Unterwegs als Betthupfer: Was passiert, wenn man bei völlig Fremden in der Küche übernachtet

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Beim Gastmeister Ich bin Daniels Gast Nummer 111. Wir sitzen in einer bayerischen Wirtschaft mit den Gästen 105 und 106 (eine Australierin und ein Engländer), 107 und 108 (ein Pärchen aus den USA) und 109 und 110 (zwei winzige Hongkong-Chinesinnen). 105 und 106 erzählen von ihrem zweijährigen Aufenthalt in Schanghai und wie schwierig es ist, Mandarin zu lernen. 109 und 110, die Chinesinnen, kämpfen schweigend mit einer Portion Käsespätzle, während 108 von „The Oxfleisch“ schwärmt. Schlechte Erfahrungen habe er mit Couchsurfern nie gemacht, sagt Daniel auf Englisch. Nur einmal habe sich ein Gast sein Fahrrad ausgeliehen und es nicht abgesperrt am Marienplatz stehen gelassen. Das war dann weg. Und ein anderer, ein 18-jähriger Weißrusse, habe nach dem Oktoberfest neben das Klo uriniert. Nur manchmal frage er sich, weshalb ihm Gäste statt der höchsten Bewertung nur die zweithöchste gäben. 111 Gäste in knapp drei Jahren – das macht im Durchschnitt etwa ein Gast alle zehn Tage. Daniel ist 37 Jahre alt. Er arbeitet bei der Telekom in der Buchhaltung. Die Gäste entspannen ihn vom Arbeitsalltag, meint er. Selbst übernachte er nie bei Couchsurfern, nur im Hotel. Wenn ihm etwas nicht gefalle, möchte er sich auch beschweren können. Unter Couchsurfern mache man so was aber nicht. Gegen Mitternacht gehen wir nüchtern zu Daniel. Auf den roten, blauen und gelben Wänden hängen überdimensionale Gekkos und Bilder von Maya-Pyramiden. Im Bücherregal stapeln sich zerschlissene Lonely Planets und englische Bücher. Daniels Traum wäre es, ein Hostel zu eröffnen, aber er sei „mehr der Buchhaltertyp“, deswegen würde das nicht funktionieren.105 bis 110 besetzen die Matratzen, 111 schläft auf dem Boden. Die Wohnung ist voll – eine imaginäre 112 hätte keinen Platz mehr. In der Nacht werde ich von Daniels Schnarchen geweckt. Kurz nach sieben steht Daniel auf. Er fragt, ob ich gut geschlafen habe. Ich bedanke mich und meine, ich sei nur kurz durch sein Schnarchen geweckt worden. Daniel blickt mich entsetzt an. „Das muss ich unbedingt in meinem Profil erwähnen.“ Dann geht er zur Arbeit. philipp-mattheis Auf der nächsten Seite: Übernachten im weißgetünchten Mädchenparadies.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ein Zimmer in Watte Wie zwei Packesel biegen Lisa und ich in die Hohenzollernstraße in München-Schwabing ein. Wir erwischen die letzten Minuten Dämmerlicht, die Schwelle von Tag und Nacht, an der es hinter den Fensterscheiben gelb schimmert und man sich fragt, wer wohl in diesem Haus mit den tollen hohen Decken wohnt. In die Privatsphäre eines Fremden zu blicken, genau das machen Lisa und ich auch. Wir haben uns die Couch, auf der wir übernachten werden, im Internet ausgesucht. Von der Webseite lächelte uns ein blondes Mädchen an. Als wir vor ihrer Haustür stehen, wissen wir nicht viel mehr als dass sie gerne tanzt, segelt, Blumen mag und Julia heißt. Sie ist eine Fremde – doch ihr Lachen bricht sofort das Eis. Lisa und ich stehen ein bisschen verloren in Julias Wohnung, schließlich ist es ihr Reich. Ein eigener kleiner Kosmos, der sich gegen das Gemurmel der Stadt in Watte gepackt hat: weiße Wände, weiße Gardinen, weißes Regal und eine weiße Couch. Eher eine Mischung aus Couch und Bett – das Herzstück unseres Miniurlaubs. Julia steht in der Küche, erzählt von ihrem Erasmusjahr in Riga und wendet Dinkellaibchen in der Pfanne. Lisa und ich stehen daneben, erzählen von unserem zukünftigem Erasmusjahr in Frankreich und Italien und fühlen uns überflüssig. Es ist merkwürdig, auf fremden Holzdielen zu stehen und auf fremde Fotos zu blicken. Man sieht Julia mit ihrem Freund – ernst, gespannt, verliebt und blödelnd. Und ein Schwarzweißbild aus dem Automaten. „Schade, dass die Automaten das heute nicht mehr machen“ sagt Julia, als sie unsere Blicke bemerkt. Mehr sagt sie nicht. Es scheint sie nicht besonders zu stören, obwohl diese Blicke alles treffen: Alles, was von bestimmten Menschen in bestimmten Augenblicken angeschaut und berührt wurde – viel zu wertvoll für fremde Augen-Blicke. Aber Julia nimmt uns die Unsicherheit. Anstatt ihre Privatsphäre während unserer Anwesenheit in den Schrank zu sperren, lässt sie uns daran teilhaben. In ihrem Regal liegt ein Blumenkranz, den sie in Riga an einem Festtag selber geflochten hat. Nach einem Jahr muss man ihn in einen Fluss werfen und sich etwas wünschen. Die unausgesprochenen Erinnerungen an ihren Aufenthalt in Riga füllen die ganze Wohnung. Sie mag Reisen und Reisende und deshalb sind auch wir ihr willkommen. Wir schlafen trotz aller Fremde wie ein Stein. anna-tillack Auf der nächsten Seite: Eintauchen und Erfahrungen mitnehmen - eine Übernachtung bei Veronika.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

In Erfahrung eintauchen Der Weg zu Veronika, 24, führt über eine elegant gewundene Holztreppe nach oben. Vier Stockwerke knarzende Stufen, dann ist man da. Die Begrüßung fällt unkompliziert aus, ein Händedruck, ein freundliches Lächeln. Es folgt eine schnelle Einführung in die Systematik des Kühlschranks, das Wo und Wie in der Wohnung. Man merkt gleich: Hier wird nichts dem Zufall überlassen, alles hat seinen Platz. Zeitungsausschnitte hängen in Küche und Klo, die persönlichen Sachen, sorgsam in beschrifteten Boxen verstaut, stehen im Regal. Der Gast schläft davor, auf dem Teppich. Sinn für Raumaufteilung hat Veronika – sie studiert Architektur– und auch genug Platz: zwei Zimmer alleine für sie, eines zum Arbeiten, eines zum Schlafen. „Fast ein bisschen dekadent für eine Studentin“, findet sie. Ihre Art ist ehrlich, natürlich und auch bereichernd, wenn sie von Architekturstilen, oder besonders gelungenen Momenten einer Pumuckl-Folge erzählt. Minutiös schildert Veronika später ihr Viertel, das Westend; ihre Reiseerlebnisse, wann und warum sie an diesem oder jenem Ort war. „Eintauchen und Erfahrungen mitnehmen“, sagt sie, das müsse man tun, sooft und solange es geht. Kurz vor Mitternacht wünscht Veronika gute Nacht. florian-kaindl Auf der nächsten Seite:An der Tür ein fast nackter Mann, in der Wohnung dann Bier, Pfannkuchen und Fleischsalat - eine Übernachtung in der WG.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Bei Pfannkuchen und Bier Ein wenig aufgeregt betrete ich den Hausflur, oben erwartet mich nass und in ein Handtuch gewickelt einer meiner Gastgeber, Michael. So früh habe er gar nicht mit mir gerechnet, sagt er, und verschwindet wieder im Bad. Mein Domizil für die Nacht ist geräumig, es gibt eine richtiggehende Couchlandschaft. Von der Straße dringen gedämpft die Stimmen der Glockenbachviertelbesucher herauf. Im Eck hängt ein großer Boiler, der sich am Duschwasser aufarbeitet und dabei Geräusche macht, die fast schon Kaminatmosphäre schaffen. Intuitiv mögenswert, das Zimmer. Ich sitze dennoch ein wenig beklommen an der Ecke des Sofas und warte aufs Entspannt werden. Ein Freund von ihm habe vor Jahren schon Couchsurfing genutzt, in Polen, erzählt Michael später, nachdem er fertig geduscht hat. Dann macht er Pfannkuchen. Ich fühle mich wohl und deplaziert zugleich. Zwei Pfannkuchen mit Marmelade später, beim zweiten Bier und im Gespräch über Haustiere kommt sein Mitbewohner von der Bandprobe, setzt sich zu uns, isst Brot mit Fleischsalat und sagt erst mal nichts. Später legt er die Füße hoch und erzählt, wie anstrengend die Probe war, isst noch mehr Fleischsalat, mit Pfannkuchen diesmal, und stellt nach einem Blick auf die Fleischsalatpackung fest, dass man nirgends sonst so viel Kalorien für sein Geld bekäme. Gegen halb eins leert sich das Wohnzimmer, mir wird eine Decke gebracht und schon bin ich alleine. Der Schlaf kommt schnell und tief. Gegen acht steht Michael vor mir, er sucht seine Schuhe, die sich unter meinem Sofa finden. Ich bleibe noch ein wenig liegen und packe dann doch meine Sachen. Gerade als ich los will, schlurft der Musiker in die Küche, erkundigt sich, ob ich gut geschlafen hätte, bietet Kaffe an, den ich leider ausschlagen muss.Als ich meine Zahnbürste aus dem Bad hole, bin ich ein wenig wehmütig: Eigentlich macht sie sich ganz gut da, auf dem Waschbecken. barbara-wopperer Was ein Yak-Knochen-Dolch mit dem Konsum von Kaffee zu tun hat, liest du auf der nächsten Seite - in der Beschreibung einer Übernachtung in der Wohung eines Esoterikers.


Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Der Guru von Allach Er stecke zwar im Lernstress zur Zwischenprüfung, könne aber als Ablenkung gern mal wieder Couchsurfer gebrauchen, sagt Flo und stößt die Tür in sein Zuhause auf: eine Dreizimmer-Wohnung im Allach. Flo ist 24 und studiert Sinologie. Bis in den hintersten Winkel seiner Wohnung stapeln sich asiatische Kulturgegenstände, bis hin zu einem im Regal kauernden Yak-Knochen-Dolch. Es ist, als trete Flo jetzt in verschiedenen Rollen auf: Während Flo, der Gastgeber, ein Wasser anbietet, lenkt Flo, der Esoteriker, das Gespräch auf seine Fachbücher über Handlesekraft. Pulsdiagnose heißt das neue Therapie-Ding, über das er gleich auspackt. Dieses Verfahren hat nämlich Flo, der Traveller, am Ganges aufgeschnappt. Mit drei Fingern habe ihm ein Guru dort den Puls genommen und daraufhin Hyperaktivität attestiert. Seither lässt er die Finger von Kaffee und Cola. Nach bislang drei Stunden Bildungsoffensive zerrt Flo ein vergilbtes Traktat aus dem Schrank: Die 36 Strategeme aus Fernost, ein Katalog von Tricks und List aus der Zeit der drei Kaiserreiche. Um die geht es auch im Film, den er vor dem Einschlafen noch zeigen möchte: eine Kriegssaga in 85 Folgen. Mit einem Federfächer wischt da ein Feldherr aus einem Keramikpott die von seinem Kaiser bestellte Windböe. Flo, der Filmanalytiker, erklärt an diesem Beispiel das Strategem Nummer Zwölf. Es lautet: „Mit leichter Hand das Schaf wegführen.“ Das ist die letzte diffuse Erinnerung an einen geistreichen Abend, der auf einer herbei geschleppten Gästematratze zur Nacht wird. stefan-biro +++++ Illustrationen: katharina-bitzl

  • teilen
  • schließen