Uni: Der Osten steht vor der Tür

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Vor einer Woche kam Katharina Klaus, 26, aus Moskau zurück. Sie hat während ihres Praktikums beim Verband der deutschen Wirtschaft eine kleine Beobachtung gemacht, die vielleicht erklärt, warum ihr Studiengang Osteuropawissenschaften wichtig ist: Es war Winter und Katharina in Moskau, als sie im Internet auf einer deutschen Nachrichtenseite von der angeblich zusammengebrochenen Stromversorgung in Moskau las. Hä? „Das stimmte einfach nicht“, erinnert sie sich. In Katharinas Augen haben zu viele Berichte aus Russland einen negativen Unterton.

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Illustration: Julia Schubert

Seit 2004 bietet die LMU gemeinsam mit der Uni Regensburg den viersemestrigen Masterstudiengang Osteuropastudien an, in dem die Studenten ihre Haupt- und Ergänzungsfächer aus Angeboten wie Ost-und Südosteuropäische Geschichte, Slavische Literaturwissenschaft und Sprache oder Volkswirtschaftslehre wählen. Der Clou: Jedes Fach bezieht sich auf Osteuropa. Katharina absolviert im Prinzip ein „Studium Generale“ Osteuropa, nach dessen Ende sie mehr als die Worte Gasprom oder Milosevic in eine Debatte schleusen kann. Sie und 20 Kommilitonen des ersten Jahrgangs sollen ein differenziertes Bild von Osteuropa zeichnen, und das nicht nur die Stromversorgung betreffend. Menschen aus 13 Ländern studieren im Historicum. Darunter ein Mann, der aus Sibirien nach München übersiedelte und eine Japanerin, die genau genommen Weststudien betreibt. Die Bayerische Regierung fördert das in Deutschland einmalige Studium neben 20 anderen so genannt „Elitestudiengängen“ im Rahmen des „Elitenetzwerks“. Katharina und ihre Kommilitoninnen Sanela Hodzic, 27, und Lena Gorelik, 25, sitzen im Seminarraum 434 des „Historicums“ an der Schellingstraße 12 und zucken beim Begriff „Elite“ recht lustlos die Schultern. Der Grund mag darin liegen, dass die Koordinatoren bei der Auswahl zwar auf die Noten achten, viel lieber aber in den Lebensläufen der Bewerber schmökern. Für Lena liegt darin das Elitäre: Im Mix der Biografien, der Charaktere. „Du findest bei uns jeden Typ. Die Leute hier sind politisch links bis konservativ, sie sind krass geisteswissenschaftlich orientiert oder krass BWL-orientiert“, sagt sie und Sanela pflichtet bei. „Hier ist keiner, der irgendwie unscheinbar ist“. Sie selbst kam mit zehn aus Kroatien nach Deutschland, weil auf dem Balkan Krieg war. Lena Gorelik kam mit elf aus St. Petersburg und lebte erst in einem Übergangswohnheim. Viele Studenten erlebten in den 90er Jahren den Zusammenbruch des Ostblocks. Sie bekamen den Teil der Geschichte hautnah mit, den sie heute analysieren. Trotzdem kommen die vier Semester für die meisten einem Perspektivwechsel gleich. Sanela studierte Geschichte, Lena studierte Kommunikationswissenschaften und besuchte die Deutsche Journalistenschule, Katharina studierte BWL. Sie orientieren sich nach ihrem ersten Studium fachlich neu. Das kann bedeuten, dass ein Dozent acht Geisteswissenschaftlern in einem Intensivseminar die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre einbimst, damit die sich nachher den wirtschaftlichen Problemen von Transformationsländern widmen können. Annette Winkelmann nennt das Studium deshalb auch „gegenwartsbezogen“. Im Rahmen der Sommerschule fährt der Kurs in diesem Jahr nach Kroatien und Bosnien und beschäftigt sich zwei Wochen mit Konfliktforschung. Professor Martin Schulze Wessel von der LMU initiierte den Studiengang. Er sah die Osteuropa-Abteilung der Bayerischen Staatsbibliothek, das Südost-Institut, er sah die auf Osteuropa spezialisierten Wissenschaftler in München und Regensburg und dachte: Verknüpfen! Zurecht. Nach 70 Bewerbungen im Jahr 2004 trafen 2005 schon 120 Kuverts ein. Der Studiengang zeichnet noch keinen Weg vor, ebnet dafür viele. Katharina möchte vielleicht zur Weltbank. Sanela will, vielleicht, promovieren. Lena schreibt an ihrem zweiten Roman. Der Erste war teilweise autobiografisch und stellte die Frage, der sich auch ihr Studium widmet: Was ist anders, wenn man von Russland nach Deutschland kommt? Die Schellingstraße 12 ist eine Tankstelle, an der noch mal Proviant in den Rucksack gepackt wird, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Die erste Weihnachtsparty zum Beispiel. „Jeder hat etwas aus seiner Region gekocht“, erinnert sich Sanela. Wodka um Wodka wurde angetragen und vor jeder Runde musste jemand eine emotionale Rede halten. „Es gab natürlich viel zu viel Essen“, erinnert sich Lena. „Typisch osteuropäisch: Keiner darf verhungern“. Sie brauchten die Kraft auch. Für die anschließende Schneeballschlacht mit den Dozenten. Bewerbungen für das Wintersemester 2006/07 sind bis zum 15. Juli 2006 möglich. Mehr unter osteuropastudien.de

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