Was eine Statue zu erzählen hat

Was sind das für Menschen, die sich einen ganzen Tag lang regungslos in die Fußgängerzone stellen und Statue spielen? Ein Erklärungsversuch.
simon-hurtz

Ein paar hektische Flügelschläge, gefolgt von einem wenig eleganten Bremsmanöver und die schwärzlich-graue Taube landet etwas unsanft auf dem Kopf der Statue. Nahezu niemand schenkt dem Tier Beachtung, warum auch? Großstadttauben auf Großstadtstatuen, wahrlich kein Anblick mit Seltenheitswert. Der Vogel seinerseits tut nun alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gurrt aufgeregt, hüpft vom Kopf der Skulptur auf deren Schulter und schlägt ein paar Mal mit den Flügeln. Es sieht ganz danach aus, als sollten die städtischen Reinigungskräfte bald ein wenig zusätzliche Arbeit bekommen und eine weitere Statue vom weißlichen Taubenkot befreien müssen. Doch plötzlich kommt Leben in den grünspanbesetzten König Ludwig II, der altehrwürdige Monarch schüttelt unwillig den Kopf und verscheucht den Vogel mit einer Handbewegung.

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Illustration: Julia Schubert

König Ludwig II ist fester Bestandteil der Münchner Fußgängerzone. Statuen sprechen nicht. Niemals? Nun, zumindest nicht während der Arbeit. Aber hinter jedem der Straßenkünstler steckt ein Mensch mit einer Geschichte, bei der das Zuhören lohnt. Bartel Meyer ist eine lebende Statue der allerersten Stunde. Vor 20 Jahren brachte ihm seine Freundin die Faszination des bewegungslosen Schauspiels in der Fußgängerzone nahe. Zwar organisiert er mittlerweile vorrangig Straßen- und Kleinkunstfestivals, inszeniert Theaterprojekte und tritt nur noch auf großen Veranstaltungen auf, aber viele Jahre Bühnenerfahrung als lebende Statue haben Spuren hinterlassen und so kann Bartel jede Menge Geschichten zum Thema erzählen: „Der Ursprung für diese Kunstform des bewegungslosen Schauspiels liegt im 17. Jahrhundert. Damals gab es noch keine Filme, Theaterbesuche waren sehr teuer und eine der Abendbeschäftigungen des Bürgertums bestand im Betrachten und Nachspielen von Gemälden. In den 70ern inszenierte sich das Künstlerduo Gilbert & George als „living sculptures“ und mit dem Aufkommen der Robotik kam dann der endgültige Durchbruch. Mensch oder Maschine, echt oder unecht, das faszinierte die Zuschauer. Im Laufe der Zeit perfektionierten die Darsteller ihre Selbstinszenierung, entwarfen die fantastischsten Kostüme und eigneten sich immer ausgefeiltere Pantomimetechniken an. Inzwischen findet man lebende Statuen auf der ganzen Welt: Ich war schon in Australien, auf den Kanaren oder in Südamerika, aber es ist noch nie vorgekommen, dass die Menschen überhaupt nichts mit meiner Form der Kunst anzufangen wussten.“ Von der unerwarteten Bewegung des plötzlich lebendig gewordenen Denkmals überrascht, bleiben einige Passanten stehen und zeigen zum ersten Mal Interesse. Doch kein weiteres Geldstück landet in der spärlich gefüllten Mütze zu Füßen Ludwig II. Stumm und still steht der bayerische Märchenkönig da, den Blick in Ferne gerichtet, ganz als würde er die Aussicht vom Turmzimmer seines Schlosses in Neuschwanstein genießen. Doch statt grandiosem Alpenpanorama erblickt der heutige Ludwig nur Menschen in Eile, mit hochgeschlagenen Mantelkrägen und verkniffenen Minen. „Langeweile? Nein, das kenne ich nicht. Sobald ich fertig kostümiert und geschminkt bin, auf mein Podest klettere und in meine Rolle schlüpfe, dann macht es Klick und irgendetwas verändert sich. Ich glaube, dass es Schauspielern oft genauso geht: Vorhang auf, Licht an und von dem Moment an bist du jemand anderes. Wo ich die kommende Nacht schlafen werde, wie viel Geld ich am Ende des Tages werde eingenommen haben, in welche Stadt es mich als Nächstes verschlagen wird – diese Dinge verlieren dann an Bedeutung. Es gibt nur noch mich, das Publikum und meine Botschaft. Ich versuche, durch mein Spiel etwas auszudrücken, die Zuschauer anzusprechen, eine Saite in ihnen zum Schwingen zu bringen. Worauf ich mich aber niemals eingelassen habe, das ist die inzwischen so verbreitete Interaktion mit den Betrachtern. Ich verbeuge mich nicht, wenn jemand eine Münze wirft und reagiere auch nicht auf Zurufe. Das hat für mich immer so etwas von einem Pawlowschem Reflex, wirkt entwürdigend und nimmt mir meine Freiheit. Lieber mache ich mit minimalsten Aktionen auf mich aufmerksam, erzeuge etwa ohne Mundbewegung Seifenblasen, die wie aus dem Nichts auftauchen oder versuche, durch fantasievolle und ausgefallene Kostüme zu beeindrucken.“ Zumindest an diesem Tag wirkt es nicht so, als sei es sonderlich einträglich, im Jahre 2010 einen vor über 100 Jahren ertrunkenen Monarchen zu neuem Leben zu erwecken. Selbst wenn der Künstler wollte, könnte er nicht auf seine Zuschauer reagieren, denn es interessiert sich schlichtweg niemand für die lebende Statue. König Ludwig II. verharrt unbeirrt an seinem Platz, kein Muskel zuckt in seinem Gesicht, nicht einmal ein Zwinkern ist zu erkennen. „Natürlich gibt es auch mal Tage, an denen es einfach nicht läuft, da kann sich eine einstündige Pantomime schon mal kaugummiartig in die Länge ziehen. Aber das Tolle an der Arbeit als lebende Statue ist, dass du eigentlich bei jedem Auftritt eine Szene, eine Begebenheit erlebst, die dich berührt und bewegt. Das kann eine besondere Reaktion aus dem Publikum sein, vielleicht nur ein intensiver Augenkontakt, wenige Sekunden lang. Aber diese Momente geben dir einfach wieder Kraft und füllen die Akkus sofort wieder auf.“ Auf einen solchen Augenblick scheint Ludwig II. in der Münchner Fußgängerzone heute vergeblich zu warten. Nichts deutet auf Gesellschaft für die wenigen Geldstücke in der vor ihm liegenden Mütze hin, deren Inhalt wohl kaum für mehr als ein spartanisches Abendessen reichen dürfte. Diesen Eindruck hat ganz offensichtlich auch der Straßenkünstler selber, denn jetzt beginnt er langsam, Arme und Beine zu bewegen, schaut sich um und klettert dann von seinem Sockel. Zum zweiten Mal sorgt er so für unfreiwillige Aufmerksamkeit, denn man sieht schließlich nicht alle Tage eine Statue, die Feierabend macht. Wenige Augenblicke später deutet nichts mehr darauf hin, dass hier vor kurzem noch ein König stand. „Wirklich lohnenswert sind eigentlich nur der Freitag und das Wochenende. Ob jemand nach der Arbeit auf dem Heimweg ist oder mit viel Zeit und Lust auf Zerstreuung durch die Fußgängerzone flaniert, das macht einen Riesenunterschied. Ich hatte immer das Glück, dass mir diese drei Tage gereicht haben, um genug Geld für mich zu verdienen. Meistens habe ich etwa vier Stunden täglich gespielt, davon nie länger als anderthalb am Stück. Allerdings arbeiten viele der heutigen Statuen 40, 50 Stunden die Woche und werden davon trotzdem ganz gewiss nicht reich. Insgesamt kann man schon sagen, dass der Ton rauer geworden ist und die Konkurrenz zugenommen hat. Gerade in größeren Städten gibt es inzwischen eine regelrechte Statuen-Mafia. Da werden arme Schlucker aus Osteuropa angeworben, die sich dann zehn Stunden am Stück die Beine in den Bauch stehen müssen. Das Geld landet in einer verschlossenen Box, am Ende des Tages kommt der Chef vorbei, kassiert die Kohle und drückt einen kleinen Anteil ab. Ich selbst habe zwar auch einige schlechte Erfahrungen gemacht, wurde provoziert und angepöbelt, geschubst und sogar mal angezündet. Aber im Großen und Ganzen hatte ich eine tolle Zeit, besonders dieses Gefühl von Freiheit ist einfach klasse. Alles, was du zum Leben brauchst, hast du in deinem Rucksack und du kannst gehen, wohin auch immer du willst. Ein, zwei Monate Arbeiten, Geldverdienen und dann ab nach Australien, immer der Nase nach, sich einfach Treiben lassen, das ist schon ein ziemlich cooles Gefühl.“ Tags drauf in der Münchner Fußgängerzone, wieder irgendwo zwischen Stachus und Marienplatz. Die Sonne scheint. Miniröcke statt Mantelkrägen, Sonnenbrillen statt Regenschirmen und mittendrin thront auch heute wieder der bayerische Märchenkönig. An diesem Tag bedarf es keiner Taube, um die Aufmerksamkeit der Flaneure auf das lebende Denkmal zu lenken, das von einem großen Kreis interessierter Zuschauer umringt ist. Wo gestern noch gähnende Leere herrschte, hat sich heute bereits ein ansehnlicher Haufen aus Münzen angesammelt und in schöner Regelmäßigkeit landen weitere Geldstücke mit einem leisen „Pling“ in der Mütze. Dann verbeugt sich der Monarch und wer ganz genau hinschaut, der meint, ein leises Lächeln zu erkennen, das sanft seine Lippen kräuselt.

Text: simon-hurtz - Bild: Robert Haas

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