Verstanden und vorgenommen: die München-Liste 2006/07

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* Die lustigsten Plakate hat die „Kampfsportschule Steko“, die andauernd mit martialischen, blanken Oberkörpern mit Muskeln dran für die „Steko’s Fightnight“ wirbt. * Die dämlichsten Plakate hängt die Kultfabrik ins Marienplatz Untergeschoss. Dort wurde noch im Mai für die tolle All Area Faschingsparty geworben. * Die blaue Streifenkarte ist vielleicht cooler als die rosafarbene. Aber auch sehr viel teuerer. Doofes Älterwerden.

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Illustration: Julia Schubert

Illustration: dirk-schmidt * In München sieht jetzt anders aus. Nein, in dem Satz fehlt kein „es“, dieser Satz beschreibt die optischen Veränderungen des umsonstigsten Ausgehmagazins der Stadt. 2006 hat „InMünchen“ sich ein neues Gesicht gegeben. Schön. * In München sieht es jetzt anders aus. In der Blumenstraße, direkt vor dem großen Berlin-Mitte-Bau, gibt es jetzt einen Radweg. Passt gar nicht in die Prenzlauerberg-Atmosphäre. * Böse Zungen behaupten, es gäbe keine guten Mädchen mehr in der Damenstiftstraße, seitdem der sondersame Beau der Favorit Bar, Hari Philippi, die Bar nicht mehr betreibt. * Ein wunderbarer Ort unter allen alten, verwunschenen Stätten dieser Stadt ist das Café Schiller am Hauptbahnhof, mit Muhammad Ali-Autogramm an der Wand und anderen von der Zuhälter-Legende Hans Fretz gesammelten Devotionalien. * Es gibt nur einen Gothic-Laden in München: Geschöpfe der Nacht, ans Licht gebracht, finden sich im „Nerodom“ in der, wo sonst, Hansastraße – hier treffen sich Menschen, die aussehen wie Graf Zahl aus der Sesamstraße. * München bekam einen Preis mehr: jetzt.de hat den Grimme-Preis 2006 gewonnen. * München, die Orte (I): Birkensee, tief im Westen, an den Rändern der Stadt, in einer lauen Sommernacht. * München, die Orte (II): Nymphenburger Park, aber die andere, die verwilderte Seite jenseits des Schlosses, im frühen Frühling, wenn die Rehe nicht wissen, ob sie nun zutraulich oder misstrauisch sein sollen. * München, die Orte (III): Einmal Isar, einfach – ganz hoch im Norden oder ganz tief im Süden, wo die Schlote rauchen * München, die Orte (IV): Raus aus dem Stadtcafé – und da ist sie, die neue Synagoge, wunderbar und toll anzuschauen! * München, die Orte (V): der Friedhof von St. Georg in Bogenhausen, wo Liesl Karlstadt, Erich Kästner und Rainer Werner Fassbinder begraben liegen. * Wer sicher einen Hörsturz bekommen will, muss ins Zerwirk gehen: Wenn zu „Balkan Styleee“ geladen wird, blasen die Orkestra die Gehörgänge raus. * Tollster Tag in München letztes Jahr: Der 4. und 5. Februar, als München unter einer Schneedecke verschwand * Schönster temporärer Ausgehort: Die Wohnung in der Sendlinger Straße 50, in der angeblich Rainer Werner Fassbinder einige Jahre seiner Kindheit verbracht haben soll. * Beim BR blickte irgendwann keiner mehr durch: Jugendwelle ja oder nein? Fast das ganze Jahr hat uns diese Frage begleitet und immer für neue Aufregung gesorgt. Irgendwann wusste keiner mehr, wofür er sein sollte. Auch die Aktion „Zündfunk retten“ hatte erst Angst vor einer Jugendwelle und sammelte dann Unterschriften, damit sie nicht nur digital, sondern auch auf UKW kommt. * Dafür versorgt uns die Jugendwelle M 94.5 schon seit 10 Jahren mit guter Musik und seltsamen Beiträgen * 2006 in München war ganz schön anstrengend: Erst war die Welt zur WM zu Gast, dann gleich noch mal (quasi übergangslos) während der Wiesn, dann kam der Papst und kurz darauf schon der Weihnachtsmarkt. * Seit zehn Jahren wird in München schon im Substanz gepoetryslamt. Uff. * Guter Club, der schließen musste: Zerwirk * Guter Club, der eröffnete: Meinburk * * Bester WM Public Viewing Ort: Der Kunstverein. Es gab grünen Kunstrasen und Würstchen. * Neue Magazine dieser Stadt müssen sich nach Haus-Bestandteilen nennen: Flur und Balkon zumBeispiel. * Die Strandbar der Urbanauten mitten auf der Corneliusbrücke war eigentlich ein Traum von einem Ort, wurde aber durch das Radio Gong-Strandradio und Aktionen wie die Bestrahlung des Heizkraftwerks leider zum Albtraum. Stadtstrände und Strandbars sind definitv out. * Wenn man beim Ausgehen einfach irgendwann heimlich auf alkoholfreies Bier umsteigt, geht es einem am nächsten Morgen nicht nur wesentlich besser, sondern alle Freunde sind auch ganz baff, wie viel man verträgt. * München, die Stadt des vorauseilenden Gehorsams: Sogar noch vor dem Rauchverbot wurde eine rauchfreie Party gefeiert. * München, die Stadt der Überwachung: Sogar wenn man um fünf Uhr morgens nach einer durchfeierten Clubnacht vor der Alten Pinakothek ein Bierchen trinkt, wird man beobachtet und vom Pförtner über Lautsprecher angewiesen, doch bitte leise zu sein und die Flaschen mitzunehmen. * Die blöden Löwen sind immer noch da. * Und die lustigen noch immer in der Zweiten Liga. Mensch, Schoko, mach was! * Dafür ist die Erste Liga wieder da. * Und die Bayern wie immer Deutscher Meister. * Das Trendgetränk des Jahres: Club-Mate. Jaja, wir wissen, dass es das in Berlin schon gaaanz lange gibt. * Für Paris Hilton muss es in diesem Jahr nicht so gut gelaufen sein: Sie machte in München in einem Supermarkt Promo für irgendwas, was danach schon keiner mehr wusste. * Film-Münchner, die 2006 prominent geworden sind: Florian Henckel von Donnersmarck,Maximilian Brückner, Marcus H. Rosenmüller. * Der schönste See in Münchens Umland: der Pilsensee * Das Schlachthofviertel hat sich auch in diesem Jahr nicht als neues In-Viertel etablieren können. Es ziehen zwar immer mehr hippe Menschen dort hin, aber es fehlen einfach noch ein paar gute Bars und Cafés. * Dafür ist die Verlängerung der Frauenstraße auf der rechten Isarseite durch die neue Kneipe Schwarzer Hahn und das Café Hüller wesentlich interessanter geworden. * Verkehrsmäßig die schlimmste Straße in München: Die Verbindung zwischen Tal, Marienplatz und Rindermarkt um zehn Uhr am Vormittag. Autos, LKWs, Lieferwagen, Busse, Taxis, Müllabfuhr, Rikschafahrer und Radler stehen hier regelmäßig im Stau und erleiden einen Nervenzusammenbruch. * München hat bei YouTube nichts Spannendes zu bieten. Schade. * Im Ausland müssen alle Sehenswürdigkeiten mit einem rot angestrichenen Weg verbunden sein, warum sonst stehen alle Touristen IMMER auf dem roten Fahrradweg am Opernplatz rum. * Wer in München eine bezahlbare Altbauwohnung findet, sollte mindestens eine Nacht drin schlafen, bevor er den Mietvertrag unterschreibt. Es könnte sich zum Beispiel das Architekturbüro im Stockwerk über einem als geheimes Salsa-Tanzstudio entpuppen. * Was München 2006 dazu bekam: das „Sea Life Center“ im Olympiapark, eine zweite Röhre im S-Bahnhof Marienplatz, das Betriebssystem Linux für die Stadtverwaltung, einen Slogan („München mag Dich“) für das 850. Stadtjubiläum im Jahr 2008, die Zweitwohnungssteuer, die besonders Studenten trifft (Wer seinen Erstwohnsitz nicht nach München verlegt, zahlt). * Was München 2006 verlor: Oliver Kahn, zumindest in der MammutVersion, die zur WM quer über den Flughafen-Zubringer gebaut war, die gute alte „Grüne Karte“ der Stadtwerke, die plötzlich „IsarCard“ hieß, den Kunstpark Nord wohl endgültig und die geheimen Bärlauch-Felder gleich beim Englischen Garten. * * Die Ferienangebote des Stadtjugendamtes, mit denen jeder junge Münchner mal weg fuhr – sei es als Teilnehmer oder als Betreuer – haben 2006 ihren 50. Geburtstag gefeiert. * München ist zwar nicht so arm wie Berlin – und auch nicht ganz so sexy. Dafür aber so selbstzufrieden wie keine andere Stadt in Deutschland. * Die Sonnenstraße wird tatsächlich zu einem heißen Ausgeh-Pflaster, mit mittlerweile vier Clubs. Hätte das jemand vor ein paar Jahren gedacht? Nö. * Die arme S7, immer wenn was doof läuft im MVG, muss sie leiden, bzw. wird sie umgeleitet. Wir sind für mehr Gerechtigkeit und Abwechslung. * Die München-Fernsehserie des Jahres war ohne Zweifel: „München 7“ Die Vorsätze für 2007 liest du auf der nächsten Seite


Wir haben uns was vorgenommen: die München-Vorsätze 2007 * Das lustige Mädchen mit den roten Haaren ansprechen, ihr vorschlagen, eine Apfelsaftschorle im Cafe Puck zu trinken, sie küssen und drei Monate später heiraten. * Josef von Westphalen bitten, mal wieder was Richtiges zu schreiben. Etwas, das man lesen will und das nicht ständig vom Sex alter Leute handelt. * Weniger in die Favorit Bar gehen. * Aber dafür mehr in das Café Schiller am Hauptbahnhof. * Überhaupt mehr und häufiger auf die Suche nach den verwunschenen Orten der Stadt gehen. * „Erfolg“ von Feuchtwanger lesen. Jetzt aber mal wirklich. * Und natürlich Wolfgang Koeppens Buch „Muss man München nicht lieben?“ * Und auf einen Schlag alle Serien ansehen, die ständig als Kult in den Himmel gehoben werden: „Kir Royal“, „Monaco Franze“, „Münchner Gschicht’n“. * Mal nicht über Edmund Stoiber lachen, sondern ein wenig Mitleid mit ihm haben. Nur ein bisschen. * * Den Radweg benutzen. * Mal dieses internationale Rädchen am MVV-Fahrkartenautomaten benutzen. Sieht lustig aus. * Wenn der Papst das nächste Mal nach München kommt, zeitgleich eine Party in der eigenen Wohnung veranstalten. Die Nachbarn können die laute Musik sowieso nicht vom Helikopterlärm über dem Hausdach unterscheiden. * Mal einen Türsteher auf eine Cola einladen, eine Cola light. Sicherheitshalber. * Dem Osten eine Chance geben: Vielleicht ist es in Steinhausen gar nicht so doof. * Ein paar lustige München-Filmchen bei YouTube hochladen. Kann doch nicht sein, dass unsere Stadt im Fernsehen der Zukunft nicht vorkommt. * Dem Blinden beim Hugendubel am Marienplatz Geld geben. * Eine Stadtrundfahrt machen. Und zwar die große. * Sollte es tatsächlich nochmal Sommer werden: alle Freunde davon überzeugen, dass man in diesem Jahr nur an einem Platz in der Stadt richtig cool grillen kann. Vielleicht kommen sie dann wirklich alle zum Lerchenauer See. * Mal mit der U4 fahren. Einfach so bis zur Endstation, aussteigen und sich dort bis zur nächsten Stadtbibliothek durchfragen. * Überhaupt: Häufiger mal in die Stadtbibliothek gehen. * Oberbürgermeister Christian Ude einen unpeinlichen Brief schreiben, der aber trotzdem sagt, dass er so ziemlich der einzige glaubwürdige Politiker in diesem Land ist. * Jede Ausgabe des Biss-Magazins kaufen und vor lauter Wohltätigkeit auch mal eine Ausgabe des go-Magazins oder zumindest ein Premiere-Abo. * MünchenTV angucken und endlich mal nicht lachen. * Die musiklose Zeit bis zu den Festivals im Sommer überbrücken: Zum Beispiel live, zum Beispiel auf der Bühne, zum Beispiel bei Fotos (1. Februar, Ampere), Kasabian (17. Februar, Backstage), The Album Leaf (2*. Februar Feierwerk), !!! (27. April, Atomic), LCD Soundsystem (21. März, Elserhalle), Scissor Sisters (10. April, Zenith), Justin Timberlake (26. Mai, Olympiahalle), Chemical Brothers (*. Juli, Zenith). * Dem Schweinchenbau einen neuen Namen geben. * Fremde warnen, dass die Parkstadt Schwabing weder etwas mit Schwabing noch mit einem Park zu tun hat, sondern nur weit weg und nah an der Autobahn liegt. * Endlich umziehen! * Sich zum Klassen- oder Jahrgangsstufensprecher wählen lassen. * Franz Beckenbauer zum Ehrenbürger der Stadt vorschlagen. * Eine Bewerbung an den Bayerischen Rundfunk schicken und denen mal zeigen, wie man eine Jugendwelle macht! Eine richtig große! * Und, ganz ehlich: Über den Zündfunk nicht nur reden, sondern ihn auch hören. * Man kann ja nicht alles selber machen, deshalb werden wir 2007 dringend gut gelaunte Münchner finden müssen, die endlich . . . . . . einen, nein, besser drei echte 24-Stunden-Läden in der Stadt eröffnen, damit all’ die Berliner, die ja doch immer wieder zu Besuch kommen, nicht ständig über unsere reaktionären Öffnungszeiten schmipfen können. . . . ganz einfache, aber ganz leckere Shawarma verkaufen. Ohne Gammelfleisch und zu angemessenen Preisen. . . . endlich ein gutes Weblog zu den Themen der Stadt schreiben. Keine absurden Bildergalerien, keine Befindlichkeitsprosa, sondern einfach nur junge Nachrichten aus der Stadt. * Endlich mal gefragt werden. * Zur Sicherheitskonferenz ein ernsthaftes Gespräch mit jemanden führen, der tatsächlich der Meinung ist, mehr Waffen würden die Welt sicherer machen. * Am 17. März in die Kammerspiele gehen, dort wird dann nämlich (endlich) das Buch „Der Himmel ist blau, ich auch“ von Walter Rufer vorgestellt. * Neue Abkürzungen einführen – zum Beispiel M-Leben: das neue Wort für Leben in München. * Endlich das neue Programm von Münchens hochdekoriertem Jung-Kabarettisten Claus von Wagner anschauen. * Endlich mal mehr als eine Essiggurke auf dem Viktualienmarkt einkaufen – und dann wirklich kochen. * zum Beispiel: Saures Lüngerl. * In der Mittagspause im Englischen Garten Joggen gehen. * Jetzt muss es sein: Solange zu den 60ern gehen, bis der Aufstieg geschafft ist. * Und solange nicht mehr zu den Bayern, bis sie die Meisterschaft mal nicht gewinnen. * Auf die Sonne freuen. Mit den neuen Fenstern im Bon Valeur wird draußen sitzen dort bestimmt noch toller. * Häufiger für ein Konzert in die Provinz zu fahren. Das lohnt sehr oft. Auch wenn man dann erst um ein Uhr nachts wieder Zuhause ist. * Überhaupt: Mehr Freunde finden, die auf dem Land leben – und diese dann besuchen. Und sich bewirten lassen. * Mal wieder Sonntags umsonst in die Museen gehen und dann im Museumskaffee einen Kuchen essen. * München, Schmünchen: 2007 bekommst du von uns ein selbst gedichtetes Anbetungslied. Versprochen! * Einmal mit dem Auto den Mittleren Ring abfahren. Nur so. * Zu Touristen netter sein und ihnen immer den richtigen Weg weisen. * Vielleicht einmal in dieses Blue Spa im Bayerischen Hof gehen und zusammen mit Prominenten in der Sauna schwitzen. * Auf eine Veranstaltung gehen, die später in den Klatschzeitungen behandelt wird. * Die Frage aller Fragen beantworten (und dann auch dementsprechend handeln): Wenn man am Ende einer Isar-Party alle Bierflaschen ausgetrunken hat, lässt man sie dann liegen, weil die vielen Pfandsammler ja auch Geld brauchen – oder nimmt man sie mit, damit später keiner Scherben herumliegen? * Sich endlich mal näher mit dem CIPSM beschäftigen. Was das ist? Das ist das „Munich Center for Integrated Protein Science“, irgendsoein Exzellenz-Haufen der LMU – aber vor allem Arbeitsplatz des unglaublichen Oliver Baron. Der ist gewissermaßen der neue Rudolph Moshammer der Stadt. Wer es nicht glaubt, muss selber sehen: www.oliverbaron.com * Auch mal unter der Woche nach der Uni an einen See fahren und noch eine Runde baden. Geht ja, macht man aber trotzdem nie. * Bevor wir am Mittleren Ring freihändig mobiltelefonierend dunkelrote Fußgänger-Ampeln überradeln, tätigen wir einen unauffälligen Schulterblick und unterlassen die geplante Ordnungswidrigkeit, wenn wachsame Polizeikräfte hinter uns lauern. So sparen wir uns 105,07 Euro. * Den total unbegründeten Hass gegen Schwabing aufgeben und zur Probe einmal Samstag Abends die Leopoldstraße auf- und abgehen.

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