Was muss ich wissen über das Alter, Herr Petszokat?

Der Sex, die Haare, die Schüchternheit – alles anders. Oli P. ist jetzt 30 und erzählt, was die vergangenen zehn Jahre aus ihm gemacht haben
sascha-chaimowicz

jetzt.de: Oliver, ich bin geschockt: Du bist erst 30 Jahre alt! Fühlst du dich, bei all dem, was du schon gemacht hast, nicht eher wie 45? Oliver Petszokat: Es ist schon komisch. Manchmal treffe ich Kollegen, die ähnlich lange im selben Beruf sind wie ich. Nur sind diese Kollegen oft 15 Jahre älter als ich. Ich habe eben mit dem 18. Lebensjahr angefangen. Wenn ich mir heute vor Augen halte, was alles in der Zeit abgegangen ist, von Gute Zeiten, schlechte Zeiten über ein bisschen Kino und Theater, dann der Gedanke ,hach, ich moderier’ mal’ bis hin zu meiner Musikmacherei, frage ich mich schon, wie das alles in die Zeit reinpasst. Ganz nebenbei bin ich mit 20 Familienvater geworden. Aber wenn ich mir ein paar von meinen Kumpels anschaue, die so alt sind wie ich jetzt, bin ich ganz froh, wie es gelaufen ist. Viele von denen studieren immer noch. Gerade mein frühes Vaterwerden hat meinem Leben viel Sinn gegeben. Ansonsten hätte ich meinen Job gemacht, sehr gut verdient und wäre auf Parties gegangen, um dort dann sehr viel zu trinken. Das kann nicht der Lebensinhalt sein. jetzt.de: Wir wollen mit dir über den 30. Geburtstag reden und das, was sich damit ändert. Vor kurzem, am 10. August, bist du selbst 30 geworden. Wer hat dir gratuliert? Oliver: Da habe ich mich echt gewundert. Das waren echt auch Leute aus der Schulzeit, mit denen ich seit damals nicht mehr im Kontakt stand. Dazu kamen noch Produktionsfirmen, Eltern von Klassenkameraden meines Sohns, Familie und sogar mein Patenonkel hat sich mal wieder gemeldet. jetzt.de: Und trotz der vielen Leute hast du keine Verpflichtung gespürt, zu feiern? Oliver: Vor allem meine Freunde haben probiert, mich zu überreden: Kochen und danach besaufen, besaufen und dann kochen. Doch ich hatte eine geile Ausrede, und zwar die Arbeit: Ich musste am nächsten Tag früh raus. Aber nicht falsch verstehen, es lag nicht an der Zahl 30, dass ich keine Lust zu feiern hatte. jetzt.de: Betrinkt man sich mit 30 noch so wie früher? Oliver: Meine Freunde machen das schon noch so, ja. Ich selbst habe zuletzt am 7. Februar ganz viel getrunken. Und dann noch einmal im März und auf einem Abschlussfest für eine Pro7-Sendung hatte ich je ein Radler. Das wars für dieses Jahr. Ich habe da im Moment keinen Bock drauf und das geht schon seit zwei oder drei Jahren so. Selbst an Karneval fällt es mir schwer, viel zu trinken. jetzt.de: Warum fällt es dir schwer? Oliver: Da ist einmal dieses Öffentlichkeitsding. Ich habe keine Lust, von einem BILD-Leserreporter besoffen fotografiert zu werden. Und wie eingeschränkt ist es, sich nur daheim oder bei Freunden betrinken zu können? Und es hat auch mit Verantwortung zu tun, gerade vor Sohnemann.

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Illustration: Julia Schubert

Oliver P. jetzt.de: Schaust du mit 30 schon kritisch auf deine Vergangenheit zurück? Oliver: So schlecht ist es bei mir ja nicht gelaufen. Aber es gibt Sachen, bei denen ich mich frage, was mich damals geritten hat. Das ist nicht nur auf Berufliches bezogen, ich erinnere mich auch an schwachsinnige Besäufnisse mit anschließender Kotzerei. Oder an nutzlose Prügeleien, auf die ich auch hätte verzichten können. jetzt.de: Fühlst du dich mit 30 attraktiver als mit 20? Oliver: Also von 20 bis jetzt ist es rein kilogrammtechnisch schon ein Unterschied. Ich müsste mal wieder joggen gehen. Aber ich habe jeden Tag irgendeine neue Ausrede; die letzten zehn Jahre habe ich es nicht geschafft, mich zum Sommer hin in Form zu bringen. Im Sommer laufe ich mit Plauze herum, im Winter geht’s. Dazu sind mir meine Haare ausgegangen. Deswegen habe ich jetzt auch eine schicke Drei-Millimeter-Frisur. Bekannte sagen, ich sähe jetzt viel besser und männlicher aus – mit zwanzig sah ich sowieso eher aus wie elf. Aber es ist schon ein anderes Körpergefühl mit 30. Je länger man in seinem Körper wohnt, desto gelassener wird man darin.


jetzt.de: Ist man mit 30 im Umgang mit Frauen gelassener? Oliver: Ich denke, man ist gefestigter und ändert sich nicht mehr so viel. Daher ist 30 ein gutes Alter, um jemanden kennenzulernen. Entweder das passt dann zusammen oder eben nicht. Mit Anfang 20 denkst du, okay, ich kann mich noch ändern, um ihr zu gefallen. Heute weiß ich viel mehr, was mich glücklich macht und was nicht. Ob man das dann findet, ist die andere Sache. Aber Theoriemeister war ich schon immer. jetzt.de: Verliert man also mit den Jahren die Schüchternheit Mädchen gegenüber? Also, falls man sie hatte. Oliver: Entweder du bist eben ein bisschen schüchtern und naiv oder eben selbstbewusst. Da hilft dir das Alter nicht wirklich. Ich selbst war nicht so der Typ, der Mädchen ansprechen konnte. Ich müsste auch heute noch einen Kumpel fragen, ob er zu ihr rübergeht, um die Nummer zu besorgen. jetzt.de: Gibt es denn bei dir noch diese Abende, an denen man sich mit Freunden zusammensetzt und über vergangene Klassenfahrten lacht? Oliver: Außer einer handvoll Schulfreunden habe ich eigentlich nur drei weitere Freunde, und zwar Bürger Lars Dietrich, der zweite ist Aufnahmeleiter bei „Nur die Liebe zählt“ und der andere spielt in der Band Pilot. Wir reden nicht mehr wirklich über Klassenfahrten, wir haben ja die letzten zehn Jahre, über die wir eher reden. jetzt.de: Wie ist es mit der Mode? Kann man sich mit 30 nochmal neu entdecken? Oliver: Das ist komisch. Ich laufe noch immer so rum, wie vor 15 Jahren. Das ist der Stil, den ich als Jugendlicher gut fand, und den finde ich eben immer noch gut. Warum soll ich mich jetzt verkleiden, weil ich 30 bin, Vater bin und einen Beruf habe? Achtzig Prozent des Jahres laufe ich in Jeans-Shorts, T-Shirts und Nike-Sneakers herum. jetzt.de: Telefonierst du denn noch viel mit deinen Eltern? Oliver: Das ist bei mir leider auch krankhaft. Meine Mutter ruft jeden einzelnen Tag an. Da kann ich aber nichts dafür. Das sind meistens nur zwei Minuten und sie fragt, wie es mir geht. Sie will einfach wissen, was in meinem Leben los ist. jetzt.de: Wie sieht es mit deiner Sexualität aus? Gibt es Unterschiede zu früher? Oliver: Du weißt eben mit 30 genauer darüber Bescheid, was du magst, und willst es dann auch so haben, wie du es magst. Das ist – schlechter Vergleich – genau wie beim Essen oder so. Man wird in gesundem Maße kompromissloser. jetzt.de: Hat man mit 30 immer noch Angst vor Spinnen? Oliver: Das ändert sich leider kaum. Ich finde Spinnen und alles, was krabbelt, genauso scheiße wie vor 15 Jahren. Ich renne vielleicht nicht mehr schreiend weg, aber . . . ich renne schweigend weg. jetzt.de: Was hast du eigentlich zum 30sten geschenkt bekommen? Oliver: Ich habe in den letzten ein, zwei Jahren verstärkt Haarwuchsmittel geschenkt bekommen. Das habe ich aber nicht benutzt, fand ich doof. Ich wollte meine Haare eh immer kurz haben. jetzt.de: Wie geht das los mit dem Haarausfall? Oliver: Das war vor so drei, vier Jahren, als ich bemerkte, dass ich so halb unbewusst meine Haare von hinten nach vorne gekämmt habe. Das hat mich damals schon genervt. Ich wollte nicht aussehen wie ein in die Jahre gekommener Teeniestar. Aber ich wollte es auch nicht so weit kommen lassen, dass ich mir die letzten Strähnen über den Kopf legen muss. Dann habe ich sie einfach abrasiert. Und das ist auch so eine Sache, wenn du 30 wirst. Wenn ich sage, ich will meine Haare so haben, weil ich meine Haare so gut finde, dann werde ich meine Haare auch so tragen. Da können auch noch so viele Produzenten sagen, das sähe nicht so vorteilhaft aus. Dann bucht halt jemanden, der Haare hat! Da bin ich mit den Jahren wahrscheinlich resoluter geworden. OLIVER PETSZOKAT ist Schauspieler, Musiker und Moderator und kam am 10. August 1978 in Berlin zur Welt. Ende der Neunziger spielte er in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und hatte als Sänger Hits wie „Flugzeuge im Bauch“. Seit mehreren Jahren arbeitet Oli als Fernsehmoderator („Big Brother“, „Popstars – Das Finale“). Vom 9. September an moderiert er gemeinsam mit Senna von der Band Monrose eine neue Pro7-Sendung namens „Singing Bee“.

Text: sascha-chaimowicz - Foto: Manfred Baumann

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