"Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?"

Das Verhältnis von Fan und Idol hat sich verändert - aber wohin? Wir haben mit fünf Fanclub-Vorsitzenden gesprochen und Thomas Dörschel von "Virginia Jetzt!" danach gefragt, wie er selbst als Fan ist.
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Uli Hoeneß hat bei der Jahresversammlung des FC Bayern in seinem legendären Wutanfall im November ein kompliziertes Thema auf einen sehr einfachen Punkt gebracht: „Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?!“ rief der Manager des FC Bayern, als sich einige Fans über die Proseccoisierung des Fußballs aufregten. Gute Frage: Was glauben Fans eigentlich gerade, wer sie sind? Und was erwarten sie von ihrem Verein oder der Band oder dem Künstler, den sie bewundern? Vor nicht allzu langer Zeit, so scheint es, waren die Verhältnisse zwischen den beiden Parteien ziemlich klar: Auf der einen Seite – sehr entfernt – der Star, und auf der anderen seine Bewunderer. Aufgabe des Fans war es, zu bewundern und durch Konsum den Star zu unterstützen. Aufgabe des Stars war es, möglichst glamourös und gekonnt den Fan zu unterhalten. Es wurden Fanclubs ins Leben gerufen, in denen sich Bewunderer miteinander austauschen und sich über den Künstler informieren konnten. Dieses klare Verhältnis hat sich im Internet-Zeitalter geändert.

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Illustration: Julia Schubert

Und zumindest in der Musikbranche scheint die Welt auf den Kopf gestellt zu sein. Der Musiker Prince hat zwar in England seine aktuelle CD kostenlos einer Zeitung beigelegt, kurz darauf aber drei der größten Fanseiten im Netz, die ihm gewidmet sind, angedroht, sie auf mehrere Millionen Euro zu verklagen, sollten sie nicht sämtliche Inhalte, wie Musik, Fotos, Plattencover und Liedtexte aus dem Netz nehmen. Die Fans schlossen sich zu „Prince Fans United“ zusammen, um gegen diese Drohung ihres Idols vorzugehen. Ein Künstler verklagt seine Fans und die schließen sich zusammen, um gegen den Künstler vorgehen zu können. Wo früher nur Bewunderung war, kann heute der Krieg beginnen. Schneeball Online Dass sich die Unterhaltungsindustrie mit den technischen Entwicklungen der letzten Jahre nicht leicht tut, ist bekannt. File-Sharing, die ständige Verfügbarkeit der Ware werden für den Rückgang der Verkaufszahlen verantwortlich gemacht. Andererseits sehen mittlerweile auch die größten Bedenkenträger, dass im Internet großes Potential steckt. Durch Seiten wie MySpace wurden unzählige Bands entdeckt und haben einen Plattenvertrag bekommen. Musiker haben einen viel schnelleren Zugang zu ihren Fans, können sich ungefiltert mitteilen. Umso wichtiger sind die Fans für die Musiker geworden, weil sie kostenlos und eifrig die Werbetrommel für sie rühren. Vor allem Newcomer profitieren von dieser neuen Internet-Fankultur, die Künstler und Anhänger zusammen schweißt. Nicht nur wer auf dem Weg nach oben ist, freut sich über jeden Unterstützer, der ihn im Schneeballprinzip bekannt macht. Allerdings schafft der enge Kontakt zum Star eine trügerische Nähe, die von Fans nicht immer realistisch eingeschätzt wird. Wer in einer Social-Community mit einem Star befreundet ist, denkt möglicherweise auch, Anspruch auf eine echte Freundschaft zu haben. Dass diese Nähe fast immer als Marketing-Instrument benutzt wird, sieht nicht jeder. Dazu kommt, dass das, was wir über einen Star erfahren, für Künstler oft nicht mehr steuerbar ist. Amy Winehouse hat beispielsweise eine großartige Platte aufgenommen, aber die Leistung der Musikerin verschwindet hinter den Berichten über Drogen-Aussetzer auf Konzerten, die mit Foto-Handys gefilmt und ins Netz gestellt werden. Gossip-Websites, wie „Oh No They Didn’t“ oder „Perez Hilton“ dokumentieren schadenfroh jeden modischen oder zwischenmenschlichen Ausrutscher, 24 Stunden am Tag – und der Mythos des Stars verschwindet im selben Tempo. Es ist mitunter schwer, Fan zu bleiben, wenn man erfährt, was der Star Tag und Nacht so treibt. Was also denken Fans gerade, wer sie sind? Möglicherweise wissen sie mehr denn je, was sie wert sind und fordern von den Stars ein, was sie zu verdienen glauben. Und wenn die ihnen das nicht geben, nutzen sie die Macht des Konsumenten und wenden sich ab. Das Verhältnis zwischen Künstler und Fan hat sich normalisiert. Ob das für die Fankultur gut oder schädlich ist, wird sich zeigen. Ganz sicher wird es bis dahin noch einige Wutausbrüche wie den von Hoeneß geben. Von Künstlern oder Managern, die mit dieser Verschiebung der Machtverhältnisse nicht zurecht kommen.

Text: christina-waechter - Foto: rtr

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