Vivien für eine Nacht - jobben beim Escort-Service

Ganz normaler Nebenjob? Eine Münchner Studentin finanziert ihr Studium mit einem lukrativen Nebenjob. Hier erzählt sie von ihrer Arbeit beim Escort-Service
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Ein- bis viermal wöchentlich wechselt Sandra (Name von der Redaktion geändert) ihren Namen. Immer wenn sie arbeitet, heißt sie Vivien. So hieß auch Julia Roberts im Film Pretty Woman. „Letztens war ich mit einem Mann beim Shopping. Dolce & Gabana und Gucci – für ein paar Tausend Euro. Schön war’s“, sagt sie. Und dann noch: „Ich kann auch Nein sagen. Das ist das Schöne an diesem Job.“ Sie erzählt von teuren Parfums und 500 Euro Trinkgeld. Aber dass eines Tages ihr ganz persönlicher Traumprinz wie Richard Gere im Film bei ihr anfragen könnte, davon träume sie nicht. „Selbst wenn ich mich verlieben würde, kehrt in jeder Beziehung irgendwann Alltag ein. Lieber bin ich die Geliebte, werde von den Männern auf Händen getragen und lasse mir von ihnen die Füße massieren.“

Sandra alias Vivien arbeitet für einen Münchner Escort-Service. Die 22-Jährige begleitet reiche Geschäftsmänner in exklusive Restaurants, ins Theater, auf Luxusreisen – und ins Bett. Escortagenturen vermitteln ihren zahlungskräftigen Kunden eine attraktive Begleiterin für ein gemeinsames Abendessen oder einen Barbesuch. „Das erste Mal war schrecklich“ Sandra trinkt eine Tasse Capuccino in einem Schwabinger Café und während sie spricht, spielen ihre Finger immer wieder mit einer Strähne ihrer langen dunkelblonden Haare. Der Glanz in ihren hellblauen Augen spiegelt dabei eher jugendliche Unschuld als kalkulierte Verführung. Die Männer, die ihre Kunden sind, sind meist deutlich älter als sie – zwischen dreißig und fünfzig Jahren. Sie sind Unternehmer oder Manager und häufig verheiratet. „Wenn es mit der Ehefrau nicht mehr so klappt oder die vielen Geschäftsreisen wenig Raum fürs Privatleben lassen, suchen die Männer bei mir einfach nach Nähe und Abwechslung“, erklärt sie. Dabei komme es schon mal vor, dass ein Kunde ihr Bilder von der Familie und seinen Kindern zeige. „Das ist schon ein komisches Gefühl. Vor allem dann, wenn deren Kinder schon so alt sind wie ich“, sagt Sandra. Moralische Bedenken habe sie dennoch nicht: „Wenn diese Männer nicht zu mir kommen, dann gehen sie eben woanders fremd.“ Als sich Sandra vor einem Jahr erstmals bei einer Escort-Agentur vorgestellt hat, war sie selbst noch in der Rolle der betrogenen Partnerin. Die Beziehung mit ihrem Freund war gerade zu Ende gegangen. Als sie durch eine Fernsehsendung von den Verdienstmöglichkeiten im Escortbereich erfuhr, wurde sie neugierig. Dennoch blieb sie lange skeptisch und zögerte. Weil Sandra nicht wusste, was sie erwarten würde, begleitete sie ein guter Freund zum Vorstellungsgespräch. Doch auch als sie den Job schließlich bekam, blieben die Gefühle zunächst gemischt. „Das erste mal war schrecklich“, sagt Sandra heute. „Ich hatte so Bammel, als ich in die Wohnung des Mannes hochgegangen bin. Als ich drin war, habe ich dann aber gemerkt, wie viel Geld diese Leute haben. An diesem Abend habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Champagner getrunken. Danach hat sich die Anspannung gelöst und als ich wieder ging, war ich total happy.“ Was zwischen Champagner und Verabschiedung passierte, darüber schweigt Sandra. Im zweiten Teil: Wie Sandras Job ihre sexuellen Vorlieben verändert hat und was ihre Mutter dazu sagt.


Bereits vor dem ersten Treffen mit einem Kunden wird sie durch ihre Agentur über dessen erotische Vorlieben informiert. Meistens werden High-Heels und Minirock verlangt. „Sexuell bin ich schon offener geworden, aber ich habe meine Grenzen“, sagt sie und wird ganz deutlich: „Ich spiele Liebe nur vor und die Männer geben mir Geld dafür, dass ich mich mit ihnen abgebe.“ Hausbesuche macht Sandra heute nicht mehr. Sie sagt, es sei ihr zu gefährlich. Ihre Kunden trifft sie nur noch in Hotels. In München, Augsburg, Stuttgart. Die Hotels haben immer fünf Sterne. Geld spielt für den Kunden einer Escort-Agentur keine Rolle. Nur ihre engsten Freunde wissen von Sandras Geheimnis. Nach anfänglicher Skepsis überwiege in ihrem Freundeskreis nun die Neugierde. Eine ihrer Freundinnen will demnächst ebenfalls bei einer Escort-Agentur anfangen. Auch Sandras Mutter weiß mittlerweile Bescheid. „Sie hat mich irgendwann gefragt, woher ich denn immer die 500-Euro-Scheine habe. Als ich es ihr erzählte, war sie erst ziemlich schockiert. Aber jetzt versteht sie, dass es ein Job auf hohem Niveau ist“, sagt Sandra und fügt hinzu: „Mein Vater weiß nichts. Er würde aus allen Wolken fallen. Da wahre ich doch lieber den Schein der braven, lieben Tochter und Studentin“. Sandra studiert an der katholischen Fachhochschule in München Pflegemanagement. Das Studium ist ihr sehr wichtig. Später möchte sie Leiterin eines Altenheims werden. „Ich gehe eben gerne mit Menschen um“, sagt sie und muss dabei selbst ein wenig schmunzeln. Dann wird ihr Blick mit einem Mal ganz ernst und sie erzählt vom Zeitmangel der Betreuer und dass zu wenig für die angemessene Pflege älterer Menschen getan werde. Privat sei sie ohnehin ganz anders, sagt sie: „Ich hänge sehr gerne mit meinen Freunden in einfachen Kneipen rum.“ Gerade dieser Widerspruch zum Luxusleben als Begleitdame fasziniere sie: „Ich liebe diese Gegensätze. Ich brauche das einfach.“ Für viele Frauen wäre ihr Nebenjob allerdings nicht der richtige, sagt sie. Man dürfe nicht verklemmt oder sensibel sein. Außerdem müsse man Neugierde auf etwas Neues mitbringen, denn: „Es ist jedes Mal wieder Adrenalin pur. Die Illusion spielt dabei eine große Rolle. Man ist eine Schauspielerin und erfüllt den Männern ihre geheimen Wünsche.“ Mit elf Jahren sei Schauspielerin ihr Traumberuf gewesen. Einmal habe sie mit einem Mann den ganzen Abend nur Musik von Uriah Heep gehört. „Das war total lustig“, sagt sie. „Obwohl sonst nichts gelaufen ist. Ich liebe Uriah Heep“. Manchem außergewöhnlich zahlungskräftigen Herrn ist ein einziger Abend mit Sandra alias Vivien zu wenig. Vor einigen Monaten hat sie daher mit einem fremden Mann eine ganze Woche in einem Luxushotel auf Mallorca verbracht. „Wir sind mit der Harley quer durch die Insel gefahren, fein essen gegangen, lagen viel in der Sonne. Was man halt so im Urlaub macht. Alles ganz normal“, erzählt sie. Kellnern ist zu anstrengend Auf ihren lukrativen Nebenverdienst zu verzichten, kann sie sich nicht vorstellen. Schließlich koste das Studium viel Geld, sagt sie. Sie habe auch schon gekellnert, doch sei ihr das auf Dauer zu anstrengend geworden. „Studieren ist mir im Moment das Wichtigste. Alles andere lasse ich auf mich zukommen“. Eine feste Beziehung will sie nicht. „Ich schließe zwar nicht aus, in zehn Jahren mal jemanden kennen zu lernen, aber Partnerschaft und Escort könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“, sagt sie. Bis zu 400 Euro kostet Sandras Begleitung in der Stunde. Etwa 4000 Euro verdient sie im Monat. Manchmal auch mehr. Dass Begleitagenturen gezielt nach Studentinnen suchen, hat für Sandra einen einfachen Grund: „Die Männer wollen schon Mädchen mit Zielen im Leben. Und mit Grips. Sie wollen Mädchen, mit denen man sich unterhalten kann.“ Trotzdem streifen die Tischgespräche bei Hummer und Austern selten die Grenzen des Smalltalks. „Einer wollte mal meinen Rat zu seinen Aktiengeschäften. Das war witzig“, sagt Sandra. Dabei habe sie für das Thema Geld gar nicht so viel übrig. „Geld ist nicht alles. Aber wenn man es so einfach bekommt, warum sollte man es dann nicht machen?“

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