Vom Seitengehen und Fremdspringen: Fremdgeh-Geschichten

Lügen und immer vorsichtig sein: sieben Geschichten über das spannendste Vergehen der Welt
dirk-vongehlen
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Illustration: Julia Schubert

Eins: Planen „I will be in Frankfurt for a conference in May. Will I see you?“ Ich antwortete nicht. Stattdessen überlegte ich, wie ich mit meinem Gewissen Freundschaft schließen konnte, denn im Moment standen wir eher auf Kriegsfuß. Und dass da seit gestern eine Schachtel unter meinem Bett lag, mit einem unverschämt teuren Schal, („...because you were worth it…“), machte die Sache nicht gerade einfacher. „Will I ever see you?“ blinkte es in meinem Display auf, und ich tippte blind und guckte dabei der vorbeiziehenden Landschaft nach, „Yes.“ Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass da gerade meine Zukunft an mir vorbeizog, oder meine Vergangenheit, oder einfach alles. Und ich ertappte mich dabei, wie ich mal wieder drauf und dran war, alles, was sich eigentlich so gut anfühlte, mit Füßen zu treten. Und vielleicht war das der Grund: Mein Glücklichsein machte mir Angst. Ich spürte keine Reibung mehr, kein Hadern, keine Ecken und Kanten, und deshalb holte ich mir das alles einfach her. Ein selbst gemachtes Abenteuer, ohne Rücksicht auf Verluste, oder war da sogar der Wunsch nach Verlust? „Hey, you are my favourite German since Nico. See you next week.“, las ich. Und ich wollte mehr: mehr Komplimente, mehr Briefe, ich wollte ihn treffen. Dass dabei drei ganze Leben umgekrempelt werden könnten, war mir egal. Denn vielleicht würde danach doch alles wie vorher sein, nur besser. Ich schrieb: „I will wear the blue scarf. We have one night.“ Als ich den Schal aus der Schachtel nahm und in den Koffer legte, war alles klar. Als ich im Zug saß, nach Frankfurt, spürte ich sie: die Ruhe vor dem Sturm, den ich heraufbeschworen hatte. Maria Schweiger Vom zweiten Schritt, dem Fremdgehen, handelt der Text auf der nächsten Seite.


Zwei: Machen „Ich studiere jetzt auch hier“, sagst Du, als wir uns nach gut einem Jahr plötzlich in der Straßenbahn begegnen. Ich lade Dich zum Kaffee ein, wir gehen in eines der netten Cafes in der Altstadt, in die ich nie alleine gehen würde. Ratschen über dies und das, den Sommer vor einem Jahr, wir haben uns im Urlaub kennengelernt, eine sonnige Sommeraffäre. Du besuchst mich bei mir, wir sitzen in der Küche. Ich beuge mich über den Tisch zu Dir, küsse dich kurz. Du erwiederst den Kuss, flüchtig, ehe du mir ein „Du, ich hab’ aber ’nen Freund“ entgegnest. Kurz zögere ich, frage Dich etwas Belangloses, ehe ich dich nochmals küsse und wir in Richtung Schlafzimmer verschwinden. „Aber nur mit Gummi!“ sagst Du und Dein Freund ist vergessen. DagnyTaggart Fremdgehen ist immer auch mit Schmerzen verbunden - für denjenigen, der betrogen wird; selbst wenn es ein Betrüger ist. Nachzulesen auf der nächsten Seite.
Drei: Schmerz Erstmal war alles super. Ich hatte ihn, meine alten, Immerda-Freund und ich hatte plötzlich ihn, den neuen, dunklen (weil es immer dunkel war, wenn wir uns sahen), andersfühligen, andersriechigen. Es war sehr heimlich. Mit dem einen, alten hatte ich unser schönes gemeinsames Leben, mit dem anderen, kurze, aufregende Lügen. Ich rangierte mit meiner Zeit wie auf einem Güterbahnhof und stellte die Weichen so, dass wenigstens alle zwei Wochen das Gleis frei wurde für eine Nacht woanders. Berlin war groß, und je länger es so ging, desto wohler fühlte ich mich, regelrecht glücklich. Ich liebte beide! Meine Beziehung war herzlich und tief, ich hätte sie niemals eintauschen wollen. Und meine Affäre war inzwischen auch: eine Liebe, bei der Sex gar nicht mehr Hauptgrund war, nein, wir redeten, tranken und schauten fern und als Herr Seitensprung mal mit einer Grippe im Bett lag, kochte ich ihm Suppe. Freundinnen erzählten von Affären, die ein paar Wochen gedauert hatten. Meine Affäre feierte Einjähriges. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, nur redete ich mir das immer so hin, dass es nicht allzu wehtat. Ich konnte mit meinem Freund im Urlaub sein und dachte keine Minute an den anderen, aber wenn der nach unserer Rückkehr eine SMS schickte, freute ich mich so auf sein Anderssein, dass ich zwei Tage später bei ihm lag. Im November traf ich meinen Geliebten in einer sehr vollen Bar, wir mussten mit unseren Gläsern eng stehen und er beugte sich zu mir runter, lachte und sagte: „Ich bin verliebt, richtig.“ Er strahlte, rauchte. Ganz kurz dachte ich noch, er würde mich meinen, dann sagte er einen Namen, eine Begebenheit und ich verfiel. Die Tränen schossen ohne Vorwarnung, meine Fäuste boxten einen Weg zur Tür. Als ich im Taxi saß, dachte in Endlosschleife: Er hat Schluss gemacht. Wie in der sechsten Klasse. Und ich bekam Liebeskummer, der schrecklicher war als alle anderen Liebeskummer, denn ich konnte keinem davon erzählen. Es gab diesen Liebeskummer nicht. Weder meiner Schwester noch meinen Freundinnen erzählte ich davon, weil mich ihr moralisches „Gut, dass das jetzt vorbei ist“ umgebracht hätte. Ich wollte traurig und getröstet sein. Stattdessen musste ich drei Runden um den Block laufen, um meine verheulten Augen zu klären. Ich musst lachen und mit Freude küssen, denn es war ja alles in Ordnung. Jeden Tag zoffte ich mich mit meinem Freund und wenn ich dann endlich heulen konnte, betrog ich ihn noch mal, weil nur drei Tränen wegen des Streits flossen, aber viele wegen einer unsichtbaren Liebe, um die ich ganz leise und kläglich lang trauern musste. Diese verbotene Trauer ist es, die mich nie wieder fremdgehen lässt. Melanie Sibelt Alle wussten es. Nur einer nicht. Er war blind verliebt - und schreibt auf der nächsten Seite.
Vier: Betrogen werden Bis zu dem Augenblick, als ich mich in J. verliebte, hatte ich es selbst mit der Treue nicht besonders genau genommen. Immer wieder waren mir Ausrutscher passiert, zweimal hatte ich sogar längere Affären mit anderen Mädchen, während ich in einer Beziehung war. Dann kam sie. Sie hat es geschafft, aus mir innerhalb einer Woche ein Gefühlswrack zu machen. Gleichzeitig war ich so fasziniert von ihr und so rasend in sie verliebt, dass ich nicht mehr schlafen, geschweige denn arbeiten konnte. Dass sie mit mir zusammen sein wollte, war fast nicht zu fassen. Ich war völlig bescheuert vor lauter Liebe. Lange hat dieser Zustand nicht gedauert. Nach drei Monaten hat sie sich von mir getrennt – begründet hat sie es eher schwammig: sie sei nicht gut genug, sie könne jetzt nicht richtig lieben. Der übliche Quatsch, eben. Das Ende unserer Beziehung war schlimm. Viel schlimmer kam es eine Woche später. Eine Bekannte kam weinselig zu mir und erzählte – fast stolz: „Tom, ich bin ja so froh, dass du nicht mehr mit der blöden Kuh zusammen bist. Und jetzt kann ich dir auch erzählen, dass ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie sie dich mit P. betrogen hat.“ Diese Nachricht hat mir den Boden weggezogen. Denn P. kannte ich, meine Freunde kannten P., und mir war auf einmal sonnenklar, dass es alle gewusst haben mussten. Während ich liebesblöd durch die Gegend rannte, wussten sie, dass J. in aller Öffentlichkeit mit einem anderen rumknutschte. Und keiner kam auf die Idee, es mir zu sagen. Ich wurde regelrecht paranoid und war mir sicher, dass alle hinter meinem Rücken über mich lachten. Eigentlich komisch, denn vorher war mir Fremdgehen immer wie eine lässliche Sünde vorgekommen. Man war eben mal in der Stimmung, man war vielleicht sogar betrunken, man war eben jung, verdammt noch mal. Und jetzt war ich auf der anderen Seite und fertig. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis es mir wieder normal bis gut ging. Und ich habe nie mehr auch nur daran gedacht, meine Freundin zu betrügen. Thomas Siedler Fremdverlieben passiert auch, wenn man an die große Liebe glaubt. Das beweist die Geschichte auf der nächsten Seite.
Fünf: Fremdverlieben Fremdgehen – nein danke. Das ist meine Meinung zu dem Thema. In der Theorie jedenfalls. In der Praxis sah es bisher leider immer anders aus. Nicht, dass ich ständig fremdgehen würde, mal einen Flirt hier hätte, mal eine Knutscherei da, überhaupt nicht. Ich glaube an die große Liebe und komme auch überhaupt nicht auf die Idee, meinen Freund zu betrügen – bis dann plötzlich nach ein paar Jahren ein anderer Mann in meinem Leben auftaucht, in den ich mich Hals über Kopf verliebe. Dann geht das Chaos los: „Das war ein einmaliger Ausrutscher“, denke ich mir nach dem ersten Mal, „ich werde ihn nie wieder sehen.“ Nur wenige Tage später suche ich einen Vorwand, um ihn wieder zu treffen. Und danach wieder einen und wieder einen. „Ich bin doch glücklich mit meinem Freund“, versuche ich mir einzureden und bekomme den anderen doch nicht aus meinen Gedanken. So lasse ich mich auf die Affäre ein. Dadurch wird das innere Chaos natürlich noch größer, die Selbstachtung sinkt und ich weiß immer weniger, was oder wen ich will. Irgendwann wird der innere Druck dann doch zu groß und ich beichte einer Freundin meine Fehltritte – der Moment, in dem ich mich der Wahrheit stelle: Du betrügst seit Monaten deinen Freund! Das geht so nicht weiter! Dreimal ist mir das jetzt passiert. Dreimal habe ich mich von meinen Freund getrennt und war danach mit meiner Affäre zusammen – solange, bis plötzlich ein anderer Mann in meinem Leben auftauchte. Penni Dreyer Dass man sich fürs Fremdgehen auch rechtfertigen kann, liest du auf der nächsten Seite.
Sechs: Rechtfertigen Ich schreibe diesen Text anonym. Weil ich nicht möchte, dass ihn meine Exfreundin liest. Meine neue Freundin sollte ihn auch nicht lesen. Und auch sonst niemand, der mich kennt. Das ist nicht paranoid, sondern Erfahrungssache. Als Fremdgeher steht man am Rand der Gesellschaft. Man, also ich, ist ein Arschloch. Aber nicht so eines, auf das Frauen dann doch irgendwie stehen, sondern ein richtiges Arschloch. Eines, das kein Mädchen zum Freund haben möchte. Fremdgehen lässt sich auch nicht rechtfertigen, ich schaffe das nicht einmal vor mir selbst. Deswegen versuche ich es auch gar nicht. Oder vielleicht doch: Ich (Scheidungskind) habe keine Kinder, bin nicht verheiratet und auch sonst kaum Verantwortung. Dafür gefallen mir viele Frauen. Sehr viele. Der Druck baut sich langsam auf, nicht in meinen Eiern, sondern in meinem Kopf. Irgendwann bin ich ganz sicher: Jede zweite Frau ist geiler als meine Freundin. Das stimmt natürlich nicht. Aber ich bin trotzdem felsenfest davon überzeugt. Den Druck muss ich loswerden, ich muss auf den Boden der Realität zurück. Meistens, sagen wir in 90 Prozent der Fälle, folgt dann eine Enttäuschung und eine Erkenntnis: Meine Freundin fühlt sich besser an, redet weniger Müll oder beherrscht diverse Praktiken gekonnter. Freilich, am liebsten wäre mir natürlich, wenn ich in jedem Moment wüsste, dass meine Freundin die beste ist. Fremdgehen ist nämlich ziemlich stressig: Man muss lügen können, mit seinem Gewissen klar kommen und immer vorsichtig sein. Das Allerschlimmste ist, einen Seitensprung zu beichten. Erstens hat davon niemand was, außer der Fremdgeher, der sein Gewissen ein bisschen erleichtern kann. Und zweitens macht so was jede Beziehung kaputt. Auch gute Freunde haben dafür nur in seltenen Verständnis. Deswegen sollte man übers Fremdgehen einfach nie sprechen. Schreiben eigentlich auch nicht. Aber ich bin ja noch jung. Auf der nächsten Seite: Schritt sieben - der Dialog
Sieben: Der Dialog Sieso: Was issn das für ein Geruch an deinem Hals? Erso: Was denn für Geruch? Sieso: So anders. Erso: Ich riech nix. Sieso: Weit weg. Erso: Was? Sieso: Nach weit weg riecht’s da, als ob du gar nicht hier wärst. Fremd. Erso: Blödsinn, wie kann denn etwas nach weit weg riechen. Sieso: Weiß ja auch nicht, tut’s aber. Erso: Ich hab das gleiche Aftershave benutzt wie immer. Sieso: Wo warst du eigentlich gestern Abend so lange? Erso: Weißt du doch, mit Peter, auf ein Bier. Sieso: Wo denn? Erso: In der kleinen Bar, da, gleich bei ihm, wie hieß die noch mal? Sieso: Haben die da schon Rauchverbot? Erso: Wie kommst du jetzt darauf? Sieso: Ich riech gar nichts. Erso: Grade hast du gesagt, ich rieche komisch. Sieso: Aber nicht nach Rauch. Erso: Ich rauche ja auch nicht. Sieso: Peter aber. Erso: Gestern nicht. Außerdem hab ich geduscht.Was solln das jetzt werden? Sieso: Sag du’s mir doch. Erso: Du spinnst ja. Sieso: Sag ich ja, ganz weit weg. Erso: Du spinnst echt. Riech lieber mal an deinem eigenen Hals. Sieso: Da gibt’s nichts zu riechen. Erso: Dann mach ich eben. Sieso: Lass mal Erso: Ich würde aber gern. Sieso: Nee, lass mal. Erso: Komm schon. Sieso: Lass. Erso: Hmmm. Sieso: Und? Wie riecht’s denn? Erso: Wie immer. Warm. Sieso: Vergiss das nicht. Erso: Jaa? Sieso: Peter hat angerufen. Erso: Hm? Sieso: Gestern abend. Erso: Hm, doch, jetzt riech ich’s auch. Barbara Wopperer

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