Völker, hört die Pedale!

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Der Beachcruiser Wenn der Besitzer des Beachruisers auf seinem flammenverzierten Gefährt mit dem riesigen gebogenen Rahmen an einer Gruppe Rentner vorbeifährt, raunen diese unter Garantie den Satz mit dem Affen und dem Schleifstein. Der Beachcruiserbesitzer dreht dafür sogar seinen iPod Nano leiser, aus dem gerade NOFX kommt. Denn er lebt für diesen Satz. Schließlich fühlt er sich als Rebell und Punk. Was macht es schon, dass er einen dreistelligen Betrag für seine sorgsam blondierten Haarsträhnen ausgibt und das Geld für seine Carhartt-Jacken als Immobilienmakler verdient? In seinem Herzen fühlt sich der Beachcruiser-Fahrer immer noch wie 17, auch wenn sich das Haar langsam lichtet. Sein Rad hat den Vorteil, dass er sich aufgrund des großen Radstandes bereits daran gewöhnen kann, wie schwer es sich rangieren lässt. Wie der Familien-Van, den er bald fährt. Natürlich immer noch voll rebellisch.

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Illustration: Julia Schubert

Das Bonanza-Rad Früher war alles gut. Beim ersten Frühlingswetter ging es zum Kiosk, da gab es für 50 Pfennige ein Dolomiti, für einen Groschen zwei Gummischlümpfe. Danach Indianer spielen, Bolzen oder ein kleines Lagerfeuer. Die Welt war groß und unentdeckt, und so wie Winnetou auf seinem Rhi von Abenteuer zu Abenteuer getragen wurde, trug ihn ein Bonanza-Rad durch die Straßen des Vororts. Orange war es, hatte eine Rückenlehne und die Schaltung auf der Mittelstange. Heute sitzt der Bonanza-Rad-Fahrer in einem ehemaligen Ladenlokal und wartet, dass endlich mal ein Auftrag für die Grafik-Ich-AG reinkommt. Mutti klebt nicht mehr Pflaster aufs Knie, sondern fragt ungeduldig, wann sie denn endlich den Dauerauftrag stornieren kann. Das gefällt dem Bonanza-Rad-Fahrer nicht. Also tut er so, als wäre früher. Vom T-Shirt grüßt der Zwieback-Junge, an der Wand kleben Retro-Tapeten. Alles gut also. Und weil die Zeit hinter dem iBook irgendwie ausgefüllt werden muss, wird ebay nach Erinnerungsstücken durchforstet. Nur blöd, wenn das eben ersteigerte Bonanza-Rad wirklich so ist wie damals – nämlich nur ein wenig mehr als kniehoch. Was auf den Fotos aber nur verflixt schwer zu erkennen war.

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Illustration: Julia Schubert

Das Einrad Weil er den schnöden Materialismus verachtet, ist der Einradfahrer auch mit einem Rad zufrieden. Lieber unkonventionell und halb so schnell. So trainiert er auf seinem täglichen Weg in den Park seinen Gleichgewichtssinn. Den kann er auch gebrauchen. Denn in Indien, wo der Einrad-Fahrer den Winter verbringt, reist er immer mit Zug und Bus. Am liebsten authentisch auf dem Dach. Was nach dem fünften Joint ganz schön schwierig sein kann. Dass ein Einrad keinen Gepäckträger hat, stört den Einrad-Fahrer kein bisschen. Schließlich kann er die Jonglierkeulen, Fackeln und Hackysacks, die nicht mehr in seinem Armeerucksack passen, in einen der Fahrradkörbe seiner Freundin mit Tigerenten-Rad stecken. Wenn da vor lauter Teekannen noch Platz ist.

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Illustration: Julia Schubert

Das Rennrad Da der Rennrad-Besitzer erstaunlich oft ein abgeschlossenes Physikstudium vorzuweisen hat, weiß er ziemlich genau: Schweres Bike mit viel Schnickschnack = voll anstrengend. Statt durch überdimensionierte City-Trekking-Rädern mit Vollverkleidung, Überrollbügel und 36 Gängen Kilos anzuhäufen, setzt er deshalb lieber auf schlankes Design. Und zwickt sich eine Wäscheklammer ins Cordhosenbein, damit es nicht in die ungeschützte Kette flattert. Ebenso wie er keine auffällige Frisur, modische Kleidung oder eine laute Stimme verfügt, möchte der Rennradfahrer auch mit seinem Fortbewegungsmittel kein Statement abgeben - sondern sich fortbewegen. Das Rennrad ist für ihn die beste Möglichkeit, mit geringem Kraftaufwand eine Strecke von A nach B zurückzulegen - eine verspritzte Brille bei Regen und gelegentliches Steckenbleiben in Trambahnschienen nimmt er für diese Unauffälligkeit gerne in Kauf.

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Illustration: Julia Schubert

Das BMX-Bike Man kann das Leben wie ein Handwerk angehen. Mit einem effizienten Einsatz von Mitteln soll dann ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt werden. Zwar nicht unbedingt superschön, aber robust und langhaltend. Oder man begreift das Leben wie der BMX-Fahrer als eine Kunst. Ausdruck und Inhalt müssen spektakulär, gewagt, verrückt sein. Das gilt für den verschwurbelten französischen Intellektuellen-HipHop, das gilt beim Fahrradfahren. Man bewegt sich nicht einfach nur fort, man dreht Pirouetten, springt über Treppen und fährt Parcours auf dem Hinterrad. Der BMX-Fahrer bringt die Spontaneität ins Alltägliche, ist Lebenskünstler. Jeder schöpferische Akt ist mit Leiden, Qualen und Selbstmarterung für den Künstler verbunden. Bei Malern, Dichtern und Bildhauern meist seelischer Natur. Der BMX-Fahrer hingegen ist Großkunde der Firma Hansaplast.

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Illustration: Julia Schubert

Das gepflegte Dreigang-Rad Der Dreigang-Rad-Fahrer braucht keinen Helm. So gemütlich, wie er fährt, reicht ein karierter Pipita-Hut. Sein Rad fährt er eigentlich nur sonntags. Nachdem sein Audi 80 und eben das Rad selbst geputzt, gewachst, geölt wurden, wird in den Biergarten geradelt. Trotz seines eher niedrigen Tempos kommt der Dreigang-Rad-Fahrer dort oft früher an, als sein neuer mountainbikender Nachbar. Während der an gerissenen Bremsseilen und kaputten Schaltungen verzweifelt, zieht der Dreigang-Rad-Fahrer gelassen vorbei. Sein Rad hat er zwar kurz nach dem Einzug ins Eigenheim gekauft, da war Schmidt noch Kanzler und Deutschland noch Weltmeister. Aber dank regelmäßiger Pflege sieht es – bis auf die etwas unzeitgemäße Lackierung – aus wie neu. Leider nicht mehr lange: Wenn es sich der liebe Enkel auch nur eine Woche ausleiht, wird es bald am Bahnhof zu finden sein – als Schrottrad. Das Faltrad Auch wenn seine Kollegen, diese Banausen, noch immer beharrlich „Klapprad“ zu seinem 2000-Euro-Hightech-Titanflex-Gefährt sagen: der Faltradfahrer trägt es mit Würde, Junghirsch-Leder-Handschuhen (österreichisches Fabrikat, zwiegenäht) und Sportschuhen „Bobby“ (nordwestbritischer Denim, Naturkautschuk-Sohle). Den Manufactum-Katalog kann der Faltrad-Fahrer samt Bestellnummern auswendig – er will nicht shoppen, er will auswählen, und das unter den besten Produkten. Dass er dafür den ein paar Euro mehr bezahlen muss, ist für den Faltrad-Fahrer kein Thema. Nur, dass er auch mit dem 2000-Euro-Hightech-Titanflex-Faltrad leicht angeschwitzt im Büro ankommt, ärgert ihn. Hatte doch die Frisur dank dem antistatischen Yak-Horn-Kamm (Fabrikat aus einer tibetanischen Mönchs-Manufaktur, naturbelassen) so gut gesessen. Illustrationen: Judith Drews Texte: moritz-baumstieger und

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