"Waah, nimm das raus!"

Von wegen Smile und Klick: Wenn Freunde gemeinsame Bilder ins Netz stellen, sagen sie damit weit mehr aus, als sie denken. Eine Typologie der Freundschafts-Fotos.
mercedes-lauenstein



Der Sprung

Bildunterschrift: "Good times in NZ!"  

Setting: Vor den Toren von Disneyland, im Strandurlaub, bei der Klippenwanderung, auf einer Hochzeit oder einer Aussichtsplattform bei einer Wanderung: Gesprungen wird an Orten, die man vorher nur von Postkarten kannte. Schließlich muss man sich die Idylle ja irgendwie aktiv zu eigen machen, damit sie einen nicht überstrahlt.  

Daher kennen die sich: Vom Hochschulsport, wo sie zufällig drei Mal hintereinander dieselben Kurse belegt haben: Klettern, Rafting und Capoeira.  

Typischer Satz: "Krass hier, aber erstmal Foto, okay? Was machen wir denn mal? Vielleicht springen? Okay, drei, zwei, eins, yeaaaah!"  

Das wollen sie uns mit dem Foto sagen: "Leute, wir sind keine von diesen langweiligen Travel-Spießern, die sich durch schüchternes rechts-unten-im-Bild-vor-der-Kulisse-Stehen als Langweiler outen. Wir sind jung, frei, witzig und uns gehört die Welt!"  

Das sagen sie uns wirklich: "Muss ja keiner wissen, dass der Lea gerade ihre Tasche geklaut wurde und wir gar keine Zeit zum Baden haben, weil der Bus gleich weiterfährt."  

Typischer Facebook-Kommentar: "Unsere Globetrotter mal wieder!"  

Dieses Foto kommt danach auf der Kamera: Ein Foto von Lea, auf dem sie mit dem dicken Zeh "L+S" in den Sand schreibt.  





Der Schuhstern

Bildunterschrift: "#friends #shoesynergy #sneakerliebe" – und das zur Veranstaltung passenden Hashtag.  

Setting: Der sandige, kippenbestückte Boden eines Festivals, der Asphalt vor einer Kreativ-Webkonferenz oder der Teppich einer Modeparty – Hauptsache irgendwo mitten im Geschehen.  

Daher kennen die sich: Vom Bloggertreffen 2009, seit dem sie hauptsächlich auf Twitter Kontakt halten, weil sie so verstreut wohnen.

Typischer Satz: "Boah voll gut, wir alle mit unseren Air Max!"  

Das wollen sie uns mit dem Foto sagen: "Four makes a gang, Leute, oder sollte ich lieber sagen: Alle für einen, einer für alle? Und nun werden wir in diesen Schuhen ein Abenteuer zusammen erleben, vielleicht ein bisschen die Welt verändern und dabei jedenfalls ziemlich lässig aussehen."  

Das sagen sie uns wirklich: "Ein albernes Selbstporträt? Viel zu plakativ. Die Visitenkarte der Coolness sind die Schuhe, die du trägst."  

Typische Facebook-Kommentare: "Coole Schuhe", "Die hab ich auch", "Ihr seid so toll! <3"  

Dieses Foto kommt danach auf der Kamera: Ein Foto vom Abreisetag aus dem Flugzeugfenster auf die verregnete Startbahn: "#backhome #byebyebestpeople".






Das Automatenfoto

Bildunterschrift: "Berlin, 2013" 

Setting: Irgendein analoger Schwarz-Weiß-Fotoautomat, der als einer der wenigen der Stadt nicht gegen einen Digitalen ausgetauscht wurde. Er steht in einem Stadtviertel, das im Reiseführer als " vibrant, creative part of town" beschrieben wird, und ist in den letzten zehn Jahren zur Pilgerstätte aller Wochenendtrip-Freunde geworden.  

Daher kennen die sich: Noch aus der Schulzeit in Hessen. Marie und Anna wohnen zusammen in einer WG in Mainz und studieren Medizin, Betzy studiert Kommunikationswissenschaften in Regensburg, und Lisa ist gerade zum Soziologie-Studium nach Berlin gezogen.  

Typischer Satz: "Okay Leute, das wird jetzt unsere Berlin-Erinnerung: Das erste ganz ernst, das zweite dann so total verrückt und jeder macht irgendeine Fratze, das dritte, da küssen wir alle die Lisa, und das vierte dann jeder wie er will. Boah Annaaaa, dräng mich mal nicht so zur Seite, hallo, ich bin ja gar nicht drauf!"  

Das wollen sie uns mit dem Foto sagen: "Und dann sind wir einfach total spontan in diesen Automaten reingestolpert, und dann hat die Betzy einfach gedrückt und wir wussten gar nicht, wie uns geschieht!"  

Das sagen sie uns wirklich: "Endlich habe ich auch mal so einen Fotostreifen zum an-den-Kühlschrank-Kleben. War aber irgendwie auch ganz schön teuer."  

Typische Facebook-Kommentare: "Ihr Hübschen!!" und: "Ist das der in der Kastanienallee? Touuurifalle ;)"

Dieses Foto kommt danach auf der Kamera: Eine Sammlung sämtlicher an Berliner Hauswände gesprühten Stencils.




Das alberne Selbstporträt

Bildunterschrift: "#Gammmmeln #crazy"  

Setting: Auf Klassenfahrt oder Exkursion, zu Hause auf dem Sofa oder auf der Decke im Stadtpark. Es ist jedenfalls 90 Prozent Langeweile im Spiel, vielleicht Apfelringe und Chips und ein Paar weißer Ohrstecker, von denen jede der abgebildeten Personen einen Stöpsel im Ohr hat.  

Daher kennen die sich: Aus der FOS für Wirtschaft und Soziales.  

Typischer Satz: Eher vage Laute: "Möpmöööp", "wuuuhu" oder "blöörks". Und natürlich ganz viel "Hahahaha", das dann aber sofort verstummt, sobald das Foto geschossen ist.  

Das wollen sie uns mit dem Foto sagen: "Wenn wir zusammen abhängen, ist es immer so hart witzig und wir müssen uns die ganze Zeit totlachen."  

Das sagen sie uns wirklich: "Lieber gar nicht erst ernst dreinschauen, bevor es nachher wieder kacke aussieht und wir fast alle Bilder löschen müssen."  

Typischer Facebook-Kommentar: "Waah, wie schau ich denn da aus??? Nimm das sofort raus hahahha, Fressflash forever!"  

Dieses Foto kommt danach auf der Kamera: Ein Foto von Tini mit dem ganzen Haarschopf vor dem Gesicht und der Sonnenbrille drüber.




Der Aufzugspiegel

Bildunterschrift: "#bigcitylife #elevator"  

Setting: Im Aufzug einer teuren Rooftop-Cocktailbar oder auch nur im Parkhaus hinter Karstadt: Fahrstühle sind als Fotomotiv nicht plakativ eitel und transportieren trotz maximaler Nichtort-Tristesse eine irgendwie geheimnisvolle Aura des Geschäftig- und Weltstädtischseins. Vor allem wenn oben in der Fahrstuhldecke eine Sternenhimmel-Beleuchtung angebracht ist.  

Daher kennen die sich: Ole und Marc kennen sich vom gemeinsamen Praktikum an der Börse, mit Nadine wiederum sind sie auf einer Summerschool in London gewesen.  

Typischer Satz: Keiner. Als die anderen merken, dass einer in den Spiegel fotografiert, rücken sie still und unauffällig in eine leicht seitlich gedrehte Pose und setzen ihren ernsten Badezimmerspiegel-Kontrollblick auf.  

Das wollen sie uns mit diesem Foto sagen: "Hi! Wir sind’s und wir sehen cool aus und ihr habt keine Ahnung, was unsere Mission ist."  

Das sagen sie uns wirklich: "Bäm, das Outfit ist echt ein Volltreffer. Gut, dass da ein Spiegel ist, so gut gebügelt sehen die Hemden nie wieder aus."  

Typischer Facebook-Kommentar: Keiner, weil so gar nichts auf dem Foto passiert, auf das man eingehen könnte. Trotzdem rätselt jeder kurz, was für ein Aufzug das sein könnte: Siemens-Zentrale oder Empire State Building?  

Das Foto kommt danach auf der Kamera: Ein roter Drink mit Minzblättern.

Text: mercedes-lauenstein - Illustration: katharina-bitzl