Wasted German Jugendherberge

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Zimmer 112, erster Stock, sagt der Mann mit der Glatze und den dicken Oberarmen an der Rezeption und gibt mir die Schlüssel. Der Aufzug ist da vorne. Ausgerechnet erster Stock, denke ich, später, als ich mir Taschentuchfetzen in die Ohren drücke. Was man eigentlich gelernt haben sollte: Wenn man dort übernachtet, wo übernachten wenig kostet, sollte man nie die Ohrstöpsel vergessen. Aber ich dachte: Jugendherbergen wären anders. Falsch gedacht. Sechs Schulklassen, hatte der Mann an der Rezeption gesagt. Man kann sie in den Gängen riechen, die Jungs vor allem: Deo, Deo, Deo und Schweiß. Billiges Deo, viel Deo. Der Geruch aus der Umkleide der Schulturnhalle, wenn zwanzig durchgeschwitzte 14-jährige ihre T-Shirts wechseln und sich vollsprühen, je mehr, desto besser. Aber vor allem: Man kann sie hören.

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Illustration: Julia Schubert

Die interessanten Sachen in einer Jugend erlebt man meistens nicht daheim. Man erlebt sie auf Klassenfahrten, in Trainings- und Zeltlagern. Zimmer mit Stockbetten und Duschen am Ende des Ganges, immer zuwenig Schlaf, aber wenn man wieder zurückkam, war meistens irgendetwas Wichtiges passiert. Verschwommene Erinnerungen, verschwommene Freiheit. Später reisen wir nach Ecuador, China und Israel und schlafen in Hostels. Jugendherbergen werden gemieden. Die Jugendherberge, in der ich diese Nacht schlafen werde, vier Stockwerke, 620 Betten, grau in allen Schattierungen, die Linoleum zu bieten hat, liegt in Nord-Schwabing, eine Nacht kostet 32 Euro. Es gibt die Lehrerlounge, mit gratis Internet, und die Discothek „Discovery“ im Keller. Ein Schild sagt: „R’n’B und Hiphop von 21.00 bis 01.30 Uhr“. Ich frage: „Mann mit der Glatze, darf ich mir an der Tankstelle gegenüber ein Bier kaufen, und es in deiner Jugendherberge trinken?“ Er schaut mich mitleidig an. Er zeigt auf die „Discovery“. Hostels sind dann doch cooler. Meistens liegen sie in einem Entwicklungsland in einem zweifelhaften Haus in einer zweifelhaften Straße und man trifft mit etwas Glück Leute, die nicht nur ewig schwadronieren, wie lange sie jetzt schon mit Papis Geld unterwegs sind, und was für einen krassen Trip sie noch vor sich haben, sondern auch nette Frauen, die gerade allein den Iran durchquert haben, und ein bisschen was zu erzählen haben, und dann geht man koreanisch essen, obwohl man gar nicht in Korea ist. Meistens sind Hostels allerdings etwas dreckig und die Betten eine Qual. Jugenherbergen hingegen sind furchtbar deutsch. Diese hier ist sehr sauber und riecht nach Putzmittel. Kakerlaken gibt es sicher nirgends, dafür einen extra angelegten Teich im Innenhof mit Springbrunnen. Die Stockbetten sind solide, vertrauenserweckend stabil, die Vorhänge sehr bunt gemustert. Kurz gesagt: Es ist ein Krankenhaus ohne OP-Saal, dafür mit der Discovery im Keller. Innenhof, Blick auf die Fenster, die sich ständig öffnen und schließen, die Jungen und Mädchen schreien aus den Fenstern und in ihre Handys und klären die wichtigen Fragen des Abends: Habt ihr Alkohol? Was macht ihr nachher? Ist mein Zettel bei euch angekommen? Ein rosablondes Mädchen versucht, sich möglichst elegant auf einem Fensterbrett drapieren. Ein Junge grölt zu einem anderen: „Du kannst mich am Sack lecken!“ Gekreische bei den Mädchen. Sie singen: „Auf geht's, ab geht's, drei Tage wach, die nächste Party kommt bestimmt!“ Das Schild sagt: „R’n’B und Hiphop von 21.00 bis 01.30 Uhr.“ Wasted German Youth.

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Illustration: Julia Schubert

Meine Jugendherbergen: Siebte Klasse, eine Woche bayerischer Wald, in Tschechien sehe ich zum ersten Mal Nutten, abends tanzen wir zu „Baby One More Time“. In der neunten Klassenfahrt nach Köln, da habe ich so gut wie keine Erinnerungen mehr dran. In der elften sind wir in Paris, ich bekomme das höchste Fieber meines Lebens und liege sechs Tage im Delirium. Die Hausordnung sagt: Um 22 Uhr beginnt die Nachtruhe. Drinnen klappen die Leute, die heute zum Schlafen und morgen zum Arbeiten da sind, ihre Laptops zusammen und gehen auf ihre Zimmer. Die wenigen Backpacker, die sich hierhin verirrt haben, sind unterwegs in den Bierkellern Münchens. Im ersten Stock werden Tische von Zimmer zu Zimmer geschoben. Ich liege im Bett und warte darauf, dass das Gekreische aufhört. Es hört nicht auf. Die Musik in der „Discovery“ wird lauter. Wo sind eigentlich die Lehrer? Vor dem Eingang stehen nun zwei Typen mit Security-Westen. Wo man dann später übernachtet: Wenn man in Spanien unterwegs ist und kein Geld mehr hat und es warm ist, einfach draußen. Wenn jemand anderes bezahlt, auch mal in Hotels die mehr als zweihundert Euro die Nacht kosten, aber da hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man im Zimmer raucht. In Peking aus Versehen mal in einem Hotel, das hauptsächlich dazu da war, dass Paare da Sex haben konnten (Ohropax!). Aber irgendetwas was auch nur entfernt einer Jugendherberge ähnelte, habe ich nirgends mehr gefunden. Und erst recht nichts mit so einer Diskothek im Keller. Es ist halb zwölf, das Licht zu hell, die Dekoration hässlich, der Sound schlecht, aber auf der Tanzfläche ballen sich die Jungs und Mädchen zu „Mr. Vain“. Sie tanzen ekstatisch und unkoordiniert, sogar auf den Tischen um der Tanzfläche. Sie brüllen ein Lied mit, es muss ein Hit sein in ihrer Welt, irgendwann ist es vorbei, und sie brüllen weiter. Die Mädchen sind sehr geschminkt, die Jungs haben sich deodoriert. Die Lehrer sitzen neben mir an der Bar und grinsen vor sich hin, sagen nichts, und können es nicht fassen. Wasted German Jugendherberge. Ich gehe ins Bett. Irgendwann stehe ich auf und will den Jungen und das Mädchen, die vor meiner Tür die Paradigmen einer Problembeziehung abstecken, bitten, das doch woanders zu tun. Ich öffne die Tür, die Lehrer erscheinen im Flur, das Paar verschwindet, ich frage sie: Sind die auch mal leise? Die Lehrer schauen traurig, und entschuldigen sich minutenlang. Am nächsten Morgen sitzen wir alle ausgezehrt im Speisesaal und stopfen Semmeln mit abgepackter Marmelade in uns hinein.

Text: adrian-renner - Fotos: Evi Lemberger

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