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Widmung im Roman "Räuberhände"

Finn-Ole Heinrich

"Eine Widmung gehört nicht zwingend in ein Buch. Eigentlich finde ich sie sogar ein bisschen albern und pathetisch. Im Grunde ist das doch so, als würde der Nachrichtensprecher in der Zwischenmoderation Mutti zuwinken oder ein Schild hochhalten, auf dem „Marianne, ich liebe dich, Hdgdl, dein Jo“ steht. Gut, es gibt auch Widmungen, die Bezüge zu anderen Werken herstellen, dann verhält es sich anders. Aber auch das finde ich eigentlich eher nervig. Hat so was von: Seht mal, was ich alles gelesen habe. Aber eine Widmung ist eben auch ein kleines Bonbon, das man sich als Autor offenbar rausnehmen kann.

Ich will dem auf keinen Fall zu viel Bedeutung beimessen. Meine Widmung drückt in gewisser Weise meine persönliche Schreib- und Denkmotivation aus. Die braucht der Leser aber keinesfalls, um den Text zu verstehen.

Meine Widmung ist an meine drei besten Freunde gerichtet, mit denen ich noch in derselben Stadt wohne. Als ich „Räuberhände“ geschrieben habe, waren wir das erste Mal wirklich voneinander getrennt – haben an unterschiedlichen Orten gewohnt und studiert und uns viel seltener gesehen. Ich habe deshalb damals viel über Freundschaften nachgedacht: Welchen Stellenwert sie in meinem Leben einnehmen, was ich erwarte und wünsche, was ich bereit bin zu investieren. Und eben auch, was Freundschaft aushalten muss und nicht aushalten kann.

Dieses Buch hat nichts mit meinen Freundschaften zu tun. Aber das Thema der Erzählung hat darin seinen Ursprung in meinen Freundschaften zu diesen drei Menschen. Sie haben allerdings nichts zu der Widmung gesagt. Vielleicht haben sie das Buch auch einfach nicht gelesen. Ich hab diese Widmung gewählt, weil sie in Kurzform schon alles sagt: Jungs, das ist für euch. Lest es euch durch und lasst uns bei Gelegenheit mal drüber reden. PS.: Ihr seid mir verflucht wichtig.

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Finn-Ole Heinrich, 32, lebt als freier Autor in Hamburg. Er schreibt hauptächlich Jugendliteratur und hat viele Preise erhalten.


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Widmung im Roman "Hier bin ich"

Victor Witte

Ich habe überlegt, wer mir in der Zeit, als ich das Buch geschrieben habe, am nächsten war, mit wem ich meisten zu tun hatte. Das war im Grunde ich selbst. Ich denke, ich hab’s einfach am meisten verdient, dass mir das Buch gewidmet ist. Ich habe natürlich auch überlegt, ob es blöd rüberkommt, und musste ein bisschen mit meiner Freundin diskutieren – aber sie kommt ja in der Danksagung vor.

Die Widmung passt auch gut zum Buch. Klar, man kann sagen, der Text beginne erst nach der Widmung. Aber ich finde, das ist ein Gesamtpaket und sollte zusammenpassen. Der Roman ist ein autobiografisches Fragment, darum wollte ich gerne eine Querverbindung zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor herstellen, auch, wenn sie nicht identisch sind. Und ich denke, die Widmung führt dazu, dass man kurz irritiert ist und vielleicht schmunzeln muss, wenn man das Buch aufschlägt, weil man sich fragt: Was ist das für ein Typ, der sich seinen eigenen Roman widmet? Das stimmt einen ganz gut auf den Text ein.

Beim nächsten Buch werde ich wohl auch wieder derjenige sein, mit dem ich beim Schreiben am meisten zu tun habe. Aber ich weiß nicht, ob ich mir auch das zweite widmen werde. Das kommt auf den Text an.

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Victor Witte, 27, studiert in Hildesheim Literarisches Schreiben, seine Texte erschienen in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften. Gerade erschien sein Debütroman "Hier bin ich".


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Widmung im Roman "Nacktschnecken"

Rebecca Martin

In meinen ersten beiden Büchern habe ich die Widmung erst geschrieben, als das Buch fertig war. Ich habe dann überlegt: Wer war für mich wichtig, wen betrifft dieses Buch? Diesmal stand das schon sehr früh fest. Eigentlich ab dem Moment, in dem ich wusste, in welche Richtung die Handlung geht. Die ist frei erfunden, aber natürlich gibt es da viel Deckung mit meinem eigenen Lebensgefühl. Im Kern geht es um eine Beziehung, die bröckelt. Und um die Frage: Kann man eine Liebe retten, wenn eigentlich niemand mehr an dieses Wort glaubt? Wie wichtig ist Sex, welche Rolle spielt Arbeit, überhaupt, wie wollen wir leben?

Das sind Fragen, um die es eigentlich in allen meinen Freundschaften und Beziehungen geht. Deshalb ist die Widmung auch sehr offen, „my boys“ und „my girls“ steht für meine Schwestern, für meine Freunde. Aber auch für meine Beziehungen, sogar für die, die hinter mir liegen.

Meine Schwester fand es übrigens ein bisschen albern, dass die Widmung auf englisch ist. Aber das ist ja meine Muttersprache, insofern finde ich es okay. Und auf deutsch würde das ja auch noch seltsamer klingen.

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Rebecca Martin, 24, veröffentlichte mit 17 ihren ersten Roman “Frühling und so”. 2012 folgte der Roman “Und alle so yeah”. Nächste Woche erscheint ihr drittes Buch “Nacktschnecken” bei Dumont. Sie lebt in Berlin und studiert an der Filmhochschule.


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Widmung im Roman "Das fremde Meer"

Katharina Hartwell

Obwohl man das Buch jemand anderem widmet, macht man die Widmung immer auch für sich selbst. Es geht darum, wie viel von dem anderen in dem Buch ist und was er dazu beigetragen hat. Die Menschen, die einem am nächsten stehen, machen einen großen Teil der eigenen Identität aus und damit auch die Geschichten, die man erzählt. Denn die sind an diese Identität gekoppelt.

David ist mein Partner und ich hatte das Gefühl, dass das Buch uns beiden gehört. Wir haben uns in der Zeit, als ich angefangen habe, an dem Roman zu schreiben, kennengelernt. Und meine Vorstellung von Liebe und Beziehung ist das Fundament des Buches. Ich habe David vorher nichts davon gesagt, aber ich glaube, er hat sich gefreut. Zwar etwas verhalten, aber eine Widmung ist ja auch eine große Geste, da muss man als Empfänger erstmal sortieren, was das bedeutet.

Ich finde auch, eine Widmung ist wie ein Tattoo. Man muss sich seiner Entscheidung verdammt sicher sein, man läuft ja sein restliches Leben damit herum. Darum ist meine auch so minimalistisch – wäre blöd, wenn man etwas reinschreibt, das einem in dem Moment furchtbar poetisch, in 20 Jahren aber bloß albern vorkommt. Im nächsten Buch wird es keine Widmung geben. Es wird eine Art Schauer- oder Horrorroman – den würde ich niemandem widmen wollen.

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Katharina Hartwell, 30, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2013 erschien ihr Romand "Das fremde Meer", der begeistert aufgenommen und mit Preisen ausgezeichnet wurde.



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Widmung im Roman "Es war einmal Indianerland"

Nils Mohl

Eine Widmung ist wie eine kleine Geheimbotschaft an nur einen einzigen Leser. Und weil man davon ausgeht, dass der die versteht, bin ich immer sehr für schlichte Lösungen. Im schlimmsten Fall sorgen Widmungen dafür, dass man als Leser schon vor dem eigentlichen Text gegen den Text eingenommen ist. Weil man sich fremdschämt, wenn zum Beispiel ein bescheuerter Kosename fällt oder ein gewollter Witz versucht wird.

Ich schreibe die Widmung immer erst ganz zum Schluss vor den Text. Selbst wenn ich schon sehr früh weiß, wem ich ein Buch widmen möchte – wie zum Beispiel bei „Indianerland“. Lustigerweise war meine Schwester ehrlich gerührt und trotzdem ein wenig überrascht, dass ihr der Roman gewidmet ist. Dabei verdankt die Geschichte ihr wirklich eine ganze Menge.

Wiebke und ich sind am Stadtrand von Hamburg aufgewachsen. Jenfeld, Plattenbausiedlung. Die Umgebung ähnelt stark dem Setting des Romans. Der Held von „Indianerland“ ist ein talentierter Boxer, und der Sport bietet ihm eine Perspektive auf ein Leben mit mehr Möglichkeiten, als die meisten Menschen in seiner Nähe haben. Dafür kämpft er hart. Bei Wiebke war es ganz ähnlich. Mit dreizehn fing sie an, Querflöte zu spielen. Mit imponierendem Fleiß und Hartnäckigkeit. Stundenlang hat sie Intervalle und Tonleitern geübt, mit Blick auf die Hochhäuser ringsum. Ich, der ältere Bruder, lag im Zimmer nebenan oft auf dem Bett und habe mich gefragt, was genau sie wohl antreibt. Vermutlich hat mich ihr Ehrgeiz mit angestachelt, später meinen Weg als Autor zu gehen.

Insofern ist diese Widmung auch eine Verbeugung. Ein Dank. Und klar: Im Herzen widmet man all seine Bücher ja immer denen, die einem nah sind. Das wissen die. Und denen wird es deshalb egal sein, ob sie nun im Buch explizit erwähnt werden oder nicht.  

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Nils Mohl, 44 hat Literatur und Kulturmanagement studiert und war danach in verschiedenen Branchen tätig. Sein Roman "Es war einmal Indianerland" war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.



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Widmung aus dem Roman "Sei mein Frosch"

Julia Bähr

Ich liebe Widmungen und lese sie immer. Danksagungen übrigens auch, obwohl das in der Regel nur eine Liste von Namen ist, die mir nichts sagen. Im schönsten Fall hängt beides ja mit dem Inhalt des Buches zusammen. Anna Gavaldas „Ein geschenkter Tag“ ist zum Beispiel eine Liebeserklärung an Geschwister. So etwas, finde ich, muss man eigentlich seinen Geschwistern widmen, so man welche hat. Stephen King hat „Es“ seinen damals noch sehr kleinen Kindern gewidmet. Fand ich auch interessant.

„A., die einzig wahre Anwaltsgranate“ ist eine Freundin, mit der ich Journalistik studiert habe, die dann aber Anwältin geworden ist. Das Wort „Anwaltsgranate“ taucht tatsächlich im Buch auf. Die Protagonistin wird so genannt, als sie sich mal hübsch macht. Und wir nennen A. auch manchmal so, wenn sie zu unseren Treffen im Freundeskreis, bei denen wir alle im Journalisten-Kapuzenpulli-Look dasitzen, direkt aus der Arbeit kommt – also noch im Anwalts-Stil. Durch sie habe ich die Idee bekommen, dass die Protagonistin Anwältin sein sollte. Damit enden die Parallelen aber auch, deshalb habe ich ihren Namen nicht ausgeschrieben. A. hat außerdem die juristischen Fakten noch mal gegengecheckt, damit ich mich vor anderen Anwälten nicht blamiere.

Ich habe trotzdem ein bisschen überlegt, wem ich das Buch widmen soll. Es gibt ja Leute, die es immer verdient hätten: Mütter zum Beispiel, oder Lebenspartner. Wenn es, aber jemanden gibt, der das besonders verdient hat, weil er eine tolle Idee beigesteuert oder eben Fakten überprüft hat, dann sollte er auch auftauchen. A. hat von der Widmung übrigens erst erfahren, als ich ihr das fertige Buch überreicht habe. Sie hat gelacht.

 

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Julia Bähr, geboren 1982, hat das Schreibhandwerk auf der Deutschen Journalisteschule in München gelernt und arbeitet als freie Journalistin in den Bereichen Kultur und Gesellschaft. "Sei mein Frosch" ist ihr zweites Buch.
 



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Widmung aus dem Roman „Das erotische Talent meines Vaters“

Björn Kern

Eine Widmung ist zugleich Dank, Aufklärung und Beschwichtigung; Grund genug für eine kleine Aufmerksamkeit, vielleicht. Für den Leser ist sie meist unergiebig, für den Autor ist sie eine sehr private Form der öffentlichen Kommunikation.

Ich habe nicht lange darüber nachgedacht, wem ich mein Buch widme. P. ist ein liebenswürdiger Mensch, der meinen könnte, im Roman eine Rolle zu spielen, was natürlich ein Irrtum ist. Ich habe keine 30 Sekunden über die Formulierung nachgedacht. Die Abkürzung schützt P., aber auch das Buch. Tatsächlich habe ich mich ganz am Schluss für P. entschieden. Wäre der Roman um Nuancen anders geworden, wäre er P. nicht gewidmet worden. Ich denke, dass das Buch ohne P. ein anderes geworden wäre.

Das nächste Buch widme ich aber nicht P., diesmal sind andere dran. Meine Freundin beschwert sich seit einiger Zeit darüber, dass ich ihr noch nichts gewidmet habe.
Aber eine Widmung für sie wäre bei den bisherigen Texten zu billig gewesen. Die Widmung erhält ihren Wert ja nicht durch sich selbst, sondern durch den Bezug der Person zum Buch.

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Björn Kern, 37, machte seinen Zivildienst in einer Psychatrie in Südfrankreich. Später absolvierte er sein Studium mit einem M.A. in Literaturwissenschaften und Geschichte in Tübingen, Passau und Aix-en-Provence. Seine Bücher wurden u.a. mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet. "Das erotische Talent meines Vaters" kam auf die Bestenliste des SWR. Er lebt heute in Südbaden und Berlin.


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Widmung aus dem Roman „Es bringen“

Verena Güntner

Widmungen sind eine schöne Sache. Mir selbst wurde auch mal was gewidmet, ein Song – aber ich verrate nicht, welcher und von wem.

Je nachdem, was da steht, überlegt man sich ja sofort eine Geschichte dazu. Dass ich meinen Roman widme, habe ich im letzten halben Jahr entschieden. Ohne meine Freunde hätte es das Buch nicht gegeben. Lange habe ich nur im Stillen geschrieben, aber als ich ihnen dann etwas gezeigt habe, waren sie es, die mir den letzten Schubs gegeben haben, die Texte auch mal wohin zu schicken. Ich wollte die Widmung dann bewusst sehr weit fassen – so kann jeder entscheiden, ob er sich dazuzählt oder nicht (lacht). Eigentlich stand dahinter noch ein Punkt: Für meine Freunde. Punkt. Der ist aber dem Lektorat zum Opfer gefallen.

Die Widmung passt außerdem gut, weil es in meinem Buch auch um Freundschaft geht. Es hat zwar keine autobiografischen Züge, aber natürlich finden sich, wenn auch niemals 1:1, Erinnerungsfetzen aus meiner Jugend darin. Deshalb sind auch die Freunde von damals gemeint, die dürfen sich also angesprochen fühlen, auch, wenn wir heute gar nichts mehr miteinander zu tun haben.


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Verena Güntner erreichte 2012 die Finalrunde beim OpenMike in Berlin, 2013 machte sie den dritten Platz beim MDR-Literaturpreis und gewann im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs den renommierten Kelag-Preis. Als freischaffende Schauspielerin ist sie regelmäßig auf den Bühnen des Staatstheaters Wiesbaden und des Theaters Bonn zu sehen. Ihr Debütroman “Es bringen” erschien im August 2014.




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Widmung aus dem Roman „Blutorangen“

Verena Boos


Die Widmung ist der letzte Satz im Buch, der Abschluss meines Schlussworts. Vorangestellt habe ich ein Motto, und hinten ist es außerdem eher eine Verbindung aus Widmung und Dank und nicht ganz so in-your-face-mäßig wie vorne.


Meinem Mann hat die Widmung gefallen. Er hat jetzt keinen Freudentanz aufgeführt, aber das passt auch zu seiner Art. Er war eher verschmitzt, und ich denke, es bedeutet ihm schon etwas.

Die Formulierung habe ich in der Lektoratsphase ausgearbeitet und zwei, drei Mal dran rumgebastelt. Sie entspricht einfach der Rolle, die er im Zuge des Projekts eingenommen hat und für die ich ihm dankbarer bin als allen anderen. Er war immer mein erster Leser, der ruhende Pol, und er hat von Anfang an an das Projekt geglaubt. Ohne ihn wäre das Buch vielleicht nicht oder zu einem anderen Zeitpunkt entstanden. Ich habe nämlich meine Festanstellung gekündigt, bin von München nach Frankfurt gezogen, habe mich parallel selbständig gemacht und dieses Buch geschrieben – es ist müßig zu spekulieren, wie es ohne ihn gelaufen wäre, aber er war meine wichtigste Konstante in dieser Zeit.

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Verena Boos, 37, arbeit als Journalistin, Referentin und Autorin. Sie hat am Klagenfurter Literaturkurs und der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung teilgenommen, wurde für die Bayerische Akademie des Schreibens ausgewählt und las 2012 beim OpenMike. Ihr Debütroman “Blutorangen” ist gerade erschienen.


Text: jetzt-redaktion - Fotos: Jacintha Nolte, Denise Henning, Tobias Bohm, M. Röleke,