Sieben Packungen Hähnchenschenkel, acht Kilo Zucchini, Thunfisch, zehn Dosen Mais. Zielstrebig, fast im Laufschritt steuert Kathrin Weishaupt die Regale an und schichtet alles in eine Wanne, die im Einkaufswagen hängt. Den Einkauf hat sie in diesem Monat zigmal gemacht. Sie isst von Montag bis Freitag dasselbe: acht Mahlzeiten am Tag samt Eiweiß- und Vitaminpräparaten, erlaubt sind nur wenige Alternativen. So steht es in dem Ernährungsplan, den eine Ökotrophologin speziell für Kathrin zusammengestellt hat. „Wenn ich kurz vor dem Wettkampf ein McMenu esse, kann mich das mehrere Tage zurückwerfen“, erklärt Kathrin. Sie ist 29 Jahre alt und arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung bei einem Pharmaunternehmen. In diesem Jahr startet sie in vier internationalen Wettbewerben der Bikini-Klasse. Mit dem Ziel, danach vielleicht Profi zu werden.

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„Bikini-Fitness“ ist Bodybuilding, auch wenn es nicht so wirkt. Mit den harten Schwarzenegger-Muskelbergen, die das Bild der Sportart in den 70er- und 80er-Jahren bestimmten, haben Frauen in dieser Wettbewerbsklasse heute wenig zu tun. Sie sehen einfach sportlich aus. Standen klassische Bodybuilderinnen mit ihren extrem definierten Muskeln noch unter Verdacht, „vermännlicht“ zu sein, werden Bikini-Athletinnen sogar an ihrer Weiblichkeit gemessen: „Proportion“, „Make-up“ oder „sportive, feminine Gesamterscheinung“ sind Kriterien, die über den Wettbewerbserfolg mitentscheiden. Bodybuilding, das in Deutschland immer eine Randsportart war, hat sich mit dieser Mischung aus Beauty-Contest und Muskel-Show für den Mainstream der Fitnessstudio-Besucherinnen geöffnet.

„Im Moment ist Bikini die gefragteste Klasse bei den Frauen“, sagt Erich Janner, Präsident des größten deutschen Bodybuildingverbands DBFV. Seit 2010 die ersten Wettbewerbe angeboten wurden, hat die Zahl der Teilnehmerinnen Jahr für Jahr zugenommen. Von den ungefähr 1200 aktiven Bodybuildern sind derzeit ein Viertel Frauen, die in der Bikini-Klasse starten. Der Grund für die Nachfrage seien die verhältnismäßig schnellen Erfolgserlebnisse. „Unter Umständen kann man nach einem Vierteljahr Training an Wettbewerben teilnehmen.“ Vor allem Frauen unter 23 Jahren spreche das an. Für Männer gibt es seit Kurzem das vergleichbare „Physique“.

Der „Sportpark“ in Bad Honnef, wo Kathrin an einem Freitagnachmittag trainiert, ist ein sogenanntes Gesundheitsstudio. Hier stemmen Jungs im Weltmeistertrikot ein paar Hanteln, den Herren an der Bauchmuskel-Maschine hat vermutlich der Arzt empfohlen, mal wieder etwas für ihre Form zu tun. Kathrin – 1,72 Meter groß, dunkle, zum Pferdeschwanz gebundene Haare, dezentes Make-up – steht wie eine resolute Primaballerina zwischen den Geräten und wirkt in ihren dunklen Trainingsklamotten zierlich. Eigentlich, gibt sie zu, hat sie keine große Lust auf Training. Aber es warten zwei Stunden Kraft- und Ausdauereinheiten.

Am 20. September startet Kathrin bei der WM-Qualifikation in Gießen, ein wichtiger Termin. Kathrin will Profi werden und braucht dafür gute Ergebnisse. Während Amateure meistens mit einem kleinen Pokal nach Hause gehen, warten auf die bestplatzierten Profis in amerikanischen Wettbewerben 10 000 bis 50 000 Dollar. Doch das Reglement des Weltverbands IFBB sieht vor, dass nur Kontinental- oder Weltmeister sich automatisch für die Profiliga qualifizieren. Wer ohne diese Titel antreten will, muss einen Antrag an den Verband stellen und Siege in vergleichbaren Contests vorweisen. Deshalb quält sich Kathrin. Jeden Tag bearbeitet sie einen anderen Körperteil: Arme, Schultern, Rücken, Brust. Heute auf der Tagesordnung: Pomuskel-Optimierung. Also hält Kathrin sich an Schlaufen fest, die in einen Stahlrahmen hängen. Sie baumelt in der Luft und zieht die Oberschenkel langsam nach oben und über den Kopf. Das Ganze hat etwas von frei schwebenden Sit-ups. Kathrin schafft 15 Wiederholungen und bekommt es hin, bei dieser harten Übung keine Miene zu verziehen. Aber ihre Muskeln treten jetzt deutlich hervor.

Zwischen „cable butt kickbacks“ oder „stability ball butt raises“ erzählt sie, dass sie seit zehn Jahren Kraftsport macht. Irgendwann sei es Kathrin aber zu planlos geworden, nur im Studio vor sich hin zu trainieren. „Mir bringt es mehr, wenn ich ein konkretes Ziel vor Augen habe“, sagt sie. Also sprach sie irgendwann einen Coach an, von dem sie wusste, dass er auch Bodybuilder trainiert, und fing an, auf die ersten Wettbewerbe zu gehen.

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High Heels und braune Farbe auf der Haut: Auf den Fotos von ihren Wettbewerben haben ihre Kollegen Kathrin nicht erkannt

Mittlerweile legt die Bikini-Athletin Vanessa Campbell ihre Trainingseinheiten fest. Campbell lebt in Florida und arbeitet für das „Team Bombshell“, ein amerikanisches Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, das Training von Freizeitsportlerinnen und Bodybuilderinnen zu betreuen. Beraten wird in der Regel online. Kathrin ist per Zufall darauf gestoßen: „Ich habe einfach nach einem Trainer gegoogelt.“ Die Firma kam ihr gesundheitsorientierter vor als die Konkurrenz und weil Kathrin ausgebildete Fitnesstrainerin ist, traute sie sich zu, die Übungen ohne Anleitung umzusetzen. Regelmäßig mailt Kathrin nun Fotos von sich nach Florida, beschreibt, wie es ihr geht und was im Training passiert ist. 75 Euro im Monat berechnet „Team Bombshell“ für Trainings- und Ernährungspläne sowie Beratung. Für 264 Euro hat Kathrin ein Trainings-Camp im Firmenhauptquartier in Dayton besucht. Work-out am Strand in Florida, sie traf ihr Vorbild Vanessa Campbell – Kathrin klingt begeistert, wenn sie davon erzählt.

Wer will, kann Kathrins Trainingsfortschritt auch über Facebook und Instagram verfolgen. Ihre Timelines sind voll mit ihren Durchhaltesprüchen, sie postet Sixpack-Selfies und ernährungsphysiologisch korrekten Foodporn. Auf einigen Bildern ist ein muskulöses Beach Babe zu sehen, das scheinbar zu lange in der Sonne gelegen hat. Man erkennt es kaum, aber das ist sie. Es sind Wettbewerbsfotos. Arbeitskollegen, die Kathrin als dezent geschminkte Assistentin kannten, wussten erst nicht, wer die Frau auf den Fotos sein soll. Für ihre Auftritte trägt Kathrin High Heels, Extensions und einen blauen Bikini mit Glitzersteinen, der 400 Euro gekostet hat. In dieser Montur dreht sie sich dann viermal um 90 Grad, zeigt Frontal-, Seiten- und Rückenansichten für die Jury. Insgesamt steht sie vielleicht 20 Minuten auf der Bühne, zehn weitere, wenn sie ins Finale kommt.

„Es geht echt schnell für die lange Vorbereitungszeit“, sagt Kathrin zwischen zwei Schlucken blau gefärbten Wassers – Vitamine in der Trainingspause. Seit 2013 fährt sie zu internationalen Wettbewerben. Bei der letzten Weltmeisterschaft erreichte sie Platz 15, der sechste Platz beim diesjährigen World Ladies Cup in Prag ist ihre bislang beste Platzierung. „Am Anfang war ich noch am Boden zerstört, wenn ich einen schlechten Platz bekam – schließlich habe ich viel gearbeitet und auf vieles verzichtet“, sagt Kathrin. „Jetzt versuche ich, meine eigene Form als Richtwert zu nehmen.“ Zufrieden ist sie trotzdem nicht, wenn wieder mal eine Russin oder Amerikanerin den Pokal mit nach Hause nimmt.

Kathrin lässt sich beim Training von einem Unternehmen aus Florida beraten. Es heißt "Team Bombshell"

Manchmal kommen Kathrin Zweifel. Sie will nicht dauernd Angst vor einem Fehltritt haben und sich selbst kasteien. Und es nervt sie, dass Bikini eine derart teure Sportart ist, bei der ein Wettbewerbswochenende schnell tausend Euro verschlingt. Bis vor Kurzem hat ein Ergänzungsmittelhersteller, dessen Produkte Kathrin auf Messen und in sozialen Medien pushte, ihr Proteinpulver und Riegel gestellt. Doch dann löste der sein „Athleten-Team“ auf – und hinterließ Kathrin 50 Euro Extrakosten pro Monat.

Trotzdem zieht sie heute jede einzelne Wiederholung durch, die für diesen Freitag vorgesehen ist. Darum geht es ja im Bodybuilding: Willensstärke beweisen, Ziele erreichen. Der Plan gilt, auch wenn er fünf Eier für den Sonntag vorsieht. „Für mich ist das alles lecker“, sagt Kathrin. Manchmal wirkt es, als habe sie für jeden Zweifel eine Durchhalteparole parat.

Nach dem Training, im Reihenhaus, in dem Kathrin mit ihrem Freund Jörg wohnt. In der kleinen Küche leuchten die Wände altrosa, auf dem Herd brutzeln Fischfilets – Punkt sieben ihres Ernährungsplans. Kathrin sprüht den Pangasius immer wieder mit Fett ein, damit er schneller fertig wird. Kriminalhauptkommissar Jörg hat Dienstschluss und erzählt Geschichten von seinem Arbeitstag. Seit acht Jahren sind Jörg und Kathrin ein Paar. Wenn sie zu einem Wettbewerb fährt, begleitet er sie. Als „Farbbeauftragter“. Er trägt die dunkelbraune Farbe auf Kathrins Haut auf, das soll ihre Muskeldefinition im Scheinwerferlicht besser zur Geltung bringen. Er pinselt sie mit einer Malerrolle auf ihren Körper, oder sprüht sie mit einem Schaum ein und verreibt ihn dann. „Mein Freund ist mein größter Fan“, sagt Kathrin.

Ihren Eltern dagegen ist Kathrins Hobby bis heute fremd. Sie versuchen nicht, sie vom Bodybuilding abzuhalten, und sehen sich auch pflichtschuldig die Wettbewerbsfotos an, die sie ihnen zeigt. Doch sie wissen nicht, was sie davon halten sollen, wenn ihre Tochter im Bikini auf der Bühne posiert. „So etwas gibt es eben nicht in ihrem Umfeld“, gibt sich Kathrin diplomatisch. Ihre Freunde interessieren sich für die Wettbewerbe, sagt Kathrin, aber natürlich sei nicht jeder so verrückt danach wie sie. Und manche stresse es auch, wenn sie bei Essenseinladungen ihre Mahlzeiten in der Tupperdose mitbringt. Vor ein paar Tagen wollte ihre Schwiegermutter sich partout nicht davon abhalten lassen, ihr ein Abendessen mit allem drum und dran zu kochen. Aber Kathrin muss auf ihren Ernährungsplan achten. Besonders jetzt, die WM-Qualifikation rückt immer näher. „Die Leute geben sich so viel Mühe und dann habe ich ein schlechtes Gewissen deswegen“, sagt sie nachdenklich.

In der Küche kleben beschriftete Zettel an den Gewürzgläsern. Es sind kyrillische Zeichen. Mit Salz und Pfeffer übt Kathrin Russischvokabeln. Eine ihrer besten Freundinnen ist Russin, und Bikini-Wettbewerbe finden oft in Osteuropa statt. Viele Athletinnen stammen von dort, Kathrin will mitreden können. Überhaupt, schwärmt sie, sei die Atmosphäre zwischen den Bodybuildern im Weltverband – ihrer „IFBB-Family“ – einmalig solidarisch. Im „Team Bombshell“-Camp hat sie Renee kennengelernt, eine Soldatin, die auf der Militärbasis Ramstein stationiert ist. Fast täglich tauschen beide zurzeit WhatsApp-Nachrichten aus, zuletzt haben sie sogar ein Wellness-Wochenende gemacht. Das Gesprächsthema im Spa: Muskeln.