Wer pacst, hat’s besser

Viele französische Studenten gehen mit WG-Kollegen eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein – um Geld zu sparen
alice-lortholary

Simon ist 24 und studiert Politikwissenschaft in Bordeaux. Eine feste Beziehung hatte der Franzose noch nie. Laut seinem Dossier bei der CAF, der französischen Familienkasse, war Simon aber – angeblich –ein Jahr lang mit Nina zusammen und die zwei darauffolgenden Jahre mit Julia. Als Student in Frankreich bekommt man die sogenannte Aide pour le Logement, eine Beihilfe zum Wohnen. Diese Beihilfe beläuft sich auf circa 120 Euro im Monat, abhängig vom Wohnungsort und der Wohnungsart. Wenn nun ein Student in einer Wohngemeinschaft wohnt, wird dieser Beitrag gekürzt, weil laut CAF die Lebenshaltungskosten in einer WG niedriger sind. Paare hingegen bekommen mehr Geld von der CAF. Und das ist der Grund, warum sich Studenten wie Simon, die gemeinsam mit anderen in einer WG wohnen, häufig mit Mitbewohnern als Lebensgemeinschaft, also als Paar eintragen lassen. „Wenn ich mich als Mitbewohner einer WG anmelde, kriege ich nur 85 Euro im Monat“, sagt Simon. „Als Paar kriegt man zusammen 280 Euro. Bei einer Miete von 700 Euro im Monat macht das schon einen deutlichen Unterschied.“ Simon und Julia hatten sich für den Fall, dass sie kontrolliert werden sollten schon etwas einfallen lassen: „Wir haben uns eine Kennenlerngeschichte überlegt, falls wir befragt werden sollten. Demnach haben wir uns vor dem Sonnenuntergang am Grand Canyon kennengelernt . . .“ Besonders glaubwürdig ist diese Geschichte nicht, aber viele Studenten in Frankreich lügen, um sich Geld zu erschleichen. Der Schaden für die CAF dürfte in die Millionen gehen, genauere Schätzungen zum Schaden gibt es aber nicht. Wie kam es zu diesem Phänomen?

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Illustration: Julia Schubert

1998 wurde in Frankreich der PACS, der Pacte Civil de Solidarité eingeführt. Er ist das französische Equivalent zur eingetragenen Lebenspartnerschaft und war dazu gedacht, homosexuellen Paaren einen besseren rechtlichen Status zu geben: Sie haben seitdem die gleichen Rechte wie heterosexuelle Ehepaare. Mit der Zeit erkannten aber auch immer mehr Heterosexuelle die Vorteile des PACS. Er ist zwar leichter zu lösen als eine Heirat, kann im Beruf aber Vorteile bringen. Zum Beispiel ist eine solche Partnerschaft ein gutes Argument für Beamte ihrem Arbeitgeber gegenüber: Wer nur ungern in eine andere Stadt versetzt werden möchte, verweist auf seine Familie. Und darf vielleicht bleiben. Auch deswegen „pacsen“ immer mehr Studenten. Auch Anne und Pierre. Die beiden teilen sich eine Altbauwohnung im Zentrum von Toulouse. Dass sie kein Paar sind, ist für ihren Freundeskreis klar: Pierre ist schwul. Doch Anne studiert auf Lehramt und will am liebsten in Südfrankreich bleiben – eine Lehrstelle im Elsass oder in der Bretagne möchte sie nicht. Nun pacsen die beiden und das wird Anfang Dezember groß gefeiert. „Wenn man schon die Gelegenheit hat, sich das Leben einfacher zu machen, sollte man auch nicht zögern“, sagt Anne. „Außerdem tun das so viele.“ Bei Pierre ist die Rechtfertigung auch einfach: „An sich tun wir ja nichts Böses. Es gibt schlimmere Verbrechen.“ Dabei werden Scheinehen oder Schein-PACS im französischen Rechtswesen streng bestraft – und mittlerweile wird angeblich auch häufiger kontrolliert, spätestens seit dem Skandal um Scheinehen im vergangenen Winter. Dabei ging es um Ehen, die Einwanderern zur französischen Staatsangehörigkeit verhelfen. Anne hat dennoch keine Angst vor Kontrollen. „Wir dürfen ja wohl ein Gästezimmer haben“, wehrt sie sich. „Und wie wollen sie denn einen Beweis dafür kriegen, dass wir ein gemeinsames Sexleben führen? Ich meine – sollen wir ihnen das vorführen?“ Vielleicht kann man zwei Dinge aus der Tatsache lernen, dass immer mehr Franzosen für ihren Vorteil pacsen. Einerseits scheint es um das Verhältnis der französischen Studenten zu ihrem Staat nicht mehr besonders gut bestellt zu sein. Andererseits mutet es schon fast seltsam an, dass Frankreichs Familienpolitik immer noch als modern gilt. Vielen kommt es fast reaktionär vor, dass der Staat bestimmte Privilegien immer noch vom Familienstand abhängig macht. Besonders modern zumindest scheint Simon oder Anne der Gedanke nicht mehr vorzukommen.

Text: alice-lortholary - Foto: RobertGebhard/photocase.de

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