Trotz Qualm keine dicke Luft

Rauchverbotsbefürworter Sebastian Frankeberger im jetzt.de-Porträt - und im Live-Chat bei sueddeutsche.de
julian-jochmaring

Angestrengt fixiert Sebastian Frankenberger, 28, die Treppenstufen, die hinaufführen zur Bavaria, der weiblichen Verkörperung von Bayern. Noch steht das „JA“ nicht so, wie es soll. Er steigt auf eine klapperige Holzleiter, sein braunes Kordjackett und die langen Haare flattern im Wind. „Die Weißen müssen noch ein bisschen weiter rechts rüber. Die Grünen stehen schon ganz gut.“ Die „Grünen“ und die „Weißen“ tragen T-Shirts und Pappschilder in den beiden Farben und positionieren sich auf den Treppenstufen in Form eines „JA“. Unter ihnen sind viele Senioren, die aussehen, als schauten sie nur kurz auf ihrem Sonntagsspaziergang vorbei, aber auch Studenten, Bekannte Frankenbergers und einige Kinder mit ihren Eltern. Das totale Verbot Der Flashmob vor der Bavaria ist der Auftakt zur heißen Wahlkampf-Phase des „Aktionsbündnis Volksentscheid Nichtraucherschutz“. Geht es nach ihnen, so stimmen beim Volksentscheid am 4. Juli möglichst viele mit einem „Ja“ für den Nichtraucherschutz in Bayern. Damit würde die Liberalisierung des Rauchverbots, wie sie vom Bayerischen Landtag am 1. August 2009 verabschiedet wurde, aufgehoben. Erlaubt das Gesetz heute noch das Rauchen in so genannten Einraum-Gaststätten unter 75 Quadratmeter sowie in größeren Gaststätten und Diskotheken in extra ausgewiesenen Räumen, fordern die Initiatoren des Volksentscheids ein umfassendes Verbot ohne Ausnahmen. Raucher müssten demnach vor die Tür, egal ob vor ihrer Stammkneipe, der Disko oder des Festzelts auf dem Oktoberfest. Bereits vor der Gesetzesänderung formierte sich unter Leitung der Ökologisch-Demokratischen Partei der Protest. Ein im Spätherbst letzten Jahres gestartetes Volksbegehren erhielt die Unterstützung von mehr als zehn Prozent der Wahlberechtigten in Bayern. Der Landtag lehnte im April zwar die direkte Übernahme des neuen Gesetzesentwurfs ab, die Chancen für die Verbotsanhänger stehen jedoch nicht schlecht. Lediglich die einfache Mehrheit benötigen sie am 4. Juli, eine Mindestbeteiligung ist nicht erforderlich. Für die Politik ist es ein Präzedenzfall in Sachen direkter Demokratie, für die Aktionisten dagegen ein Kampf von David gegen Goliath. David sind in diesem Falle sie, das kleine Häufchen Menschenfreunde, denen die Gesundheit des Volkes am Herzen liegt. Die Rolle des Goliaths spielt selbstverständlich die Tabaklobby.

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Illustration: Julia Schubert

Sebastian, 28, wollte schon immer die Welt verändern Auf Seiten der Verbotsbefürworter gibt man sich ganz nah am Puls des Kommunikationszeitalters. In der eigenen Facebook-Gruppe wird fleißig diskutiert, Aktionen werden geplant und für Spenden geworben. Frankenberger selbst wendet sich regelmäßig in charmant-verwackelten Youtube-Videobotschaften an seine Mitstreiter. Die biblische Tragweite des Zwists kommt dem 28-Jährigen dabei nicht ungelegen, hat er doch nach einem abgebrochenen Lehramtsstudium in seiner Heimatstadt Passau Theologie studiert und ist in der dortigen Gemeinde als Notfallseelsorger tätig. Er habe schon immer die Welt verändern wollen, gibt er interessierten Medienvertretern zu Protokoll. An diesem Sonntagmorgen auf der trostlosen, weil abgesehen von dem Platz vor der Bavaria weitgehend menschenleeren Theresienwiese, gibt er sich zumindest alle Mühe. Nachdem es die ganze Nacht über geregnet hat, bricht pünktlich zu Beginn des Flashmobs die Sonne durch die Wolkendecke. Fast scheint es, als dienen die Sonnenstrahlen als eine Art geheime Regieanweisung für Silvia und Chantal. Mit Schildern, auf denen ein großes „NEIN“ zu sehen ist, springen sie zwischen die aufgestellten Nichtraucherschützer. Ein Flashmob im Flashmob quasi. Frankenberger demonstriert Gelassenheit: „Wir haben nichts gegen unsere Gegner, vor allem nicht wenn es so hübsche Mädels sind.“ Dabei zeigt die Aktion vor allem, dass im Kampf um den Nichtraucherschutz die Rollenverteilung gar nicht so klar ist, wie es von Seiten der Befürworter oft dargestellt wird. Denn Silvia und Chantal sind, wie Frankenberger selbst festgestellt hat, keine „betonköpfigen Industriebosse“, die um ihren Profit fürchten. Vielmehr geht es ihnen darum, frei entscheiden zu können, wo geraucht werden darf und wo nicht. Chantal ist sogar Nichtraucherin, doch eine Kneipe ohne Zigarettenqualm kann auch sie sich nicht vorstellen. Die Rhetorik der Verbotsgegner unterscheidet sich bei genauem Hinsehen dabei gar nicht so sehr von der ihrer Konkurrenten. Gregor Sack aus der Gruppe der Verbotsgegner betont, dass vor allem die kleinen Kneipen unter einer Verbannung der Raucher leiden. Sie könnten es sich nicht leisten, Stammgäste zu verprellen, indem sie sie zum Rauchen vor die Tür schicken. Auch hier geht es also um David gegen Goliath. Direkte Demokratie 2.0 Am Ende strahlen aber alle mit der Mittagssonne um die Wette. Sofie Langmeier, Pressesprecherin des Aktionsbündnisses, spricht von einem Erfolg. „Es hat sich gezeigt, dass es möglich ist, innerhalb kurzer Zeit genügend Leute über das Internet zu mobilisieren. Darauf lässt sich aufbauen.“ Frankenberger verspricht weitere Flashmobs, in München und Nürnberg. „Wir haben noch viele Ideen, die wir bis zum 4. Juli umsetzen möchten“, sagt er und grinst verschmitzt. Mit dem Auftauchen der Verbotsgegner habe er keine Probleme. Fairness und Respekt herrschen auf beiden Seiten. Am Ende verabschieden sich Gegner und Befürworter des Rauchverbots und wünschen sich alles Gute . Angesichts der Tragweite des Entscheidung mag man das ein wenig naiv finden, man kann es aber auch als positiven Nebeneffekt der direkten Demokratie verstehen. Statt parteipolitischen Machtgezänks stehen allein Sachverhalte im Mittelpunkt, vertreten von überparteilichen Bündnissen. Update: Am 17. Juni ist Sebastian bei sueddeutsche.de im Live-Chat

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