Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

"Totenköpfe müssen nicht sein"

Teile diesen Beitrag mit Anderen:


jetzt.de: Wie funktioniert dein Pimp-my-Dirndl-Service?
Judith Nemec: Die Grundidee ist, dass die Kundinnen ihr altes Dirndl zu mir bringen – das geht vom Erbstück bis zu den günstig gekauften Dirndln, die es ja mittlerweile überall gibt. Die meisten wollen eines haben, das aus der Masse heraussticht. Zusammen suchen wir verschiedene Sachen aus, zum Beispiel einzelne Verzierungen mit Borten, Haken und Ösen, Kunstblumen, Fellbordüren, Stickereien am Unterrock – da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Ich bespreche das alles mit den Kunden und nach ein paar Tagen kann dann das eigene, individuelle Dirndl abgeholt werden.
  
Trägst du selbst gepimpte Dirndl?
Ja, daher kam die Geschäftsidee. Ich habe an meinem eigenen Dirndl jedes Jahr etwas verändert und damit das Kleid aufgewertet. Das Dirndl wird dadurch nicht unbedingt pompöser, sondern einfach edler und natürlich auffälliger. So ein gepimptes Dirndl hat mit Tradition dann eigentlich nicht mehr viel zu tun. Es ist einfach Mode geworden!
  
Nervt dich der Wiesn-Einheitslook?
Es ist einfach schade. Ich gehe auf die Wiesn und sehe so viele Kleider, wo ich mir sofort denke: hier könntest du das machen, hier könntest du das machen. Man kann aus jedem Dirndl noch was rausholen.
  
Wer bringt denn hauptsächlich seine Dirndl zu dir?
Da sind junge Mädels dabei sowie ältere Damen. Und genauso unterschiedlich sind auch die Dirndl. Da gibt es mal welche von den günstigen, grellen Kleidern, aber auch richtig alte Stücke. Ich hatte schon Dirndl, die bestimmt 20, 30 Jahre alt waren! In der Regel läuft das Geschäft über Mundpropaganda. Ich habe es aber schon erlebt, dass Leute nicht verraten haben, dass sie ihr Dirndl von mirhaben. Das ist zwar schlecht fürs Geschäft, aber nett das zu beobachten.
 

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Passt das überhaupt zusammen – ein cooler Jungdesignerladen und Dirndl?
Das ist für mich einfach ein schöner Mix. Aber es ist schon gut, dass es zeitlich begrenzt ist. Ich würde nicht das ganze Jahr lang Dirndl aufhübschen, weil es doch ein ganz anderes Arbeiten ist. Ich fange Mitte August an und mache das bis zum Ende der Wiesn. Dann reicht es mir auch wieder.
  
Das scheint sowieso charakteristisch für das Westend zu sein – die Mischung aus Coolem und traditionellen Boazn. . .
Absolut. Schön zu sehen, dass sich beides verbindet, dass man beides vereinen kann. Das merkt man auch bei den Kunden, das ist eine gesunde Mischung.
  
Gab es schon mal ein Dirndl, vor dem du kapituliert hast?
Es gab da mal eine Landhaus-Kleid. Da habe ich gesagt: da kann man nichts machen. Und eines dieser günstigen Dirndl hatte wirklich grenzwertige Farben, so ein fieses, grelles Orange. Da kann ich dann auch nicht mehr so arg entgegen wirken. Ich habe es aber trotzdem gemacht und es sehr schlicht gehalten und versucht, die fiesesten Stickereien mit Kunstblumen zu überdecken.
  
Was geht denn gar nicht? Gibt es da ein paar Faustregeln?
Das Dirndl sollte nicht zu kurz sein. Ansonsten finde ich es auch immer schlimm, wenn das Kleid zu unnatürlich wirkt. Bei Accessoires wie Schuhen, Strumpfhosen und so weiter kann man auch jede Menge falsch machen. Das liegt auch an der Zeit: die Leute wollen einfach immer mehr für ihren Trachten-Look kaufen, und einige übertreiben dann. Irgendwann ist nun mal zu viel. Immerhin war ein Dirndl ja früher in erster Linie ein Marktgewand, das einiges aushalten musste. Mittlerweile haben wir fast nur noch Luxusversionen. Ich mag es nicht, wenn ein Dirndl zu kitschig ist. Ach, und Totenköpfe müssen auch nicht sein.
  
Wie kann man sein Dirndl selber pimpen?
Wer nähen kann, kann sich natürlich auch selbst sein Dirndl verzieren. Nur es sollte ja alles passen, und das ganze Equipment hat man meistens nicht daheim. Viele kommen auch, weil sie eine zweite Meinung hören wollen und fragen, was ich denn machen würde. 
  
Wie lange arbeitest du an einem Dirndl?
Schwer zu sagen. Meistens sitze ich erstmal einen Tag dran und überlege, wie ich es am Besten mache. Dann bearbeite ich in der Regel zwei, drei Kleider auf einmal. Die meiste Zeit nimmt aber wirklich das Überlegen ein, und natürlich das Besorgen der richtigen Stoffe, der passenden Blumen und Borten. Das Nähen an sich geht eigentlich immer recht schnell.
  
Was ist denn das Aufwändigste, was du mit den Dirndln machst?
Das ist eigentlich die Fellbordüre, die ich zum Beispiel um den Ausschnitt nähe. Das Fell gibt es nicht zugeschnitten zu kaufen, das muss ich alles selber machen, dann noch einen Stoff dagegen nähen, damit es nicht ausfranst. Und Perlenstickerei ist immer sehr zeitaufwändig.
  
Machst du abgesehen von den Dirndlndenn noch mehr mit Tracht?
Ja, ich mache auch viele Accesssoires. Zum Beispiel habe ich aus Hüten Taschen genäht. Die passen perfekt zum Dirndl! Es gibt aber auch normale Hüte, die ich mit Kunstblumen verschönere. Außerdem hab ich Broschen, Ketten, Haarschmuck und so etwas.
  
Was kostet es eigentlich, sein Dirndl bei dir pimpen zu lassen?
Los geht's bei der Armlochverzierung, das ist eine Bordüre, die drauf kommt. Das kostet 16,90 Euro. Und dann habe ich noch Menus zusammengestellt, die gehen bis 79,90 Euro. Da wären beispielsweise Haken und Ösen, Ketten, Perlenstickerei und Unterrockverzierung mit dabei.

Text: julia-siedelhofer - Fotos: juliasiedelhofer

  • teilen
  • schließen