Weiche Schale, harter Kern

Prolo-Braut und Prinzessin: Wie Carolin Kebekus mit Männerhumor zur vielleicht wichtigsten Frau der deutschen Comedyszene wurde.
anna-kistner

Manchmal ist ein kurzer Kommentar auf Youtube treffender als eine detaillierte Charakterstudie. Im Falle von Carolin Kebekus steht die krachende Meinung des Betrachters unter einem mit „Eschwanzipation“ betitelten Clip, der einen ihrer Auftritte bei der Comedyshow „Nightwash“ zeigt. Zu sehen ist eine hübsche Frau im roten Seidenkleid, die es unverständlich findet, warum sich andere Frauen über männliche Blicke in den Ausschnitt ärgern. „Dafür sind die Titten schließlich da“, erklärt sie. Am Ende kündigt die Frau an, sich umoperieren zu lassen, um als Mann mit Riesenpenis alle Tussis und „Sandy Meyer Kotzes“ dieser Welt ordentlich zu erschrecken. Dann spielt sie das Szenario vor, schreit „Fresse!“ und schwingt ihren imaginären Penis wie ein Laserschwert durch die Luft. Der Kommentar darunter lautet: „Gutes Aussehen und asozialer Humor: Die Welt bräuchte mehr solcher Frauen.“

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Illustration: Julia Schubert

Die langen Haare, das freche Grinsen und die natürlichen Bühnenoutfits lassen die 30-Jährige jünger wirken, als sie ist. „Man kann als Frau im Humor-Gewerbe nichts Schlimmeres machen, als sich lustig anzuziehen“, findet Carolin. „Dann reicht es anscheinend nicht, dass man als Person lustig ist.“ Auf den ersten Blick scheint sie mit dieser Einstellung nicht recht in die deutsche Comedy Branche zu passen. In eine Geschäftswelt, in der sich viele weibliche Comedians eine Art äußeres Erkennungszeichen zugelegt haben, das schon von Weitem Witzigkeit signalisieren soll. Rote Haare, wirre Zottelfrisuren, exzentrische Kleider. Humor ist eine Sache, die hierzulande sehr selten mit der Eigenschaft „feminin“ in Verbindung gebracht wird. Die aktuell erfolgreichste Frau auf dem deutschen Comedy Markt sieht aus wie ein Mann und nennt sich Cindy aus Marzahn. Carolin wuchs in Köln auf. Eine Stadt, in der an einem Donnerstag Mittag eine Horde Studenten und Hausfrauen völlig selbstverständlich in das mehrere Stockwerke hohe Bordell „Pascha“ pilgert und – mit Cola, Fanta oder Bier versorgt – auf den Auftritt von Carolin wartet. Die Sendung, in der sie die Hauptrolle spielt, wird in der dortigen Tabledance-Bar vor Publikum aufgezeichnet. Die meisten Zuschauer kennen Carolin aus dem Fernsehen. Der eine sah sie als Moderatorin bei Raabs Wok-WM, ein anderer fand sie bei Niels Ruf in der Show ganz witzig, als sie mit Hilfe ihres Handballens ein Geräusch produzierte, das sie „postalkoholischen Furz“ nannte. Jürgen von der Lippe, bei dem Carolin in der Sendung „Was liest du?“ zu Gast war, findet, sie sei die „talentierteste junge Frau, die es im deutschen Comedy-Geschäft gibt.“ Aufgenommen wird an diesem Nachmittag die dritte Staffel der ProSieben Sendung „Broken Comedy“. Eine Folge dauert rund 30 Minuten und besteht aus kleinen Sketchen, in denen Carolin mit wechselnden Verkleidungen die Hauptrolle spielt. Mal säuselt sie als silikonverschönerter D-Promi Gloria von Poburgen Nonsense in die Kamera, im nächsten Clip parodiert sie als Mitglied der „Pussy Cat Prolls“ die deutsche Gangsta-Rap-Szene. „Broken Comedy“ gehörte zu den Nominierten für den diesjährigen „Grimme Preis“. Unter anderem deswegen, weil das Format interaktiv und damit innovativ sein will. Freie Comedy-Autoren können Drehbuch-Vorschläge einsenden, über die besten Sketche stimmen die Zuschauer vorab im Internet ab. Nur die höchst bewerteten werden auch ausgestrahlt. Als Rahmenhandlung dient ein live vor Publikum gesprochener Stand-Up Auftritt von Carolin, der sich um das Thema der jeweiligen Folge dreht: „Frauen“, „Internet“ und „Langeweile“ sind es bei der heutigen Aufzeichnung. 2011 sollen die Folgen ausgestrahlt werden. Da die circa fünfminütigen Live-Nummern bei „Broken Comedy“ erst kurz vor Drehbeginn entstehen, liest sie Carolin vom Teleprompter ab. Sie spricht laut, aber natürlich. Carolin spielt sich selbst. Die grün im Teleprompter leuchtenden Worte klingen, als wären sie ihr gerade erst in den Sinn gekommen. Wer gute Stand-Up Comedy machen will, braucht, so der Fachausdruck, „funny bones“. Carolin sagt: „Man ist dazu geschaffen oder nicht.“ Nach dem Abitur wollte sie eigentlich Theaterwissenschaften studieren. Da diesen Plan viele junge Frauen verfolgen, die nicht so recht wissen, wohin mit ihrem Leben, hatte der Studiengang einen Numerus Clausus. Und Carolin ein Wartesemester Zeit für spontane Launen. Sie fing als Praktikantin bei der Kölner Fernsehproduktionsfirma Typhoon AG an, wurde Redaktionsassistentin und stand mit spontanen Kurzauftritten bei den „Freitag Nacht News“ plötzlich auch vor der Kamera. Mit 22 Jahren spielte Carolin am Set von Kaya Yanars „Was guckst du?“. Krankenschwester, Prolo-Braut, Emanze. Fließbandarbeit im Sketch-Studio. Trotzdem sagt Carolin: „Es fiel mir leicht und ich verdiente gut. Das Studieren habe ich darüber einfach vergessen.“ Es war ein Freund, der sie eines Tages zu einer der vielen Kölner Stand-Up Shows schleppte und heimlich auf die Liste der Vortragenden setzte. „Als der Moderator plötzlich meinen Namen vorlas, kam mir der Gang auf die Bühne vor wie Selbstmord“, erzählt Carolin heute. Doch das Witzeerzählen vor Publikum klappte überraschend gut. Dem Auftritt auf der kleinen Kölner Stand-Up Bühne folgte die Einladung zu „Nightwash“, von dort ging es zum Quatsch Comedy Club nach Berlin und Hamburg. „Wenn man plötzlich merkt, dass der eigene Humor vor Live-Publikum funktioniert, wird das sehr schnell zur Sucht“, sagt Carolin. Man kann ihre Karriere als Verkettung glücklicher Zufälle bezeichnen. Man kann aber auch feststellen, dass Karrieren im Comedy-Geschäft selten anders ablaufen. Der Regisseur, der die Aufnahme im Puff leitet, war vor zehn Jahren gemeinsam mit Carolin Praktikant bei den „Freitag Nacht News“. Wenn Carolin Kebekus erklären soll, warum es so wenig gute Frauen im Comedy-Geschäft gibt, sagt sie: „Warum gibt es eigentlich so viele schlechte Männer?“ Als Schlüssel zu einer möglichen Erklärung nennt sie das Publikum. Zwar lachen die Zuschauer im Puff selbst dann noch über eine Pointe, wenn Carolin auf Anweisung der Regie einen Witz mehrere Male hintereinander einsprechen muss. Carolin erinnert sich aber auch an Zeiten, in denen sie Enttäuschung in den Gesichtern der Zuschauer entdeckte, wenn sie – die oft einzige Frau im Stand-Up Programm – auf die Bühne gerufen wurde. „Die dachten sofort: Jetzt wird es langweilig“, sagt Carolin. Wer vor einem Mikrofon Witze erzählt, übt immer auch Macht aus. Sobald eine Frau dort oben auf der Bühne steht und sich laut lustig macht, wirkt das auf viele Zuschauer eher komisch als witzig, auf manche Männer sogar einschüchternd. Humor, so scheint es manchmal, ist ein weites Feld, das klassischerweise vom starken Mann beackert wird. Für Carolin gibt es keinen Grund, sich darüber zu beschweren. Dieses System hat auch Vorteile: „Sobald man als Frau eine Nummer hat, die funktioniert, ist man sehr schnell im Geschäft.“ Man wird dann schneller als der männliche Comedy-Kollege zu Shows wie dem „Quatsch Comedy Club“ eingeladen. Carolins Masche ist die vom dreckigen Männerhirn im putzigen Frauenkörper. Wenn sie sich über die angestrengten Gesichter von Youporn-Darstellerinnen lustig macht, die sich gerade an Sperma verschluckt haben, spricht sie, wie Stefan Raab einmal bewundernd gesagt hat, „Dinge aus, die andere Frauen nicht in den Mund nehmen würden“. Carolins oft bewusst sexistische Witzchen funktionieren deshalb so gut, weil sie, wie sie sagt, „den Männern etwas weg nimmt“. Das Recht auf schmutzigen Humor. Für Carolin Kebekus ist Gaby Köster deswegen ein Vorbild, „weil sie die erste war, die sich auf der Bühne einen geschissen hat, dass sie eine Frau ist“. Indem Carolin auf der Bühne optisch Frau bleibt, ihre Worte aber aus dem Mund eines Mannes kommen könnten, sorgt sie für Komik. In gewisser Weise zementiert sie auf diese Weise allerdings auch die Dominanz eines männlich geprägten Humorverständnisses. Immer kann Carolin die Masche vom harten Kern in der weichen Schale sowieso nicht fahren. Sie weiß das: „Mittlerweile erwarten die Leute schon, dass ich auf die Bühne komme, rumprolete und schreie.“ Ihr Humor lebt vom Überraschungseffekt beim Zuschauer, der nicht darauf vorbereitet ist, derart harte Töne von einer derart smarten Frau zu vernehmen. Geht dieser Effekt verloren, wirken auch ihre Proll-Ausbrüche nicht mehr witzig, sondern platt. Carolins Bewährungsprobe steht im März an. Dann hat ihr erstes, eigenes Soloprogramm Premiere. Der Titel: „PussyTerror“. Die Zuschauer im Puff brüllen vor Lachen, als Carolin gegen Ende der Aufzeichnung zum zehnten Mal den Text vom Teleprompter falsch abliest. Als sie ihren „Sprechdurchfall“, wie sie das nennt, überwunden und die drei letzten Sätze fehlerlos über die Lippen gebracht hat, bekommt sie Standing-Ovations. Sie winkt verlegen ins Publikum und verschwindet hinter dem roten Samtvorhang. Vor zwei Jahren hat sie den renommierten Kabarett-Preis „Prix Pantheon“ gewonnen, vor drei Jahren den Deutschen Comedy Preis. Eigentlich ist verwunderlich, dass es immer noch Menschen gibt, die ihren Namen noch nie gehört haben. Traurig ist Carolin deswegen nicht. Manchmal, sagt sie, könne sie sich vorstellen, eines Tages als Tatort-Kommissarin zu arbeiten. Oder als Synchronsprecherin bei einem Animationsfilm. „Nicht die schöne Prinzessin“, sagt Carolin. „Lieber das kleine, freche Tierchen an ihrer Seite.“

Text: anna-kistner - Foto: Brainpool/Bodo Schackow

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