Wer duscht eigentlich am Hauptbahnhof?

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Fünf Minuten im Foyer von McClean reichen für die Vermutung, dass nicht der Tod der größte Gleichmacher ist, sondern das Hygienebedürfnis. Bauarbeiter, Rentnerinnen, Schulschwänzer und Geschäftsfrauen passieren im Sekundentakt die Glasschiebetür mit den beiden aufgemalten GeschlechterPiktogrammen. Die drei Angebote sind klar definiert: WC 1,10 Euro – Pissoir 0,60 Euro – Dusche 7 Euro. Ebenso die drei Wiedererkennungsgeräusche der Schweizer Bedürfnisfiliale: Das Münzgeschepper im Wechselautomat, das „Flatsch“ des Wischmops und das Lachen von Ute, die den Lappen über die blauen Bodenkacheln wienert.

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Illustration: Julia Schubert

Foto: Maria Dorner, Porträts: david-weigend Ute, 47, hat heute Morgen um 6 Uhr ihre Schicht angetreten. Sie arbeitet in einer Bahnhofstoilette mit strategisch günstiger Lage: direkt an der Rolltreppe, die vom Zwischengeschoss des Hauptbahnhofs zu den Gleisen fährt. Tausende kommen hier täglich vorbei, „wie ein Bienenschwarm“, sagt Ute. Wer nicht genau hinschaut, könnte McClean für den Eingangsbereich eines städtischen Hallenbads halten; wegen der Drehkreuze und Utes weißen Bademeisteroutfits. Doch die vermeintliche Schwimmhalle endet bei den drei Duschen. Wer duscht hier eigentlich? Neben dem größten Gewusel der Stadt und unter dem Grollen der Fernzüge? 11.00 Uhr: Slavko Petkovic, 65 Jahre, Unternehmer

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Illustration: Julia Schubert

„Seit Januar habe ich keine eigene Dusche. Ich habe im Westend zwei Gewerberäume bezogen. Bisher hatte ich aber noch keine Zeit, mir dort eine Duschkabine einzurichten. Deshalb gehe ich häufig ins Müllersche Volksbad. Das hat aber nicht lang genug geöffnet. Deshalb bin ich gezwungen, hierher zu kommen. Einmal die Woche für 20 Minuten, sonst muss man draufzahlen. In dieser kurzen Zeit kann ich die beiden Flüssigseifen, die ich am Empfang bekomme, gar nicht richtig benutzen. Außerdem gibt es keinen Stuhl in der Dusche, das stört mich. Ich mache Hausmeister- und Reinigungsdienste. Leider habe ich Steuerschulden. Ich bin ein armer Mann. Als Kleinunternehmer habe ich es nie geschafft, mich zum Manager hochzuarbeiten. 1969 bin ich von Serbien nach München übergesiedelt. Es gibt vier Kinder, die meinen Namen tragen. Ob das meine Kinder sind, kann ich aber nicht beurteilen.“ Ute, Herrin über 21 Toiletten, ruht sich kurz im Aufenthaltsraum aus. Hier riecht es nach Kaffee und Desinfektionsmittel. Sie erzählt: „Wir haben zwei Männerduschen, eine Frauendusche. Benutzt werden die oft von Bauarbeitern und Schreinern. Es ist ja mittlerweile in Deutschland so, dass man reisen muss, um zur Arbeitsstelle zu kommen. Man hat so seine 100 bis 200 Kilometer zu machen, um was für den Arbeitgeber zu erledigen. Lkw-Fahrer sind auch froh, wenn sie hier morgens mal duschen können. Oder Hotelgäste, die nur eine Flurdusche haben und da nicht mit der Reinlichkeit zufrieden sind.“ Wenn man ihr beim Plaudern zuhört, glaubt man gern, ihr Arbeitsplatz sei der ideale Ort für eine neue Reality-Soap. In westfälischem Platt berichtet sie auch von den kuriosen Dingen, die sich bisweilen dort abspielen, wo ganz München die Hosen runterläßt; berichtet etwa von der kleinen Paula, die fast noch im McClean zur Welt gekommen wäre; von einem Touristen, der seine Füße in der Kloschüssel waschen wollte und bei diesem Versuch mit seinem rechten Fuß ebendort hängenblieb. „Man erlebt hier die dollsten Sachen.“ 12.40 Uhr: Randolf Berglehner, 46 Jahre, Projektleiter

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Illustration: Julia Schubert

„Ich bin eigentlich Informatiker, habe ewig lang studiert. Dann habe ich dieses Buch geschrieben, über Tabledance. Das hat mich voll reingeritten. Ich habe dafür sehr viel Geld investiert. Zuviel. Darum gehe ich ab und zu mal hier duschen. Weil, sonst würd’ ich ja ausschauen wie ein Penner. Ich bin eben ein Wassermann und geh’ durch Wände. Fast ein Jahr lang hatte ich ’ne Beziehung mit einer Rumänin, die 20 Jahre jünger war als ich. Jedes Wochenende bin ich nach Rumänien geflogen. Das hat mich kaputtgemacht. Dieser Stress immer. Ich hab’ mich auch mit der rumänischen Mafia angelegt. Eifersucht, weißt du. Die haben mich verfolgt, aber nicht geschafft, mich umzubringen. Ich arbeite in hier München bei der Bahn. Als ich das Buch gemacht habe, bin ich hier morgens vor der Arbeit auch immer zum Duschen hin, weil ich die ganze Nacht unterwegs war. Zum Beispiel im Tabledance in der Schillerstraße. Die Mädels da sind wirklich sehr sweet. In meinem zweiten Buch geht es darum, wie man sich überschätzen kann. Weil ich mich überschätzt habe. Ich hatte keine Distanz mehr zu den Themen, über die ich geschrieben habe. Wenn du nicht mehr weißt, ob du im Traum lebst oder in der Wirklichkeit, bist du ziemlich schnell am Arsch.“ Ute sagt, auf der Toilette werde das Bild der Gesellschaft zurechtgerückt. Gutverdiener würden das Klo oft in unhygienischem Zustand hinterlassen, wohl mit dem Gedanken: „Ich habe dafür bezahlt, also soll ein anderer das sauber machen.“ Menschen, die auf der Straße leben, sehen das offenbar nicht so: „Da könntest du hinterher vom Klodeckel essen. Kein Papierchen, nix. Picobello.“ 18:30 Uhr: Corado, 40 Jahre, Cellist

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„Ich bin heute früh mit dem Nachtzug aus Bologna gekommen. Der Bayerische Rundfunk hat mich für eine Studioaufnahme mit einem Pianisten eingeladen. Wir haben zwei Konzerte gespielt, eins von Haydn und eins von Schuhmann. Ich bin ziemlich erschöpft und jetzt will ich hier rein, um mich zu duschen und frischzumachen. Denn ich treffe nachher noch eine Freundin, die extra aus Berlin kommt. Morgen früh reise ich zurück nach Italien.“ Das Tageslicht ersetzen Neonröhren, die Jahreszeiten haben sich in seifigem Frühlingsduft aufgelöst. Reinheit, Nüchternheit, McClean. Nicht mal Dudelradio, nur die Spülungen der Pissoirs, das Rauschen der Wasserstrahle, Drehkreuzgeklacker, ab und zu ein Föhn und Zahnputzgescheuer. Hygiene 2006. „Ein wenig Twist oder Rock hier drin wäre gar nicht schlecht“, sagt Ute. 22.10 Uhr: Alexander Look, 47 Jahre

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Illustration: Julia Schubert

„Ich hatte das Bedürfnis, mich zu duschen. Ich habe mich schmutzig gefühlt. Wo ich mich sonst wasche? Nun ja, hier und dort. Ich war das erste Mal da drin. Man kriegt zwei große Handtücher, für die muss man sieben Euro Kaution zahlen. Die sieben Duscheuro sind mir die Sauberkeit wert. Wenn ich jetzt zum Beispiel ’ne Maß trinken gehe, oder zwei Bier, oder drei Bier, dann bin ich mehr Geld los. Und hab’ weniger davon.“ Es gibt eine milieuübergreifende Geste, die man hier bei allen Männern beobachten kann: der Kontrollgriff zum Hosenladen beim Verlassen des Raums. Einmal, erzählt Ute, sei Dieter Thomas Heck dagewesen. Der hat sich über den Tresen gelehnt und mit seiner Ansagerstimme gefragt: „Madame, wär’s denn nicht einfacher, wenn das kleine Geschäft genau einen Euro kosten würde? Dann könnte man sich die Wechselei sparen.“ Ute hat ihm gesagt, dass es einige gäbe, die sich das kleine Geschäft dann nicht mehr leisten könnten. Das hat auch Dieter Thomas Heck verstanden.

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