Westen oder Heimat? Zu Besuch bei Xenia und Eva in Sofia - Die eine will unbedingt weg, die andere ist froh, wieder zurückgekehrt zu sein

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Xenia hievt den Kinderwagen über ein Schlagloch und flucht leise auf Portugiesisch. „Überall in Sofia gibt es diese verdammten Löcher. Allein schon deshalb muss ich hier wieder weg“, schimpft sie dann auf Deutsch mit leichtem Wiener Akzent. Ihr sechs Monate alter Sohn findet das Geholper super. Xenia ist klein und sehr schlank – neben dem knallbunten Kinderwagen sieht sie zerbrechlich aus. 27 Jahre ist sie alt. Als sie 17 war, hat sie ihr Heimatland Bulgarien verlassen. Seit drei Monaten ist sie nun zurück und spürt jeden Tag mehr, dass sie nicht bleiben kann. Dabei liebt sie Sofia: diese Mischung aus alten Moscheen, orthodoxen Kirchen und sozialistischen Plattenbauten. Ja, sie liebt auch die Plattenbauten – schließlich ist sie in einem aufgewachsen und weil im Haus viele Gleichaltrige wohnten, war es eine schöne Kindheit. Xenia ist stolz auf das Bergpanorama, das sich direkt hinter der Millionenstadt erhebt. Aber Xenia sagt, dass sie ihre Heimat immer nur zwei Wochen lang lieben kann. So lange dauerte in der Regel der Weihnachtsaufenthalt bei den Eltern und länger war sie auch sommers nie da. Bis sie Mutter wurde. Weil man mit so einem kleinen Kind nicht gleichzeitig studieren und arbeiten kann und weil das Leben in Lissabon teurer ist als in Sofia und weil ihr Freund, der Vater des Kindes, zu wenig verdient für alle drei, ist Xenia nun zurück. „Aber nur vorübergehend“, betont sie.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Xenia ist nur widerwillig nach Sofia zurückgekehrt - wegen ihres Sohnes. Sie möchte so schnell wie möglich wieder weg. Foto: Katarina Bader Westen oder Heimat? Auswandern oder doch dableiben? Die Frage ist auch hoch über den Dächern von Sofias Altstadt Thema – im 13. Stock eines sozialistisch anmutenden Hochhauses arbeitet Atanaska Todorova als Jugendbeauftragte der Gewerkschaft. Sie hat alle Zahlen parat: Seit der Wende verlassen Jahr für Jahr 20 000 Bulgaren im Alter zwischen 16 und 35 das Land. „Bei 7,5 Millionen Einwohnern fällt das volkswirtschaftlich ins Gewicht – vor allem, weil es meist gut ausgebildete junge Leute sind, die weggehen“, erklärt Todorova. Gehirnabfluss der Guten Das Problem betrifft nicht nur Bulgarien: Auch in Warschau, Vilnius und Bukarest steht der englische Ausdruck „Brain Drain“ fast jeden Tag in der Zeitung. Gehirnabfluss – das klingt nach einer ziemlich ekelhaften Krankheit und tatsächlich ist er ein ernstes Problem. „Es ist fast unmöglich geworden, junge Fremdsprachenlehrer zu finden“, erzählt Todorova. Ein Junglehrer verdient in Bulgarien monatlich weniger als 150 Euro – wer eine Fremdsprache studiert hat, macht sich da lieber auf in den Westen. Allerdings, sagt Todorova, sei seit neuestem ein kleiner Gegentrend sichtbar: Zwar sinke die Zahl der jungen Auswanderer nicht, aber es gebe immer mehr Menschen, die nach einer Zeit im Ausland zurückkommen. Eva ist so eine Heimkehrerin. Seit eineinhalb Jahren lebt die 26-jährige Architektin wieder in Sofia, aber im Restaurant passiert es ihr immer noch manchmal, dass ihr eine englische Speisekarte vorgelegt wird. Das hat sicher damit zu tun, dass Eva groß, blond und blauäugig ist – nicht gerade typisch für Bulgarinnen. Dazu kommt, dass sie am liebsten Sneaker trägt und abgewetzte Jeans. Der modische Mainstream wird hier von hohen Schuhen und kurzen Röcken dominiert – gern mit Leopardenmuster. Wieso es Eva nach ihrem Studium in Dresden nicht in den Westen gezogen hat, liest du auf der nächsten Seite.


Eva hat in Dresden studiert und in Wien ein Praktikum im bekannten Architekturbüro „COOP Himmelb(l)au“ gemacht, das auch die BMW-Welt geplant hat. Als sie vor anderthalb Jahren ihr Studium in Dresden gerade abschloss, bat sie ihr Professor zu sich. Er sagte er habe einen Job für sie organisiert: In einem Münchner Architekturbüro, das an internationalen Wettbewerben teilnimmt. Eva sagte nein und kaufte sich ein Ticket heim, nach Sofia. Eva erzählt, dass einige ihrer Bekannten dachten, sie sei wahnsinnig geworden. Andere glaubten, sie habe über Nacht all’ ihren Ehrgeiz verloren. Dabei lag es doch an den Tomaten, an Miro und an der Idee mit den Strandbars. Statistiken zum Thema Migration zu betrachten, ist ein wenig wie aus dem Fenster des Gewerkschaftshochhauses auf den Verkehr hinunter zu sehen, der sich durch die Innenstadt Sofias quält: Man kann zwar sagen, dass es Zeiten gibt, zu denen mehr Autos aus der Stadt herausdrängen als hinein. Weshalb der Einzelne sich aber auf den Weg macht, sieht man nicht.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Back for good: Eva ist gerne nach Sofia zurückgekehrt. Hier fühlt sie sich wohl. Foto: Katarina Bader „Westeuropäische Tomaten sind schlicht ungenießbar“, sagt Eva. Sie sitzt in einer Kneipe in der Altstadt von Sofia, ganz in der Nähe des Architekturbüros, in dem sie arbeitet. In Wien habe sie mal die ganze Stadt abgesucht, bis sie endlich – an einem teuren Stand auf dem Naschmarkt – eine Gemüse fand, das nach Tomate schmeckte. Aber Tomaten sind nicht die einzige Leidenschaft, die für Eva im Westen schwer finanzierbar war. „Abends immer essen gehen, im Winter jedes Wochenende Snowboarden und im Sommer mit Freunden eine Yacht mieten – so ein Leben hätte ich mir als Berufsanfängerin in München nicht leisten können“, sagt sie. In Sofia verdient sie umgerechnet zwar auch nur tausend Euro, für bulgarische Verhältnisse ist sie damit aber fast eine Großverdienerin. Auch Xenia profitiert davon, dass hier fast alles billiger ist – in Bulgarien können ihr Sohn und sie vom selben Geld doppelt so lange leben wie im Westen. Außerdem kümmern sich Xenias Eltern gern um ihr Enkelkind, das einen für bulgarische Verhältnisse sehr exotischen Namen trägt: Jan Fritz. Xenia ist nach dem Abitur nach Wien ausgewandert. 1997 war das. Sie ging weg, weil ihr ihre Heimat zu unberechenbar und zugleich zu eng vorkam. Außerdem gingen alle ihre Freunde auch weg. Mit einem Studentenvisum fuhr sie nach Wien, machte ein Jahr lang einen Deutschkurs und schrieb sich an der Uni ein. Weil ihre Eltern sie finanziell nicht unterstützen konnten, jobbte sie viel und weil man ja nur einmal jung ist, feierte sie auch viel und weil der Tag ja nur 24 Stunden hat, studierte sie in den ersten Jahren wenig. Sie mochte Wien, weil dort alles funktioniert: die Banken, die Behörden und die Straßenbahnen. Aber manchmal hasste sie Wien auch, weil sich die Menschen dort sofort aufregen, wenn einmal etwas nicht funktioniert. Nach sieben Jahren machte sie ein Erasmusjahr in Lissabon. Dort gab es mehr Sonne, die Leute waren entspannter und Xenia beschloss zu bleiben. In Lissabon, erzählt Xenia, habe sie sich aber manchmal nach Wien gesehnt und natürlich auch nach Sofia. Dann kam Jan Fritz zur Welt und Mutter und Kind landeten vorläufig wieder in Bulgarien. Hier hat Xenia nun Sehnsucht nach ihrem Freund, nach Lissabon, nach Wien und verrückterweise auch nach Sofia – denn das Sofia, das sie vor 10 Jahren verlassen hat, sagt Xenia, sei ganz anders gewesen. Viel weniger hektisch. Jan Fritz’ Vater kann kein Bulgarisch und würde deshalb nicht hier leben wollen. Er bewirbt sich gerade um eine besser bezahlte Stelle – in Amsterdam. Wenn alles gut geht, wird Jan Fritz als halb portugiesisches, halb bulgarisches Kind mit einem sehr deutschen Namen in Holland aufwachsen. „EU-Beitritt hin, EU-Beitritt her – die Ausgangsbedingungen sind im Westen einfach immer noch viel besser“, sagt Xenia. Strandbars statt Mafiapalästen Eva sieht das anders. Im Flur des Architekturbüros hängen ihre Entwürfe für luxuriöse Einfamilienhäuser am Stadtrand – ganz modern, mit klaren Linien und nach Süden hin viel Glas. In den 90er Jahren bauten sich die Bulgaren, die in der Privatisierung zu Geld kamen, noch kitschige Klötze mit Erkern, Türmchen und verspiegelten Fenstern. „Mafiapaläste“ nennt Eva diese Gebäude. Heute gibt es viele wohlhabenden Bulgaren, die sich bewusst von diesem Stil abgrenzen wollen – sie sind Evas Kunden. Sofia braucht viele neue Häuser: 1990 lebten hier 800 000 Einwohner, heute sind es zwei Millionen und die Stadt wächst weiter. „In einem Land, das sich so schnell verändert, und in einer Stadt, in der so viel gebaut wird, kann man, wenn man gut ist, mit 30 ein eigenes Architekturbüro haben“, sagt Eva. Bis dahin sind es noch vier Jahre. Sicherheitshalber hat sie letztes Jahr, zusammen mit ihrem Mitbewohner Peter, der auch Architekt ist, schon mal ein Architekturbüro gegründet. Sie nennen sich „Kumaroffice“ und bisher ist es eine Art Hobby. Ihr erster Auftrag war eine Strandbar an der bulgarischen Küste: Sie bauten ein Halbrund aus Holz, zum Wasser hin offen, mit knallorangen Polstern, auf denen man sich ausbreiten, und einer Bar, von der aus man den Windsurfern zusehen kann. „Seither kommen immer wieder Anfragen von Leuten, denen das Ding gefällt und die auch so was haben wollen“, erzählt Eva stolz. Ob sie denn nie bereut, den Job in Deutschland nicht angenommen zu haben? „Natürlich bereue ich das“, sagt Eva. Sie bereut es, wenn die Luft über Sofia mal wieder so schlecht ist, dass der Sonnenuntergang sich grünlich färbt. Oder wenn bürokratische Kram zu erledigen ist. Oder wenn Leute an ihren Häusern doch wenigstens einen ganz kleinen Erker geplant haben wollen. Aber Eva bereut die Rückkehr nicht, wenn sie mit ihrem Freund Miro durch die Stadt spaziert. Vielleicht versteht man Evas Rückkehr besser, wenn man weiß, wie sie Windsurfen gelernt hat, an jenem Strand, an dem auch ihre Bar steht: Sie hatte erst zwei Tage geübt, als ein Sturm aufkam. Der Surflehrer sagte, dass jetzt alle Anfänger aus dem Wasser müssten. Die Profis fuhren raus und zeigten, wie wunderbar sie mit den Wellen und dem Wind fertig werden. Eva nahm ihr Board und ging zurück ins Wasser. Hundertmal fiel sie vom Brett und hundertmal kletterte sie wieder drauf. Der Surflehrer sagte hinterher, sie sei eine Wahnsinnige. Sie selbst sagt, sie habe in diesem Sturm mehr gelernt als in einer Woche Surfkurs.

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