Vom Feuer machen und Hühner schlachten

Überlebenskunst im wahrsten Sinne des Wortes: Die Wandzeichnungen im "Nage und Sauge" zeigen, wie man am besten auf einer einsamen Insel zurechtkommt
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Illustration: Julia Schubert



Kunst darf alles, aber darf sie auch unappetitlich sein, wenn sie sich über einem Essplatz befindet? Kann man sich überhaupt vor einfachen Strichzeichnungen ekeln? Die Barkeeper im Nage und Sauge erzählen, dass sich manche Dame mit empfindlichem Magen jedenfalls schon an ihrer Focaccia verschluckt haben soll, nachdem sie den Blick an die Wände richtete und auf einen Finger mit abgetrennter Kuppe blickte, der mit dem herausströmenden Blut den Schriftzug Help schreibt. Oder auf einen Unterarm mit klaffender Schnittwunde, die sich der Verletzte mit Hilfe einer Wäscheklammer zuzwackt und anschließend mit Nadel und Faden näht.

Das Nage und Sauge ist ein kleines, verwinkeltes Lokal, so dunkel wie gemütlich. Karge, leicht abgenutzte Holztische, darauf einzelne Blumen in schlichten Glasvasen. Eine reduzierte Kulisse, in der nichts von den Zeichungen an den Wänden ablenkt. Vor zwei Jahren entstanden die ersten Motive, Punkte deuteten an, wo demnächst neue Zeichnungen auftauchen würden. Inzwischen sind alle Wände bemalt, der Zyklus ist abgeschlossen. Er zeigt Momente des Überlebens auf einer einsamen Insel. Nicht alle Zeichnungen sind blutig, aber viele sind unheimlich. Abseits der Zivilisation, ohne Smartphone und Tiefkühlpizza, ist das Leben eben eine Spur ungemütlicher. Es sind mysteriöse Bilder, trotz ihrer Schlichtheit.

Ein bisschen mysteriös sind auch die beiden Illustratoren, Björn-Achim Schmidt und Leonhard Rothmoser, die unter dem Projektnamen „Maslow“ die Wände des Nage und Sauge mit schwarzem Filzstift bemalt haben. Zumindest bemühen sie sich um eine mysteriöse Ausstrahlung. Sie erzählen etwa zunächst, dass sie die Bilder mit schwarzem Stierblut gepinselt hätten. Oder sie schütteln Schmidts Jutebeutel vom Sexshop „Orion“ demonstrativ, so dass der Inhalt klackert, wollen aber nicht verraten, ob sich in der Tasche Filzstifte, eine Ampulle mit Stierblut oder doch etwas aus dem Orion-Sortiment befindet.

Doch von drei Dingen beteuern sie nachdrücklich, dass sie wahr sind: Beide sind sie 29, in München geboren – und seit dem letzten Sommer in der Lage, nur mit Stöcken ein Feuer zu entfachen. Viele Nachmittage wollen sie in den Isarauen verbracht haben, doch erst, als der Herbst schon nahte, hätten sie die Technik heraus gehabt, wie man die Äste aneinander reiben müsse und welches Holz sich eigne. „Linde funktioniert gut“, erzählt Schmidt. Wie man auf sich alleine gestellt in der Wildnis überlebt, fasziniert das Künstlerduo schon seit langem. Vor einigen Jahren haben sie an einer Survival-Tour durch die Alpen teilgenommen. Seitdem wissen sie, wie man ohne Hilfsmittel ein Huhn schlachtet, so dass das Tier möglichst wenig Schmerzen empfindet: Doch ob sie ihm tatsächlich den Hals umdrehen könnten, wenn sie es müssten, bezweifeln sie. Die gellenden Schmerzensschreie des Huhns, das der Guide auf der Tour schlachtete, sind ihnen heute noch präsent.

Wunden flicken, Feuer machen, das sind grundlegende Überlebenstechniken. Wer die Motive an den Wänden des Nage und Sauge betrachtet, fragt sich: Könnte ich mir auch aus Strandgut Überlebenshelfer basteln? Oder bin ich zu abhängig von der Technik und könnte nicht mal einen Tag in der freien Natur überleben? Doch die Zeichnungen von Schmidt und Rothmoser sind mehr als eine Anleitung zum Überleben. In ihrer Reduziertheit verraten sie viel über die Gefühle, die einen in einem Robinson-Crusoe-Szenario überkommen dürften. Einsamkeit. Verzweiflung bis zum Wahnsinn. Aber auch das Bedürfnis, trotz allem die eigene Würde zu bewahren. Der Bilderzyklus beginnt über dem Durchgang zur Küche. Der Gestrandete ist gerade auf der Insel angekommen. Nackt hat ihn das Meer an den Strand gespült. Bis auf einen Stift besitzt er nichts. Das erste, was er tut: Er zeichnet sich einen Slip.

Text: juliane-frisse - Foto: juri-gottschall

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