"Tipp mal den Schiri an."

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Ricardo Scheuerer hört die Sirenen des Polizeiautos nicht, das an dem Fußballplatz im Süden Berlins vorbeirauscht. Er hört nicht die Anfeuerungsrufe der Berliner Juniorenmannschaft, die auf dem Feld einen Kreis bilden und die Köpfe zusammenstecken. Und auch seinen Pfiff hört er nicht, mit dem er das Pokalspiel zwischen dem SSV Köpenick Oberspree und dem SC Berliner Amateure frei gibt. Scheuerer ist Schiedsrichter. Und gehörlos.

Mit einem Hörgerät kann der 17-Jährige grobe Geräusche wahrnehmen, aber darauf verzichtet er meistens – auch auf dem Platz. „Dann bin ich wieder in meiner stillen Welt“, erklärt er nach dem Spiel mit seinen Händen, und Kommunikationsassistentin Susann Krämer übersetzt.

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Illustration: Julia Schubert



Einem Passanten, der an diesem Sonntagmorgen am Tor des Fußballplatzes in Berlin Kreuzberg Halt machen würde, fiele wohl gar nicht auf, dass der drahtige Jugendliche mit dem Kurzhaarschnitt und der Pfeife um den Hals kein Schiedsrichter wie jeder andere ist. Scheuerer rennt, pfeift, gestikuliert, zieht die Karten, wie seine Kollegen. Nur seine Blicke unterscheiden ihn, es sind ein paar mehr: Augenkontakt zu den Spielern, Kontrollblick zur Seitenlinie, den Fokus auf den Ball - und von nichts ablenken lassen.

Mit Beharrlichkeit hat es Ricardo geschafft, dass er heute hier steht und B-Junioren-Spiele leitet. Als er vor drei Jahren eine Werbung für Schiedsrichternachwuchs sah, wusste er: Das will ich machen. Verantwortung übernehmen, ein Vorbild sein, Selbstbewusstsein gewinnen. Ein paar Fußballspiele für Gehörlose hat er zu dem Zeitpunkt bereits geleitet, warum dann nicht auch für Hörende, dachte er sich. Sein Vorbild Torsten Mertens, der erste gehörlose Schiedsrichter in Deutschland, hatte es schließlich auch geschafft. Also schrieb Ricardo Bewerbungen an Berliner Vereine und wartete. Zurück kamen nur Absagen. „Klar, ich war enttäuscht“, meint Scheuerer heute. „Ich fühlte mich diskriminiert.“


Wie Scheuerer kämpfen viele Gehörlose noch immer um Anerkennung, sei es im Beruf oder im Sport. Ein Wandel zeichnet sich nur langsam ab. Am 29. August starten die Paralympics mit etwa 4.200 Teilnehmern, so vielen wie noch nie zuvor. „Menschen mit Behinderung sollten nicht mehr in Sonderwelten leben, sondern mitten unter uns“, fordert Martin Georgi, Vorstand der Aktion Mensch. Er fordert, mehr Menschen mit Behinderung an Olympia teilnehmen lassen, zumindest in den Fällen, wo das möglich ist und außerdem Olympia und Paralympics zur selben Zeit und im gleichen Rahmen auszutragen. Das Beispiel von Scheuerer zeigt zumindest schon, dass heute im Sport mehr möglich ist und sich die Gesellschaft langsam öffnet.

Allerdings braucht es dazu auch Menschen wie Daniel Balfanz. Der Schiedsrichterkoordinator vom SV Blau Gelb aus Weißensee mit den rotblonden Haaren, hat Ricardo Scheuerer im Internet kennengelernt und musste nicht lange überlegen, als er von dessen Plänen hörte. Er besprach sich mit der Vereinsführung, die sich wiederum an den Berliner Fußballverband wandte. „Es gab einige Bedenken“, sagt Balfanz, der heute bei mehr als 30 Grad auf den Steintribünen am Kreuzberger Fußballfeld sitzt und dem Spiel zusieht. „Wenn sich in einer Ecke zwei Spieler prügeln, kriegt er das doch gar nicht mit“, hätten die Fußballfunktionäre damals befürchtet.

Man einigte sich, dass Ricardo zunächst nur Testspiele pfeifen und einen Regelkundelehrgang absolvieren sollte. Das tat er - und beendete ihn als Jahrgangsbester. „Das hat mich überrascht“, sagt Balfanz und schaut wieder auf den Platz. Die Spieler sind zurück von einer kurzen Trinkpause, die Ricardo wegen der Hitze angeordnet hat. Scheuerer weicht gerade einem Ball aus, indem er zwei Schritte rückwärts tänzelt, sich im Lauf dreht und weiter trabt. Inzwischen ist Balfanz mit Ricardo befreundet; wenn er ihn trifft, verständigen sich beide über Handy: Einer schreibt eine SMS und zeigt sie dem anderen, ohne sie abzuschicken.

Halbzeit. Die Spieler trotten vom Feld, Trainer und Funktionäre sammeln sich vor dem Kiosk am Vereinshaus. „Dit war sowas von ruhig“, sagt der Co-Trainer des SC Berliner Amateure, während er darauf wartet, dass der Kaffee durchgelaufen ist. Und auf den Schiedsrichter angesprochen: „Nichts zu meckern.“

Das hatte auch der Berliner Fußballverband eingesehen, Ricardo wurde gut bewertet und darf seit April 2011 niederklassige Jugendspiele pfeifen. Im November verlieh der Verband ihm und seinem Verein SV Blau-Gelb den Integrationspreis, den er zusammen mit seinem Schiedsrichterausweis überreicht bekam. Inzwischen pfeift Ricardo auch C- und B-Jugendspiele. Sein nächstes Ziel ist die A-Jugend, irgendwann könnte er sich sogar vorstellen, in der Bundesliga zu pfeifen. „Das ist mein großer Traum.“ In den ersten Spielen war Ricardo noch aufgeregt. Kommunikationsassistentin Susann Krämer begleitete ihn am Anfang jedes Wochenende, um zu dolmetschen. „Er musste alles kontrollieren“, sagt die 25-Jährige. Sogar die Tore maß er vor den Spielen aus. Er wollte nichts falsch machen. Der Verband war zufrieden. 

„Er hört wenigstens das Gemecker und Gepöbel nicht", heißt es oft, wenn Leute mitbekommen, dass der Schiedsrichter gehörlos ist. Ganz stimmt das nicht, und einige Spieler sind auf diese Fehlannahme schon hereingefallen. Ricardo kann von den Lippen lesen. Wenn Spieler über seine Entscheidungen schimpften, griff er in den ersten Spielen noch nicht ein. Inzwischen weicht er Konflikten nicht mehr aus; er zeigt in solchen Situationen auf seine Brusttasche und deutet mit dem Finger eine Verwarnung an, oder er zieht gleich die gelbe Karte. Nur selten muss er nach den Zettelchen in seiner Brusttasche nesteln, um sich schreibend verständlich zu machen. Nach etwa 80 Spielen bewegt er sich routiniert und selbstbewusst auf dem Platz, gibt mit den Händen deutliche Anweisungen und lässt keine Fragen offen. Krämer muss ihn heute nicht mehr zu den Spielen begleiten, er kommt allein zurecht. Die meisten Spieler und Trainer der Vereine, bei denen er angesetzt ist, kennen ihn ohnehin schon. 

Nur einmal ist passiert, was Scheuerer fürchtet: Dass ihm die Kontrolle des Spiels entgleitet. Ungern denkt er an jene Partie zurück, als er eine rote Karte nach der anderen zücken musste. „Da ging es drunter und drüber“, erzählt er. „Es war richtig laut.“ Das erkannte er nicht nur an der Wortwahl übers Lippenlesen, sondern auch über die Mimik und Gestik der Spieler. Die hätten einander und ihn selbst beleidigt, erinnert sich Ricardo, indem er das mit dem Mittelfinger andeutet. Er habe versucht, die Situation zu beruhigen, bis ihn ein Spieler mit dem Ellenbogen attackierte. Ricardo brach das Spiel ab.

An diesem Sonntagvormittag bleibt es ruhig. Hektik kommt nur kurz in der zweiten Halbzeit am Spielfeldrand auf, als der Trainer der Köpenicker wechseln will. „Schiri!“, ruft der. „Schiri!“ ruft er noch zwei weitere Male und dann zu einem Spieler: „André, tipp mal den Schiri an!“, der macht das und Scheuerer kreist mit den Händen zur Auswechslung. Die Köpenicker gewinnen mit 5:1. Für Ricardo ist es trotzdem ein besonderes Spiel, es ist das letzte, bevor er nach Essen umzieht. Dort hat er einen Platz in einem Internat bekommen, an dem er sein Abitur machen wird. An den Wochenenden will er aber nach Berlin zurückkommen – um zu pfeifen.

Ein paar Spieler laufen zu ihm und drücken ihm die Hand. Scheuerer läuft zu seiner Freundin am Spielfeldrand, sie wirft ihm eine Wasserflasche zu. Mit einem Handtuch um den Hals setzt er sich auf ein Geländer und muss grinsen, als er noch beantworten soll, wie er bemerke, ob jemand hinter ihm stehe, wenn er auf dem Feld rückwärts laufe. „Ich laufe ja nicht einfach rückwärts“, sagt er. Er schaue sich immer erst um. Denn der Blick, der sei das Wichtigste. 

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