Verzichten 1: Plastik

Keinen Kunstoff! Mit dieser Regel wird der Alltag in Deutschland mühsam, das erlebt unsere Autorin bei ihrem Selbstversuch.
catharina-tews
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Illustration: Julia Schubert



Beim Anblick meiner Edelstahldose legt Herr Marquardt seine Stirn in tiefe Falten. Er weiß, dass es gleich unbequem wird. „50 Gramm Schinken – ohne Folie, bitte.“ Die behandschuhten Finger des jungen Metzgers greifen entschlossen nach dem Papier. „Das ist auch mit Kunststoff beschichtet! Legen Sie die Wurst einfach in die Büchse“, sage ich schnell. Hilfesuchend dreht er sich einer Kollegin zu. „Das verstößt aber gegen die Vorschriften“, antwortet der Verkäufer ohne aufzuschauen. „Als Kunde sage ich Ihnen, dass ich kein Plastik kaufen möchte!“ In der Schlange hinter mir stöhnt jemand hörbar laut auf. Dem Herrn Marquardt rinnen schon Schweißperlen über die geröteten Wangen. Nach dem Wiegen schichtet er den Schinken dann doch grobmotorisch in die Dose. Der Kassenbon kommt, den müsste er festkleben, das würde immer so gemacht, sagt der Metzger pflichtbewusst und wendet sich ohne Verabschiedung dem nächsten Kunden zu.
  Herr Marquardt ist nur ein Exemplar, in einer langen Reihe von Menschen, die am diszipliniertesten handeln, wenn es um ihre Gewohnheiten geht. Wir weichen so lange nicht davon ab, bis man uns zwingt, sie zu hinterfragen. In meinem Fall sorgte ein Stapel Texte neben dem Morgenkaffee dafür. Oben auf: das Bild eines toten Albatrosses – den aufgeschlitzten Bauch voll mit scharfkantigen Plastiksplittern. Als ich zu lesen begann, fiel auf, dass es nicht nur um den Müllteppich im Pazifik ging, sondern auch um Inhaltsstoffe des Plastiks, die bei Hitze in mein Wasser, meine Nahrung, sogar in meine Haut übergingen und im schlimmsten Fall Krebs verursachen konnten. Es war ein Auszug aus dem Film Plastic Planet, den mir mein Mitbewohner hingelegt hatte. 

  Die Dokumentation wühlte mich so auf, dass ich resolut entschied, für einen Monat lang kein Plastik mehr einzukaufen. Mir war klar, dass andernorts immer noch Reifenberge brannten, während ich lediglich jeder Tüte aus dem Weg gehen würde – aber irgendwo musste man ja anfangen.
  So motiviert ich mit meinen vier Jutebeuteln loszog, so deprimiert kam ich nach drei Stunden wieder zurück. Die Henkel der Beutel hatten meine Hände mit Striemen durchzogen. Dabei konnte ich, außer Milch- und Saftflaschen, nur Eier und ein paar Kleinigkeiten finden, die ohne Plastik im Regal lagen. Auch mein Einkaufszettel war nutzlos gewesen: Salat, Cornflakes und Cracker – alles im Plastikvakuum verpackt. Wie in einem Labyrinth hatte ich mich systematisch durch die Gänge gearbeitet und schüttelte dabei jeden blickdichten Karton, um das Knistern des Plastiks zu entlarven. Für Fleisch und Käse von der Theke würde ich einen Behälter brauchen. Abends stocherte ich lustlos in wabbeligem Rührei mit Lauch herum und nahm in Gedanken schon mal meine Oberarme Maß, weil ich nach dreißig Tagen Eiervariationen sicherlich mit Stallone konkurrieren können würde. 

  In den nächsten Tagen begann ich verpackungsbedingte Kompromisse zu machen: Couscous statt Reis, Butter statt Margarine, Schokolade statt Gummibärchen. Auch zufällige Entdeckungen unterwegs konnte ich mir nicht entgehen lassen: Mal fand der Einlasser vor dem Kino deswegen eine Papiertüte voller Pilze in meiner Tasche, mal ging ich mit Klopapier, dessen Verpackung Kreide beigewischt wurde, unter dem Arm spazieren. Außerdem finde ich Gefallen an Wochenmärkten. Hier kann ich meine Tomaten noch berühren, riechen und sogar kosten. Jetzt kommt es mir absurd vor, dass die Lebensmittel im Supermarkt fast schon hermetisch vor den Kunden verschlossen sind. 

  Woche für Woche bringe ich beutelweise Pfandglas zurück und die Kassiererin hat endlich aufgehört, mich für eine Flaschensammlerin zu halten. Ich kaufe schneller ein als zu Plastikzeiten, weil die Auswahl begrenzt ist und ich weiß, wo ich suchen muss. Die eine Sorte Pasta im Karton, die Bioläden mit Flaschensahne im Sortiment und den einen Kosmetikladen, der Zahnpasta und Shampoo in fester Form anbietet, kenne ich genau. Einkaufen ist nicht mehr notwendiges Übel kurz vor Ladenschluss, sondern etwas, das mir wieder Spaß macht.
  Neulich in einer Bar sagte ein Freund ganz unvermittelt, dass er auch gerne auf Plastik verzichten würde, es sich aber einfach nicht leisten könne. „Dann kauf doch für den Anfang einfach keine Plastiktüten mehr, das spart sogar Geld.“, sage ich. Mit Freunden komme ich oft auf mein Projekt zu sprechen. Einige bemühen sich von selbst, weniger Folie zu kaufen, erwarten dann aber auch meine Anerkennung oder gleich Absolution. Andere fühlen sich neben mir schuldig und fangen an, sich zu rechtfertigen oder mich anzugreifen: Papier ist ja schließlich ein schrumpfender, nachwachsender Rohstoff und die Zellulose und Stärke für Bioplastik müssen ja auch irgendwo angebaut und bewässert werden. Bezeichnend ist, dass meine Freunde das ungefragt tun. Ihr schlechtes Gewissen erklärt mich zum Moralapostel. So müssen sich die ersten Vegetarier gefühlt haben – aber die sind ja schließlich auch keine Randgruppe mehr.
  „Und wann wirst du wieder normal?“, fragte meine Tante gestern zaghaft am Telefon. „Was meinst du mit normal?“ „Na wann kaufst du wieder Plastik ein?“ Seit Versuchsbeginn ist mittlerweile ein Vierteljahr vergangen – manchmal vergesse ich schon, dass das für andere etwas Besonderes ist. 




Text: catharina-tews - Foto: Tim Toppik/Photocase.com

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