Wenn aus Freundschaft Arbeit wird

Nach dem Abschluss gründen viele Studienfreunde ein Unternehmen. Das geht oft gut und manchmal schief, wie die Geschichten von Kristine, Julia und Nina zeigen
kathrin-hollmer

Kristine Sollund, 29, und Julia Fiedler, 26, sind seit der Schulzeit beste Freundinnen. Schon immer haben die zwei Augsburgerinnen fast alles zusammen gemacht, sie haben sogar miteinander Mode Design an der AMD München studiert. Die beiden waren gemeinsam Kurssprecher, haben zusammen die Abschlussmodenschau ihres Jahrgangs organisiert und ihren Studiengang auf der Londoner Graduate Fashion Week vertreten. Dabei haben die Freundinnen gemerkt, dass sie sich nicht nur gut verstehen, sondern auch, dass sie gut zusammenarbeiten. „Jede von uns träumt schon lange von einem eigenen Modelabel. Nach dem Studium war einfach klar, dass wir unsere Idee gemeinsam umsetzen“, sagt Kristine. Seit ihrem Abschluss jobben sie in einem Sportladen und planen nebenbei ihr Label. Noch vor dem Sommer wollen sie ihre erste Kollektion vorstellen.

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Illustration: Julia Schubert

Studienfreunde machen sich gerne zusammen selbstständig. Das geht oft gut und manchmal auch ziemlich schief.

Wie Kristine und Julia machen sich viele Studenten selbstständig, teilweise schon während ihrer Studienzeit. Nicht immer geht solch ein Vorhaben gut. Nina Knott (Name geändert), 28, arbeitete nach dem Studium in verschiedenen Redaktionen, bevor sie 2011 mit einer Freundin eine Textagentur gegründet hat. Beide hatten gehofft, in ihrer eigenen Firma endlich ihren Lieblingsthemen nachgehen zu können. Fest angestellt war das nur selten möglich.

Doch auch im Zweier-Team hat es am Ende nicht geklappt.

Am Zentrum für Innovation und Gründung an der TU München („UnternehmerTUM“) begleitet Gunda Opitz Studenten, die eigene Unternehmen gründen wollen. „Die Studenten wissen, dass sie keine lebenslange Arbeitsplatzgarantie mehr haben, darum gibt es fast an jeder Uni Unterstützung für Gründer, zum Beispiel Businessplanseminare“, sagt sie. Immer wieder erlebt Gunda Opitz, dass Studienkollegen und Freunde zusammen eine Firma gründen, sie kennt gute und schlechte Erfahrungen. Sie weiß, welche Probleme eine Gründung birgt.

„Mit einem Freund eine Firma aufzubauen klingt natürlich toll“, sagt sie. Opitz sieht es als Vorteil, wenn sich die Partner gut kennen. Das reicht aber nicht immer: „Freunde, die sich vor allem von Partys kennen, arbeiten nicht automatisch gut zusammen.“

Ob man beruflich harmoniert, merkt man erst bei gemeinsamen Projekten. In den meisten Studiengängen ist Projektarbeit deshalb inzwischen in den Studienplan integriert. Das beeinflusst die Entscheidung, sich selbstständig zu machen, sagt Gunda Opitz: „Studienprojekte sind wie ein Test für eine Gründung, weil schon da Fragen auftauchen wie: Kann ich mit dem anderen auch unter Stress arbeiten, wenn die Abgabe der Projektarbeit näherrückt? Hält der andere Absprachen ein? Kann ich ihm vertrauen?“

Diese Erfahrung war für Kristine und Julia wichtig. Ihre gemeinsamen Semesterarbeiten empfinden sie im Nachhinein als Probelauf. Julia erinnert sich: „Nach drei Jahren mit vielen gemeinsamen Projekten kennen wir die Stärken und Schwächen der anderen ganz gut und wissen, worauf wir uns einlassen.“ Auch Judith Jacobs, 25, und Mery Reif, 27, sind froh um diese Erfahrung. Die Freundinnen haben zusammen Raumkonzept und Design studiert und oft bei Semesterprojekten zusammengearbeitet. Schon während ihres Studiums hatten sie die Idee für ein eigenes Designlabel. „Durch unsere gemeinsamen Semesterarbeiten haben sich unsere Interessen und sogar unsere Designsprache in dieselbe Richtung entwickelt“, sagt Mery. Seit Juni 2011 arbeiten die Freundinnen an ihrem Label „Vika Frallow“, mit dem sie Möbel, aber auch Muster und Stoffe entwerfen wollen. Im Februar ging ihre Homepage online.

Eine Zusammenarbeit bedeutet allerdings nicht immer, dass man die gleichen Ziele hat. Bei der Journalistin Nina Knott war das der Grund, warum ihre Firma gescheitert ist. „Wir wollten uns endlich auf unsere Interessen konzentrieren, doch in unserer Agentur mussten wir so viele Themen abdecken, dass das nicht mehr möglich war. Irgendwann haben sich unsere Schwerpunkte in unterschiedliche Richtungen entwickelt“, sagt Nina. Nach einem Jahr hat sie ihre Anteile verkauft. Gerade plant sie eine neue Firmengründung – allein.

Gunda Opitz erlebt immer wieder, dass Partner gar nicht dieselben Ziele verfolgen. „Das lässt viele scheitern, bevor sie richtig angefangen haben“, sagt sie. „Wer eine Firma gründet, muss Erwartungen und Ziele von Anfang an festlegen: Will man ein Zweimannbetrieb bleiben oder mehr Mitarbeiter einstellen? Will man schnell wachsen und Geld verdienen oder ist es ein Lebenstraum, den man verwirklicht?“



Kristine und Julia erfüllen sich mit ihrem Label einen Traum, an dem sie schon seit ihrer Studienzeit arbeiten. Die zwei Freundinnen haben nicht nur dieselbe Vorstellung vom Konzept ihres Labels, sondern auch von ihrer ersten Kollektion. „Tragbar und minimalistisch, mit vielen Basics“, sagt Julia und Kristine ergänzt: „Sachen, die man miteinander kombinieren kann, für Frauen, Männer und Kinder.“ Die Farbkarte für die erste Kollektion haben sie unabhängig voneinander fast gleich gewählt. Das klingt nach viel Harmonie. Aber auch zuviel Einklang und Ähnlichkeit können Probleme mit sich bringen.

„Die Studenten suchen sich häufig Partner, die ihnen zu ähnlich sind“, warnt Gunda Opitz. „Neben der Finanzierung und fehlenden Kontakte zu potentiellen Kunden scheitern Gründer-Teams oft daran, dass die falschen Typen zusammenarbeiten.“ Ein Unternehmen aufzubauen erfordert unterschiedliche Kompetenzen und Rollen, betont Opitz. „Gründung ist Teamsport und am besten funktionieren interdisziplinäre Teams, in denen sich die Profile der Mitglieder ergänzen. Einmal habe ich zwei Studenten gehabt, die sich selbstständig machen wollten, zwei richtige Tüftler. Das reicht aber nicht für eine Firma. Natürlich ist die Produktentwicklung ein wichtiger Bereich, aber der Verkauf, der Kontakt mit Kunden und die Suche nach Kapitalgebern ebenso. Das erfüllen zwei Studienkumpels nicht immer.“

Kristine und Julia sind beide Modedesignerinnen. Aber sie haben in ihrer Arbeit unterschiedliche Stärken entwickelt. Kristine kümmert sich um die Damenkollektion, Julia um die Herrenmode, Kristine kann besser mit dem Computer umgehen, macht Grafiken und ist organisierter, Julia eher künstlerischer und stärker im Zeichnen. Das allein macht natürlich noch kein Label. „Bei Pflichtaufgaben wie Bürokram und Organisatorischem wechseln wir uns einfach ab, bisher hat das ganz gut geklappt“, sagt Julia. Wie zwei Schwestern reden sie über alles, Berufliches und Privates, auch wenn es unangenehm ist. Oft ist das aber gar nicht nötig. „Wir diskutieren meistens nicht lange, Vieles passiert einfach“, sagt Kristine. Mit Aufgabenverteilen halten sie sich selten auf, weil sie wissen, was die andere lieber mag oder besser kann. Trotzdem empfiehlt Gunda Opitz, dass auch Freunde klare Regeln festlegen. „Ich warne immer vor der Gefahr, dass Freunde wesentliche Punkte nicht klären, weil sie sich ja gut verstehen. Konflikte gibt es immer.“ Opitz rät, die Verteilung der Anteile, Arbeitszeiten und Verantwortlichkeiten sowie des Gehalts am besten schriftlich festzuhalten. „Über solche Details denken Freunde oft nicht nach. Wenn man emotional verbunden ist, ist es schwierig zu verhandeln“, sagt sie und schlägt vor, auch zu regeln, wie man sich trennt, falls es nicht klappt.

An solche Szenarien denken Kristine und Julia noch nicht. Inzwischen haben sie ein Atelier gefunden und müssen nur noch die Finanzierung und den öffentlichen Auftritt planen. Sollten sie mit ihrem Label scheitern, machen sie sich keine Sorgen um ihre Beziehung. „Wir waren schon vorher beste Freundinnen und glauben zwar an unsere Idee, aber noch mehr an unsere Freundschaft.“

Nina Knott und ihre ehemalige Geschäftspartnerin konnten nach der beruflichen Trennung ihre Freundschaft retten, weil sie auch bei Problemen nicht geschwiegen haben. „Eine so intensive Zeit prägt einen sehr stark. Missverständnisse gibt es immer. Wir haben es immer gleich gesagt, wenn etwas nicht passt. Auch, dass wir uns in verschiedene Richtungen entwickelt haben.“

Text: kathrin-hollmer - Foto: Seleneos/photocase.com

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