Wenn Jungs schwanger werden

Franz, Max und Jan sind ungeplant Vater geworden. Hier erzählen sie, wie das Kind ihr Leben veränderte
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Die ungeplante Schwangerschaft hat in der Ausrüstungskiste der kulturellen und gesellschaftlichen Debatten ihren festen Platz: Eine der berühmtesten Figuren der Literatur ist das Gretchen mit ihrem Kindsmord; kaum ein Recht ist so umstritten wie das auf Abtreibung; die Frage „Was tu’ ich, wenn ich schwanger werde?“ stellt sich jedes Mädchen, sobald sie in Erwägung zieht, Sex zu haben. Und der Film Juno über eine 16-Jährige, die von ihrem Kumpel schwanger wird und beschließt, das Baby auszutragen und einem älteren Ehepaar zur Adoption zu geben, ist so etwas wie eine Kinosensation. Was nun auffällt: Geht es um Babys, zumal ungeplante, dreht sich alles um die Mütter. Ihr Umgang mit der Schwangerschaft und ihre Entscheidungen stehen im Mittelpunkt der Diskussionen. Sowieso wird in Deutschland viel über Mütter gesprochen und geschrieben: über junge Mütter, über Karrieremütter, über Leihmütter, über alleinerziehende Mütter. Seit bald zwei Jahren gibt es eine Debatte darüber, wie viele Kinderkrippen es braucht, wenn man die demografische Entwicklung korrigieren und nebenbei die Gleichberechtigung der Geschlechter gewährleisten will. So gibt es jetzt immerhin zwei Vätermonate und Elterngeld und ein vages Versprechen für mehr Betreuungsplätze, doch trotzdem richtet sich die Diskussion immer noch und vor allem an der Rolle der Mutter aus. Erst vor kurzem betitelte das Magazin Spiegel eine Geschichte über die Entwicklung von Kleinkindern so: „Wie viel Mutter braucht das Kind?“ Aber was passiert eigentlich mit einem Jungen, der ein Kind gezeugt hat?

Illustration: Julia Schubert

Nur selten wird, bei aller Rede von „Elterngeld“ und „Vaterzeit“, die Rolle der Väter beleuchtet. Vor allem vielen jungen Vätern hängt ein tendenziell schlechter Ruf an, schließlich kennt fast jeder eine alleinerziehende Mutter, die vom Erzeuger ihres Kindes sitzen gelassen wurde. Junge Männer stehen deshalb häufig im Ruch, kein Interesse an einer eigenen Familie zu haben und ihre Liebe zur Freiheit der Liebe zur Frau vorzuziehen. Dabei weiß man zum Beispiel bei der Schwangerenkonfliktberatung von Pro Familia in München Positives über die werdenen Väter zu erzählt. „Wir erleben die jungen Männer hier als sehr kooperativ und interessiert“, sagt eine Beraterin. Nach ihren Angaben kommen etwa zwanzig Prozent der Jungen gemeinsam mit den Schwangeren zur Beratung. „Alleine kommen die wenigsten Jungs bei uns vorbei. Und wenn, dann nur bei sehr zerrütteten Beziehungen, wenn es um die Frage geht: Ist das Kind von mir? Oder: Wie schaffe ich es, mein Kind noch zu sehen, obwohl ich kein Sorgerecht habe?“ Generell reagierten die jungen Männer „mit einer Mischung aus Angst vor den Eltern und einem Gefühl der finanziellen Insuffizienz“ auf den Nachwuchs. Und mit ein bisschen Distanz: „Für Frauen ist eine Schwangerschaft eben ein Ganzkörperereignis. Für Jungs ist das weit weg, bis das Kind dann kommt.“ Wie ergeht es jungen Männern, die plötzlich Vater werden? Drei Erfahrungen. „Anfangs Beklemmungen“ Max, 24, lebt mit seiner Freundin Sarah, 26, und der gemeinsamen Tochter Annika, 3 Jahre, in Hamburg: „Sarah war die erste Person, die ich an meinem ersten Zivildiensttag in einem Hamburger Altersheim sah. Erst waren wir gute Kumpels, dann wurde langsam eine Beziehung daraus. Als der Zivildienst vorbei war, und ich zum Studieren zurück nach München ziehen musste, beschlossen wir erst einmal eine Fernbeziehung zu führen. Zum Oktoberfest besuchte sie mich, und dann, zwei Tage vor Semesterbeginn rief sie mich an – mit der Nachricht. Wir beschlossen, uns zwei Wochen Zeit zu lassen und unabhängig voneinander nachzudenken. Wir telefonierten zwar regelmäßig, aber keiner von uns versuchte, mit dem anderen über die Schwangerschaft zu sprechen. Ich wohnte zu dem Zeitpunkt noch übergangsweise bei meinen Eltern in einem Münchner Vorort und die beiden nahmen mich morgens immer in die Uni mit. Dabei schwärmten sie mir gerne vor, was mich als Student für ein wildes Lotterleben erwartete und ich saß hinten und dachte mir nur: Tja, das glaubt ihr so. Sarah und ich haben dann gemeinsam beschlossen, es durchzuziehen. Meine Eltern habe ich vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich ging zu meiner Mutter und sagte: „Ich muss mit dir reden“. Mehr musste ich gar nicht sagen, sie hat es mir irgendwie angesehen. Mein Vater kam gerade zur Tür herein als ich meinte: „Genau, du wirst Oma“. Er hat erstmal einen milden Schock erhalten, ging dann eine Runde um den Block, kam wieder rein und meinte: Ja, gut, dann machen wir das. Anfangs hatte ich durchaus Beklemmungen. Aber nicht, weil ich nun an Sarah gebunden war – Probleme hat man mit jedem Partner irgendwann. Aber ich hatte Angst, dass ich auf meine Träume, Wünsche und Pläne würde verzichten müssen. Ich dachte mir: Wie bekomme ich es hin, mein Leben noch so zu gestalten, dass ich zufrieden bin? Aber das legte sich wieder. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, ein Familienleben zu führen. Und schließlich war das auch immer ein Wunsch von mir. Schon seit meiner Kindheit wollte ich Vater werden. Jetzt kann ich sagen: Abgehakt, das hab’ ich hinbekommen. Jetzt verwirkliche ich mich an der Uni und im Job und helfe Sarah auch dabei, ihre Wünsche zu erfüllen. Klar, Backpacken, Auslandssemester, Party machen – das ist nicht drin. Ich gehe zwar hin und wieder noch aus, aber der Bedarf ist auch nicht so hoch. Manchmal fehlt es mir ein bisschen, auch mal mit Sarah auszugehen, denn das klappt in Hamburg nicht. Wir haben hier niemanden, dem wir unser Kind abends gern überlassen. Unser Alltag ist sehr gut organisiert. Sarah geht jeden Morgen arbeiten, und bringt Annika in die KiTa. Ich gehe in die Uni und zwei Mal die Woche zu meinem Job, und hole die Kleine abends wieder ab. Die ersten eineinhalb Jahre haben wir uns gemeinsam um Versorgung und Haushalt gekümmert. Deswegen finde ich diese ganze Debatte um die Vätermonate ein bisschen albern. Ist ja schön, dass sich die Männer dann wenigstens zwei Monate Zeit nehmen, aber das ist eigentlich viel zu wenig. Ich finde, jeder Vater sollte für einen längeren Zeitraum Zuhause bleiben. Denn nur dann bekommt man wirklich mit, dass so ein Kind ein Fulltimejob ist. Aber ein schöner: Das Tollste am Vatersein ist, dass es auf einmal einen Menschen gibt, den man mehr als alles auf der Welt liebt. Für diesen Menschen hinterfragt man jede Handlung: Gebe ich jetzt das Geld für die neuen Turnschuhe aus? Ach, nein, lieber bekommt sie ihr Playmobil. Auf der nächsten Seite erzählt Jan, 34, der seine Tochter alleine erzieht.


„Zyklus voll unter Kontrolle“ Jan, 34, aus Stuttgart erzieht seine heute 12-jährige Tochter Rita alleine: „Das war natürlich toll, als 20-Jähriger eine Frau abzubekommen, die sechs Jahre älter war als ich. Sina war erfahren und auch ein bisschen dominant. Sie erklärte mir, wir brauchten nicht zu verhüten – sie hätte ihren Zyklus voll unter Kontrolle – und ich glaubte ihr gern, schließlich war sie schon so erfahren und reif. Nach einem dreiviertel Jahr war Sina schwanger und machte mir schnell klar, dass sie vorhatte, das Kind zu behalten. Ich will ihr nichts unterstellen, aber manchmal denke ich heute, dass ihr Entschluss für sie auch eine Möglichkeit darstellte, ihr Leben zu verändern und weniger zu arbeiten. Ich war verliebt und dachte: Gut, dann gründen wir jetzt eben eine Familie. Daraus wurde nicht viel. Schon während der Schwangerschaft lehnte Sina mich immer stärker ab, unser Verhältnis wurde schwierig. Sie war fest entschlossen, alles alleine auf die Reihe zu bekommen und ich zog mich dann auch schnell aus den Organisationsfragen zurück. Als werdende Eltern stehen ja unheimlich viele Beratungen zur Verfügung. Dazu kommen Behördengänge, die man erledigen muss – aber Sina machte das alles selbst. Wir hatten eine sehr romantische Hausgeburt geplant und ich wollte auch dabei sein, doch dann kam es anders: Nach 22 Stunden Wehen wurde Sina ins Krankenhaus gebracht und bekam einen Not-Kaiserschnitt. Das Baby musste vier Wochen auf der Station bleiben und weil Sina nach der Geburt ziemlich schwach und depressiv war, habe ich mich um die Kleine gekümmert. Sobald Rita auf der Welt war, habe ich mich voll und ganz als Vater gefühlt. Obwohl Sina und ich einiges versuchten, brach unsere Beziehung zunehmend auseinander. Wir lebten zwei Jahre in Hamburg und beschlossen dann, beide nach Stuttgart umzuziehen. Dort teilten wir uns eine Weile eine Wohnung, trennten uns dann aber wieder. Ich habe Rita dann fast jeden Tag nach der Arbeit besucht und hatte sie an den Wochenenden oft. Sina und ich hatten auch immer mal wieder Sex miteinander und ich wünschte mir damals sehr, dass wir zueinander finden und endlich eine richtige Familie bilden würden. Doch nach etwa drei Jahren war mir klar, dass es vorbei war. Ich zog nach Göttingen und fing dort ein Studium an. Rita besuchte ich alle zwei Wochen. An jedem dieser Wochenenden musste ich also fast 800 Kilometer zurücklegen. Neben dem Studium arbeitete ich natürlich viel, denn ich musste ja nicht nur mich versorgen, sondern auch den Unterhalt für Rita zahlen. Auf all die schönen Abenteuer und Genüsse, die andere Leute zwischen zwanzig und dreißig erleben, habe ich weitestgehend verzichtet. Jeden Urlaub habe ich mit meiner Tochter verbracht und als Wochenendpapa war ich für das Actionprogramm zuständig. So ein Verwöhnpapa bin ich aber nie gewesen, ich habe Rita, so weit es ging, miterzogen. Die ersten fünf Jahre nach der Trennung hatte ich keine Beziehung mehr zu einer anderen Frau. Und als ich endlich mal wieder eine kennenlernte, wurde es schnell schwierig. Frauen wollen eben oft gerne die Prinzessin sein. Ich verstehe das ja auch, aber wenn du ein Kind hast, ist das eben immer und überall die Nummer Eins. Vor einem Jahr, ich wurde gerade mit meiner Promotion fertig, sagte mir Rita, dass sie gern bei mir wohnen würde. Obwohl ich Stuttgart eigentlich hasse, bin ich also wieder dorthin gezogen. Jetzt lebt meine Tochter bei mir. Ich finde das schön, aber das Leben als Alleinerziehender ist wirklich hart. Meine Ex zahlt mir keine Unterstützung, und außer Geld verdienen muss ich auch alles alleine machen, einkaufen, kochen, erziehen. Zeit für mich habe ich eigentlich nicht, aber daran habe ich mich schon gewöhnt. Irgendwann würde ich gerne wieder ein Kind bekommen mit einer Frau, die ich liebe. Aber vorher will ich wissen, ob die Beziehung klappt. Denn beim nächsten Mal will ich eine richtige Familie. In der man eben alles miteinander teilt: das Glück, aber auch die Arbeit. Denn nicht ein Kind zu haben, schränkt dich ein – sondern wenn keine Familie da ist.“ Auf der nächsten Seite erzählt Franz, 23, der vor zwei Jahren Vater wurde und im vergangenen Dezember die Mutter seines Sohnes geheiratet hat.
„So früh unterm Pantoffel?“ Franz, 23, lebt mit seiner Frau Daniela, 20, und dem gemeinsamen Sohn Ryan, 2 Jahre, nahe Augsburg: „Als wir Brian vor zwei Jahren bekamen, war er kein Wunschkind – naja, zumindest nicht so früh. Er war eine Überraschung. Mit spätestens 25 hätte ich sowieso ein Kind haben wollen, abtreiben kam also nicht in Frage. Er kann ja nichts dafür. Als ich es erfuhr, stand mir ein verlängertes Wochenende bevor. Ich kam in unsere Wohnung und wusste, dass Daniela beim Frauenarzt war. Sie hat mir gleich mit dem Mutterpass vor der Nase gewunken. Ich sagte: „Jetzt echt, oder?“ Sie war in der 13. Woche und ich fragte noch mal: „Jetzt echt?“ Sie sagte ja und ich sagte: „Ja cool!“ Zu der Zeit kannten wir uns schon zwei Jahre – Daniela hat mein Leben sehr erlebnisreich gemacht. Sie ist mit 16 zu mir gezogen, weil sie ziemlich viele Probleme mit ihren Eltern hatte. Vorher sagte sie immer, dass sie am liebsten abhauen möchte und ich sagte zu ihr: „Komm’ lieber zu mir, bevor du zu irgendeinem anderen Deppen ziehst oder auf die schiefe Bahn gerätst. Wir stehen das beide durch. Ich helf’ dir.“ Zu der Zeit waren wir erst drei Monate zusammen. Nun sind daraus vier Jahre geworden und wir haben vergangenen Dezember geheiratet und wohnen immer noch in meiner Wohnung, in die ich mit 15 gezogen bin. Mit dem damaligen Mann meiner Mutter habe ich mich am Ende nicht mehr verstanden. Ich bin zu meiner Schwester gezogen, sie ist später ausgezogen und ich hatte die Wohnung schließlich für mich. Zu der Zeit fing auch meine Ausbildung zum Schreiner an und das Alleinsein hat mir, rückblickend, echt gut getan. Ich wurde mir über einiges klar. Daniela und ich haben uns schon sehr früh gesagt, dass wir Kinder haben wollen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir beide sehr zeitig von Zuhause ausgezogen sind, ich bin mir da aber nicht sicher. Mit 35 Jahren ist für ein Kind die Geduld einfach weg; aufbleiben, wenn es in der Nacht schreit, das schafft man doch besser, wenn man jung ist, oder? Die Reaktionen meiner Freunde waren geteilt. Die einen können sich nicht vorstellen, so früh unter dem Pantoffel zu stehen. Andere meinen, dass es cool wäre, auch eine Freundin und Kinder zu haben. Mädchen machen sich tiefere Gedanken und wohl auch nicht von ungefähr. Ich war ab und zu bei der Pro Familia-Beratung in Augsburg dabei, da sieht man, dass viele alleinerziehend sind. Weil viele Jungs abspringen. Ich finde das Scheiße. Wenn es mit dem Partner nicht mehr klappt, kann man sich so einigen, dass man sich zumindest unterstützen kann mit dem Kind. Das müsste schon unter einen Hut zu kriegen sein. Meiner Meinung nach braucht ein Kind auf jeden Fall eine männliche Bezugsperson. Als Mann schwanger zu sein ist, finde ich, ein cooles Erlebnis. Gut, den Bauch möchte ich ja nicht wirklich so lange rum tragen – aber ich würde gerne spüren, wie es sich anfühlt, wenn das Baby im Bauch trabt!“

Text: meredith-haaf - und peter-wagner

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