"Und dann haut das mit dem Bremsen nicht mehr hin"

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Freiheit bedeutet, überallhin fahren zu können. Auf dem Land ist das erst mit einem Auto richtig möglich, weshalb viele ihren 18. Geburtstag und den Führerschein herbeisehnen und dann oft zu viel Risiko eingehen. Laut Statistik sind in ländlichen Gebieten besonders viele 18- bis 24-Jährige an Verkehrsunfällen beteiligt; zum Beispiel im Bayerischen Wald mit seinen oft unübersichtlichen, kurvigen Straßen. Dort kamen im April vier junge Frauen im Alter zwischen 17 und 19 ums Leben, weil ihr Auto in den Gegenverkehr geriet. Polizei und Verkehrswacht senken zwar mit Aufklärung und Fahrertrainings die Zahl der tödlichen Unfälle, das grundsätzliche Problem aber bleibt. jetzt.de sprach mit dem Ersten Polizeihauptkommissar Günter Obermüller und Polizeioberkomissar Werner Königseder über ihr Leben mit den Unfällen. Obermüller leitet die Polizeiinspektion Freyung. Königseder ist dort Verkehrserzieher.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Sie sind beide im Bayerischen Wald groß geworden. Der Landkreis Freyung-Grafenau war einst berüchtigt, weil hier besonders viele 18- bis 24-Jährige in Unfälle verwickelt waren . . . Günter Obermüller: Das war mal. Vor 30 Jahren hatten wir bei Verkehrsunfällen über 40 Tote pro Jahr. Vergangenes Jahr waren es "nur" noch sechs. jetzt.de: Nun sind vor gut vier Monaten allein bei einem Unfall vier Mädchen ums Leben gekommen. Obermüller: Solch ein Unfall ist selten. Aber ich gebe zu, der Anteil junger Fahrer an schweren Verkehrsunfällen ist schon überproportional hoch. Ich hab' die Statistik für den Landkreis da: Vergangenes Jahr wurden hier 395 Menschen bei Verkehrsunfällen verletzt. 207 von ihnen waren zwischen 18 und 24 Jahre alt. Das sind 52,4 Prozent. Dabei machen die an der Gesamtbevölkerung nur etwas über acht Prozent aus. jetzt.de: Bundesweit sind von allen Verletzten bei Unfällen nur 20 Prozent aus dieser Altersklasse. Obermüller: Ja, das ist viel bei uns. Dafür hat sich die Zahl der Unfälle, die in der Altersklasse durch Alkohol verursacht wurden, seit 2003 mehr als halbiert. jetzt.de: Werden die Leute vernünftig? Obermüller: Wir haben Alkoholkontrollen noch und nöcher gemacht. Mit zwei Mann kann man fünf Minuten an der einen, dann an der nächsten und dann wieder an einer anderen Kreuzung kontrollieren. Niemand kann dann noch unterscheiden, ob das dieselben Polizisten sind. Die Leute warnen sich zwar über SMS-Verteiler vor den Kontrollen, haben aber den Eindruck: ,Heute ist überall die Polizei.‘ jetzt.de: Ich dachte, Sie richten sich da für eine Stunde oder länger ein. Obermüller: Da würdest du kalkulierbar. jetzt.de: Ist es normal, auf dem Land mit Unfällen groß zu werden? Werner Königseder: Ich hatte selbst mit 23 einen. Ich war Beifahrer und wäre fast ums Leben gekommen. Der Gegenverkehr ist in der Ortschaft 100 gefahren, dann in die Kurve und uns entgegen. jetzt.de: Was ist Ihrem Fahrer passiert? Königseder: Das war eine Freundin, die war schwer verletzt. Meine jetzige Frau ist hinten gesessen, die war auch schwer verletzt. jetzt.de: Was ändert solch ein Unfall? Königseder: Mich hat das persönlich verändert. jetzt.de: Wie? Königseder: Ich habe wieder zum Glauben gefunden. Auch wenn ich mich immer noch schwertue, meinen Kindern zu erklären, warum Gott so was zulässt wie mit den vier Mädchen. jetzt.de: Immer ist von "Discounfällen" die Rede. Passiert wirklich so viel auf der Heimfahrt von der Disco? Obermüller: Nicht unbedingt. jetzt.de: Wo passiert am meisten? Obermüller: Hier ist Waldkirchen einer der Unfallschwerpunkte. Das ist der einzige Ort in der Gegend, wo sich auch nachts etwas rührt. Vor einem Jahr hatten wir dort einen schweren Unfall: Zwei Männer fahren ein Rennen und kommen bei Waldkirchen in einen Kreisverkehr. Die beiden fahren, nebeneinander, mit mindestens 150 darauf zu. Dann haut das mit dem Bremsen nicht mehr hin und sie versuchen, links und rechts dran vorbeizukommen. Das eine Auto hebt ab und fliegt rechts am Kreisverkehr vorbei, nimmt mehrere Verkehrszeichen mit und knallt in ein Haus. Und der andere Fahrer - man kann sagen, dass sich sein Auto um den Pfeiler gewickelt hat. jetzt.de: Waren Sie dort? Obermüller: Ja. Das war surreal. Zuerst siehst du nur den Kreisverkehr. Dann siehst du, dass der Pfeiler vom Balkon dieses Hauses weg ist und das Auto in der Auslage eines Geschäfts steckt. Königseder: Alles bei Nacht. Obermüller: Hinten hat die Feuerwehr den Toten rausgeschnitten. Er war 22 Jahre alt und Schüler an der Meisterschule für Dachdecker. Der beste Meisterschüler, den sie da hatten. jetzt.de: Funktionieren Sie einfach nach Schema F, wenn Sie am Unfallort ankommen oder brauchen Sie Zeit, sich zu fassen? Königseder: So knallhart das klingt: Sobald der Krankenwagen da ist, mache ich meine Spurensicherung. Wir dürfen die Dinge nicht so sehr an uns ranlassen. Obermüller: Es wird von dir gefordert, emotional über den Dingen zu stehen. Nur: Das geht nimmer, wenn vier Tote daliegen, die Eltern kommen und zusammenbrechen und ihre Kinder umarmen! jetzt.de: Wie viele Unfälle haben Sie in Ihrem Dienstleben aufgenommen? Obermüller: Selber aufgenommen habe ich gut 30 tödliche Unfälle. Jetzt als Chef erlebe ich fast jeden Unfall mit. Ich übernehme es gern, wenn Angehörige zu verständigen sind. jetzt.de: "Gern"? Obermüller: Weil ich es meinen Kollegen abnehmen will. jetzt.de: Was sagen Sie den Eltern? Obermüller: Da kannst du nicht recht viel reden. Du bist halt da. Die reden eh selber, aus denen sprudelt es heraus. Oder sie schreien es raus. jetzt.de: Wie fangen Sie an? Obermüller: Den Anfang empfinde ich als besonders schwierig. Das ist der Nadelstich, den man setzt. Man geht dann erst, wenn eine gewisse Entspannung einsetzt. Von da an beschäftigen sie sich in kleinen Schritten damit, wie sie mit der Nachricht fertigwerden.


jetzt.de: Ist das der schwierige Teil des Polizistseins? Obermüller: Es ist mir fast lieber, als an der Unfallstelle die Bilder zu sehen. jetzt.de: Verschwinden die Bilder mit den Jahren aus Ihrem Kopf? Obermüller: Vor ein paar Tagen haben wir erst darüber geredet. Königseder: Mit der Zeit. So richtig aber nicht. Obermüller: Das Komische ist, dass man sich an fast alle Unfälle erinnern kann.

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Illustration: Julia Schubert

Günter Obermüller (links) und Werner Königseder jetzt.de: Sie kennen die Geschichten zu den Kreuzen am Straßenrand. Obermüller: Es gibt eine Straße entlang der Donau. Wenn ich an dem einen Kreuz vorbeifahre, taucht immer dasselbe Bild in mir auf. Von dem Fahrer, der hinten in seinem Scirocco sitzt. Im Kofferraum. Angegurtet. Zusammengeschoben. Ein 18-jähriger Bursche. jetzt.de: Überlagern sich die verschiedenen Bilder? Obermüller: Alle Bilder sind im Kopf sauber abgelegt. Wie in einem Apothekerschrank, in kleinen Kästchen, in Schubläden. In jeder Schublade ist ein Unfall drin. Und wenn du erinnert wirst, zum Beispiel durch dieses Gespräch, dann tauchen die Dinge wieder sehr realistisch auf. Deutlich. jetzt.de: Begegnet Ihnen Frust darüber, dass es immer wieder passiert? Dass es nie aufhört mit den Unfällen? Obermüller: Wenn du nachts als Polizist irgendwo hinkommst, denken die Leute immer zuerst an ihren Sohn oder ihre Tochter. Ich habe selbst Kinder zwischen 20 und 26. Wenn ich wo hingerufen werde, überlege ich: Wo ist der heute unterwegs? Vor drei Jahren sitze ich hier im Büro und hinter mir läuft der Funk. Ich höre mit, wie die Streife beauftragt wird, zu einem Unfall mit einem schwerverletzten Motorradfahrer zu kommen. Da denkst du dir nix, hörst mit, die fahren runter und dann höre ich, wie sie den Halter feststellen. Meinen Sohn. Da hat es mich aus dem Sessel gehoben. Der ist zum Dienst gefahren und an einer Kreuzung ist vor ihm eine Fahranfängerin links abgebogen. Er hat den Zusammenstoß nicht mehr verhindern können und ist über das Auto geflogen. Gott sei Dank hat er einen freien Platz zum Landen gefunden. Er war nur schwer verletzt. jetzt.de: Haben Sie in den Jahren ein Gefühl dafür entwickelt, wann etwas passieren kann? Obermüller: Es gibt Tage, an denen es heiß und schwül ist und an denen man im Dienst merkt, wie unruhig die Leute sind. Das siehst du auch daran, was hier dienstlich aufzunehmen ist. Ich bin fast 40 Jahre im Dienst und ich sag dann meistens: "Heut' haben wir wieder so einen Tag, an dem die Leute wepsig sind." jetzt.de: Wie entstehen solche Tage? Obermüller: Der Föhn spielt eine Rolle, davon bin ich überzeugt. Manche sagen ja auch, der Mond sei schuld. jetzt.de: Der Bayerische Wald ist bergig und die Straßen sind kurvig und deshalb unübersichtlich. Ist das der wichtigste Grund für die Vielzahl der Unfälle? Obermüller: Sicher, auch. Das meiste passiert wegen nicht angepasster Geschwindigkeit in den Kurven oder bei schlechten Sicht- oder Bodenverhältnissen. Dann spielt der Alkohol eine Rolle und die Unerfahrenheit. Gerade junge Leute reagieren in bestimmten Situationen über, kommen wegen eines Schrecks auf das Bankett und versuchen mit einem Ruck das Fahrzeug auf die Fahrbahn zu ziehen und dann geht es in den Gegenverkehr, weil das Fahrzeug übersteuert. So war es vermutlich auch bei den vier Mädchen. jetzt.de: Ist die Gefahr, bei einem Unfall auf dem Land verletzt zu werden, der Preis der Freiheit? Königseder: Jeder mag mobil sein. Das gehört zum Leben.

Text: peter-wagner - Fotos: himberry/photocase.de; pw

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