fansein ist damit auch bequemer geworden. Früher hat man im Tocotronic- Fanclub alle Vierteljahre mal eine doppelt bedruckte Fanseite mit der Post bekommen – heute lassen sich die Neuigkeiten über die Lieblingsbands in zehn Minuten überall zusammentragen. Kommen euch die Fans mit dem Web näher als ohne? Die Kumpelhaftigkeit ist schon gestiegen, durch diese technischen Freundschaftsverhältnisse. Das heißt, die Leute kommen nach dem Konzert und sagen: Hey, wir sind Freunde, schon gewusst? Grundsätzlich hören wir oft, dass Virginia Jetzt! aber auch eine Band ist, die nicht besonders distanziert und künstlerisch rüberkommt, sondern nett. Seid ihr auch noch nett, wenn die Fans um ein Autogramm bitten – auf gebrannten Virginia Jetzt!-CD's? Das kommt immer wieder vor. Wir versuchen dann in belehrendem Ton darauf hinzuweisen, fragen den Fan, warum er das macht und unterschreiben natürlich trotzdem. Wir können aber eher schlecht damit umgehen. Es ist schwierig, jemandem in dieser Situation einen Vorwurf zu machen – immerhin setzt er sich ja mit unserer Musik auseinander, kommt aufs Konzert und ist offenbar damit aufgewachsen, dass man Musik kostenlos bekommt. Wir hatten auf der letzten Tour einen richtigen Voll-Fan, der bei einem Stück sogar auf der Bühne mitsingen durfte. Der hat Backstage seine Tasche liegen lassen, darin waren alle unsere Alben und alle waren gebrannt. Wie verhältst du dich selber als Fan? Ich kann heute sehr gerne und frei sagen, dass ich von jemand oder etwas Fan bin. Als ich jünger war, fiel mir das schwerer, weil damals das Wort „Fan“ eher hysterischen Charakter hatte, man dachte dann gleich an Boygroups. Ich warte aber heute auch nicht mehr nach dem Konzert auf die Band und versuche mit den Musikern zu quatschen, wie ich das früher gemacht habe. Das hat nämlich auch ganz oft Illusionen zerstört. Eine ewige Gefahr beim Fansein. Ich kenne ja beide Seiten: Nach dem eigenen Konzert ist man fertig und dann kommt ein Fan und will alles Mögliche wissen und selbst wenn man höflich tun will, enttäuscht man ihn. Deswegen verteilen wir auch keine Backstage-Pässe an Fans, wie das einige andere Bands machen. Wir wollen nach dem Konzert die Möglichkeit haben, uns hinten in Ruhe auch über ein eventuell schlechtes Konzert auszulassen. Wie machen sich Fans denn beliebt? Und wie unbeliebt? Wir hatten mal ein Konzert, da hatten 30 Fans so Plastik-Ratschen dabei, die haben dann ab und zu gleichzeitig Lärm gemacht, das war skurril, aber auch irgendwie gut. Wenn wir etwas nicht so gut finden, dann sagen wir das auch, etwa: „Hey, das ist nicht so cool, auf die Bühne zu kommen, nur weil du mitsingen kannst.“

Text: max-scharnigg - Foto: Universal

  • teilen
  • schließen