„Unser Professor ist schon Dauernutzer“

Das Internet durchschaubar machen: Martin und Ingo haben eine Suchmaschine für Musik entwickelt – im Rahmen eines Studienprojekts
dirk-vongehlen

Martin Jakobus, 23, und Ingo Schock, 28, studieren Medieninformatik in Stuttgart. Die beiden wohnen in derselben WG und haben für ein Projekt an der Hochschule der Medien gemeinsam die Musik-Suchmaschine Semsix entwickelt. Ein Gespräch über freie Daten im Netz und mehr Übersicht beim Musikhören.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: Martin, was bedeutet Semsix? Martin: Wir saßen hier in der WG und haben nach einem Namen gesucht, als Ingo bei mir im Regal einen Ordner entdeckt hat, in dem ich Skripte aus den vergangenen Semestern aufhebe. Und da gab es auch einen Ordner mit der Aufschrift SEM (für Semester) und der Ziffer 6 (für’s sechste Semester). Und da Semsix auch noch als Domain frei war, war der Name geboren. jetzt.de: Für Leute, die die Site noch nicht besucht haben: Was findet man auf Semsix? Martin: Es ist ja oft so, dass man von neuen Bands hört und dann auf YouTube nach Videos von denen sucht, um mal zu hören, wie die so klingen. Genau da setzen wir an: Die Anwendung ermöglicht es dir, Musik leicht im Internet zu finden und völlig legal zu hören. jetzt.de: Wie macht ihr das? Martin: Wir sammeln Daten, die es schon offen im Internet gibt und bündeln diese. Das ist der Kern von Semsix: So kann man ganze Alben von Künstlern und Bands auf einmal anhören.

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Ingo (oben) und Martin. jetzt.de: Woher habt ihr diese Daten? Martin: Wir durchsuchen die Videoplattformen YouTube, Vimeo und MyVideo nach Songs und ergänzen diese durch die freie Musikbibliothek MusicBrainz. Dort bekommen wir die Informationen über die Discografie eines Künstlers, und das verbinden wir dann mit den Clips – damit man sich nicht durch tausende Videos wühlen muss, sondern alles schön sauber aufgelistet bekommt. jetzt.de: Ich kann also bei Semsix zum Beispiel nach der Band Phoenix suchen und Ihr liefert mir dann alle Songs, die von denen im Netz verfügbar sind – sortiert nach Alben? Martin: Genau. Und da es bei manchen Liedern mehrere passende Videos gibt, bestimmen wir anhand unterschiedlicher Faktoren die Qualität der Videos und sortieren die Clips. Wir spielen immer das Video mit der besten Qualität ab. jetzt.de: Welche Kriterien sind das? Martin: Wir können die Bild- und Tonqualität der Clips nicht untersuchen, ohne diese vorher zu laden. Deshalb untersuchen wir, wie oft das Video angeschaut wurde und bewerten die Anzahl der Kommentare, die zu dem Clip abgegeben wurden. Das funktioniert auch meistens ganz gut. jetzt.de: Ich kann mir dann also alle Songs vom letzten Phoenix-Album anzeigen lassen und diese dann auch auf Semsix hören? Martin: Ja, genau. jetzt.de: Dann muss ich mir das Album also nicht mehr kaufen? Martin: Jein. Es gibt doch so viele Lieder, die man einmal im Radio hört, die einem gefallen, die man sich aber nie kaufen würde. Die will man nochmal hören und dann ist es gut. Früher ist man dazu auf YouTube gegangen, hat sich das zugehörige Video ein paar Mal angeschaut und es dann auch schon wieder vergessen. Jetzt gibt es Semsix, das diesen Weg etwas bequemer gestaltet. jetzt.de: Die Musikindustrie wird das aber vermutlich nicht so gut finden. Martin: Semsix ist eine Umschauhilfe, um sich inspirieren zu lassen. Wir wollen den legalen Erwerb von Musik nicht ersetzen. Technisch wäre es sehr einfach gewesen, auch eine Download-Option für die Lieder einzubauen. Das haben wir aber bewusst nicht gemacht. Wir haben nur einen bequemen Weg gebaut, um sich Songs von den genannten Videoplattformen anzuhören. Die sind ja eh im Netz verfügbar. Gleichzeitig muss man sagen, dass man die Lieder hier nur in einer schlechteren Qualität hören kann als auf einer CD. Insofern glaube ich, dass viele Semsix vor allem nutzen werden, um mal in Songs reinzuhören, die sie sich später dann auch kaufen. jetzt.de: Bisher ist Semsix kostenfrei. Wird das auch so bleiben? Martin: Auf jeden Fall. Vielleicht gibt es irgendwann mal eine Anmeldung, aber das Grundangebot soll immer frei und ohne Anmeldung nutzbar sein. jetzt.de: Wie viele Leute nutzen Semsix derzeit? Martin: In der jetzigen Form ist die Seite erst seit Anfang August online, trotzdem haben wir täglich schon zwischen 1000 und 2000 Benutzern. Und das ist auch das Schöne an der Arbeit an Semsix: dass man sieht, es wird benutzt. jetzt.de: Habt ihr denn schon eine Note bekommen? Martin: Die Note steht noch nicht offiziell fest. Aber nach der Abschlusspräsentation hat der Professor uns sehr begeistert gratuliert und uns verraten, dass er auch ein Dauerbenutzer von Semsix geworden ist. Insofern machen wir uns wegen der Note keine Gedanken.

Text: dirk-vongehlen - Fotos: Screenshots, privat

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