Von Büchern, Bäuchen und Bekloppten. Ein Erfahrungsbericht aus der Staatsbibliothek

Hinten lagert das Bewusstsein der Stadt, vorne wird geflirtet. Der Schriftsteller Fridolin Schley über die Münchner Staatsbibliothek
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Seit die Postmoderne das Universum als einen einzigen großen Text beschrieb, ist die Vorstellung der Bibliothek als kleinstmögliches Abbild der Gesellschaft ein gängiger literarischer Topos. Und immer noch erstaunlich brauchbar. Will man etwa München verstehen, seine Abläufe, Strukturen und geheimen Regeln, ist eine Feldstudie in der Staatsbibliothek kein schlechter Anfang. Die Boulevardblätter halten es uns seit Jahren vor Augen: München ist eine Insel der Singles. Deshalb das Wichtigste zuerst. Die Stabi ist die größte Flirt-Börse der Stadt. Es ist schon putzig, wie man sich hier aufbrezelt, als habe man sich auf dem Weg in den After-Work-Club oder an die Strandbar verlaufen. EineFestung des Geistes? Von wegen. Hier herrschen die Gesetze des Marktes, und jeder Bauch ist ein Laden. Das muss nicht schlecht sein. Im Sommer riecht es vor den Schließfächern nach Sonnencreme, das Schlappen von Flip-Flops taktet wie ein Metronom die Stille im Lesesaal, und soviel nackte Haut bewegt sich unablässig über den Mittelgang, dass es einen nicht wundern würde, wenn auch noch Sand aufgeschüttet würde.

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Illustration: Julia Schubert

Überhaupt, der Mittelgang: Hauptschlagader der Stabi und ein einziger langer Laufsteg. Wenn man Konzentration sucht, sollte man sich keinesfalls auf einen der Gangplätze setzen, sondern möglichst ans Fenster, mit Blick nach draußen. Aber dann verpasst man großes Tennis. Und ganz ehrlich, wer kommt schon zum Arbeiten her? Ich habe in der Stabi nicht weniger als ein halbes Dutzend Beziehungen aufkeimen, blühen, und ja, auch wieder vergehen sehen. Wenn nicht hier, wo dann, was soll da schon groß schief gehen? Nun, leider doch eine ganze Menge. Drei Beispiele für kapitale, irreparable verbale Fehltritte: 1.) „Willst du mich mit dem muskulösen Surfertyp da auf deinem Desktop eigentlich eifersüchtig machen?“ 2.) „Ist das nicht eine Stadt in Ostdeutschland?“ (zu einer Komparatistin, die ihre Magisterarbeit über Stendhal schreibt) 3.) „Könntest Du bitte die Schuhe wieder anziehen? Der Geruch irritiert mich.“ In der Stabi kann man so viele liebenswerte Münchner Musterexemplare antreffen, wie sonst nur in einem Film von Helmut Dietl. Zum Beispiel den BWL-Erstsemsester mit kariertem Hemd, um die Schultern gelegtem Pulli und hellledrigen Panama Jacks. Keiner macht so viele Pausen wie er. Gleichgesinnte werden dann per SMS benachrichtigt, man kennt sich noch aus Tutzing oder Baldham oder Feldkirchen und bleibt gern unter sich. Beim Kaffee geht man Fragen zur Segelscheinprüfung durch. Er bleibt hier ein Zaungast, der wahre Zauber des Ortes entgeht ihm (oder grenzt es etwa nicht an schwarze Magie, wenn mitten in der Stadt 500 Menschen in einem Raum sitzen und schweigen), und ein Blinder würde ihn daran erkennen, dass er einen siezt, wenn er nach Kleingeld für das Schließfach fragt. Man kann sich hier sehr schnell sehr alt fühlen. Davon kann die Kunsthistorikerin, die vor mir sitzt, ein Lied singen. Dass auch sie bereits höheren Semesters ist, liegt wohl daran, dass sie ganze Vormittage damit zubringt, versonnen durch die Gänge und Regale zu streifen und jeden ihrer großen Bildbände einzeln zu ihrem Platz zu tragen. Dabei setzt sie jeden Schritt so sanft, als wandelte sie im Schlaf. Wenn sie sich dann endlich niederlässt, kann sie sicher sein, dass jeder sie gesehen hat. Sie selbst erwidert keine Blicke, sondern schaut stets so traurig in die Ferne, als stammte sie aus einer anderen Zeit und sehnte sich nach ihr zurück. Ohne Probleme kann sie eine Stunde lang in ein Buch blicken, ohne einmal umzublättern. Ihre Haut ist von porzellanhafter Blässe, und sitzt man hinter ihr, traut man sich kaum zu atmen, so zerbrechlich wirkt sie. Gerne würde man sie trösten, aber natürlich kann man sie nur anbeten, niemals ansprechen. Aber durch feiges Beobachten hat noch niemand ein Herz erobert. Also täusche ich bei den neuen Scanner-Druckern technische Ungeschicklichkeit vor (Strategie 1: Schwäche zeigen) und lasse mir von der hinter mir Wartenden zur Hand gehen. Ein günstiger Zufall will, dass sie grotesk schön ist. Ich schlage vor, sie zum Dank auf einen Kaffee einzuladen, woraufhin sich in etwa folgender Dialog entspinnt:


„Kaffee? War ja klar.“ „Ach so, nein, nein, ich wollte nicht. . .“ „Balzac hat am Tag 50 Tassen Kaffee getrunken und ist als Literat weit überschätzt.“ „Keine Frage. Ich lese gerade einen Krimi von Henning Mank. . . “ „Honni soit qui mal y pense!“ „Äh, ja, also ich spreche nur sehr. . . “ „Kommt jetzt noch was, oder war das alles, was Du drauf hast?“ Als wir in der Caféteria in der Schlange stehen, habe ich schon weiche Knie. Vanessa hat Romanistik studiert und promoviert über die Figur des Dritten bei La Fontaine'. „Des dritten was?“, frage ich tapfer, aber da rollt sie nur mit den Augen, grüßt jemanden hinter mir und zuckt mit den Achseln, als sei ich ihr lernbehindertes Kind. Ich versuche einen Witz zu machen und frage, seit wann Oskar Lafontaine denn schreibe (Strategie 2: Dreistigkeit siegt). Sie lächelt nur müde. Ihren Kaffee trinkt sie „schwarz wie meine Seele“. Als wir endlich sitzen, gestaltet sich das Gespräch ziemlich zäh. Auf meine Frage, was sie sonst so mache, sagt sie: „Ich fühle. Ich denke. Ich sehe.“ Da muss ich lachen, bereue es aber sofort, als Vanessa mich mit jenem Blick verachtender Enttäuschung straft, den ich zuletzt bei meiner Mathe-Lehrerin gesehen habe. Mir bleibt nur die Flucht nach vorne und ich frage, ob sie eigentlich auch irgendwas von mir wissen wolle, oder ob ich den ganzen Smalltalk allein machen müsse (siehe Strategie 2). Darauf Vanessa, sie flüstert nun: „Mon pauvre petit, wie verzweifelt du sein musst.“ Ich wage noch einen letzten Überraschungsangriff und antworte, dass das auch meine Verlobte gesagt haben könnte (Strategie 3: Vergeben-sein heucheln). Dabei hebe ich meine Hand und wackle mit dem Ringfinger, an dem der goldene Ehering meines Freundes Florens prangt. Unter Protesten seiner Frau habe ich ihn mir für meine Feldstudie ausgeliehen.

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Illustration: Julia Schubert

Das sitzt. Doch weil ich betretenes Schweigen schlecht aushalten kann und beunruhigt registriere, dass Vanessa ihren Kaffee mit zwei großen Schlücken leert, werfe ich den Notanker und frage, was ihre guten Vorsätze für das neue Jahr seien. „Ich möchte nicht mehr mit Männern schlafen, die ich nicht liebe“, sagt sie, steht auf und geht. Für ein paar Sekunden ist mir schwarz vor Augen. Drei weitere Stabi-Klassiker: 1.) Jörn, 19, Schüler des Goethe-Gymnasiums; lernt fürs Mathe-Abi und nimmt den ‚Ständigen’ ihre Plätze weg; Leistungskurse Bio und Latein; sieht aus wie Pete Doherty mit Akne; will bei der Abifeier bei Anna-Lea „reingrätschen“ und später „was mit Menschen“ machen. 2.) Lena, 25, Juristin; ehemalige Miss K13; trägt ein enges T-Shirt mit dem Aufdruck „Charakterstark“; ist bei Band Nr. 8 der SZ-Bibliothek; hat momentan „privat zu viele Baustellen“, um ihre Ö-Recht-Hausarbeit zu schreiben; lässt sich deshalb von Stabi-Freundin Sabrina helfen – die ist mollig, hat aber einen super Humor. 3.) Achim, 49, geschieden, zwei Kinder; Soziologe und „Medienpublizist“; begrüßt morgens seine Tischnachbarn mit „Moin, moin, Chef, alles fit im Schritt?“; recherchiert seit 14 Jahren für ein Standardwerk zur Geschichte der Geräuschkonventionen (Arbeitstitel: „Ich hör wohl nicht recht!“); wohnt jetzt wieder bei Mutti. Kulturbeflissene prangern gern Münchens glatte Gleichförmigkeit an, seelenlos und kalt sei die Stadt. Es stinke nach Erfolg, für Paradiesvögel sei kein Platz. Stimmt nicht, die Stabi beweist das Gegenteil. Wir lieben unsere Verrückten. Und die Verrückten lieben uns. Die Stabi bietet Struktur, ohne Zwang auszuüben. Sie vermittelt die wohlige Routine eines festen Arbeitsplatzes, samt Öffnungszeiten, Cafeteria und geregelten Abläufen, und ist dabei doch ein vollkommen offener Raum. Ob man sich hier habilitiert oder den ganzen Tag Patiencen legt, spielt letztlich keine Rolle. Wer drin sitzt, gehört dazu. Man ist nie allein, aber keiner will etwas von einem. Kein Wunder, dass das Sonderlinge anzieht. Zum Beispiel den „Knödler“. Der „Knödler“ ist morgens als erster da und geht abends als letzter. Er sitzt jeden Tag 15 Stunden im Lesesaal und schreibt Zahlenkolonnen in linierte Schulhefte. Zahlen, nichts als Zahlen, den ganzen Tag, hochkonzentriert. Dabei reibt er sich mit der freien Hand unentwegt den Schmutz vom Hals und rollt ihn zu kleinen Knödeln, die er in säuberlichen Reihen auf seinem Tisch anordnet und abends im Abfall entsorgt. Man hat den „Knödler“ nur selten sprechen gehört. An schlechten Tagen brabbelt er – steht man am Pissoir neben ihm – unverständlich etwas von Geheimdiensten und „Spezialaufträgen“ vor sich hin. Und tagsüber kann man ihn nur aus der Stabi vertreiben, wenn man auffällig unauffällig eine CD an seinem Platz vorbeiträgt, auf die man vorher „CIA“ geschrieben hat. Klar, anständig ist das nicht, aber irgendwie muss man ja zu einem Sitzplatz kommen. Aber der „Knödler“ hat auch gute Tage. Dann fragt er iranische Medizinstudentinnen schon mal, ob er an ihren Füßen riechen darf.


Und da ist natürlich noch Rainer Langhans. Der passt in keine Schublade, der ist einfach nur Rainer Langhans. Wenn man Glück hat, kann man ihn wie eine Lichtgestalt durch die Regale schweben sehen, mit grauer Löwenmähne, in luftig weiße Gewänder gehüllt und so schön wie am ersten Tag. Fast das ganze Jahr hindurch läuft er barfuß, doch wenn man es nicht besser wüsste, würde man ohnehin schwören, dass er beim Gehen den Boden nicht berührt. Es ist wie bei Foucault. Die Anstalt produziert den Wahnsinn erst. Und zugegeben, man kann hier zwanghaft werden, schneller, als man denkt. Jeden Tag derselbe Sitzplatz und ausschließlich Schließfachnummern, die durch drei teilbar sind? Harmlos. An Feiertagen zu Hause oder in der Bibliothek des Gasteigs arbeiten? Nur ungern. Der Unbekannte, mit dem man schriftlich an der Klotür kommuniziert, antwortet nicht mehr? Katastrophe. Totale Verlustangst.

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Illustration: Julia Schubert

Doch das eigentliche Geheimnis der Stabi liegt woanders. Wenn der Lesesaal das Herz der Stabi ist, dann ist das Archiv ihr Gehirn. Ihr Gedächtnis. In einem ewigen Kreislauf des Klassifizierens, Katalogisierens und Konservierens wird hier die Identität der Stadt, die kulturelle Erinnerung ihrer Einwohner erst geschaffen. Als ständig in Bewegung befindlicher Organismus kämpft das Archiv gegen das Vergessen an. Die Archoten der Stabi gleichen, wenn sie bestellte Dokumente in einem undurchsichtigen, wie einem dunklen Ritus folgenden Prozess aus den labyrinthischen Gängen und Regalen zu Tage fördern, untoten Seelen, die für immer in einer leeren Zwischenwelt gefangen sind. Stets aufs Neue gerät man in Sorge, ob die Wächter auch wiederkehren, wenn sie in den Tiefen des Magazins verschwinden. Doch zugleich geht erhabener Gleichmut von ihnen aus. Jede verstaubte Handschrift, jedes Dokument, jede Erstausgabe wird hier mit derselben Wertigkeit und Aufmerksamkeit verwahrt. Bis man das Gewünschte in Händen hält, sind eine Reihe bürokratischer Windmühlen aus dem Weg zu räumen. Nennen wir es ruhig kafkaesk. Zettel sind auszufüllen, Forschungsziele anzugeben, Ausweise vorzuzeigen. Doch am Ende wartet Wundersames. Manchmal kann man dann sehen, wie die Zeit sich vor einem auflöst. Wenn man in Lederbänden aus den Hofbibliotheken der Wittelsbacher blättert, die vielleicht seit Jahrhunderten niemand aufgeschlagen hat, wenn man Drucke und Landkarten aus dem Dreißigjährigen Krieg studiert, die einst in Klöstern und Stiften gefertigt wurden – dann verliert die Zeit für einen Moment ihre Linearität. Wer will schon von Zufall sprechen, wenn einem plötzlich eine vertrocknete Feldpostkarte vom 8. März 1943 in die Hände fällt, auf der ein Frontsoldat nach Hause schreibt: „In Gedanken bin ich bei Euch, aufgehoben im Vertrauten.“ Am Tag darauf trafen Phosphorbomben die Staatsbibliothek in München und verbrannten einen Großteil der Bestände. Nichts vergeht hier. Alles ist mit einem Mal gleichzeitig da. Nur das Schaulaufen im Lesesaal, weniger als einen Steinwurf entfernt, wirkt jetzt sehr weit weg und auf seltsam angenehme Weise belanglos und schön.

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