Wetten, um zu retten

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Im Leben von Karlheinz Böhm, geboren 1928, gibt es vor 25 Jahren einen Bruch. Vorher ist er der verehrte Schauspieler, der vor allem mit seiner Rolle in den „Sissi“Filmen bekannt wird: An der Seite von Romy Schneider spielte er den österreichischen Kaiser Franz-Joseph. Dann aber, im Mai 1981, wendet sich mit einem Besuch in der Fernsehsendung „Wetten, dass . . ?“ sein Leben: Böhm wettet dort, dass es nicht gelingt, dass jeder dritte Zuschauer ihm eine Mark für notleidende Menschen in Afrika spendet. Er gewinnt die Wette, gründet aber mit den Spenden die Hilfsorganisation Menschen für Menschen (MfM).

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

25 Jahre nach der ersten Wette trat Böhm am 1. April diesen Jahres in „Wetten, dass . . ?“ gegen 21 deutsche Städte an. „Mindestens jeder dritte unserer Bürger wird einen Euro für Menschen für Menschen spenden“, wetteten die Bürgermeister der Städte. Und sie gewannen: 2.072.780 Euro kamen für MfM zusammen (mehr über die Wette unter staedtewette.de). Die Spenden kommen ausschließlich Äthiopien zu Gute, das Mitte der Achtziger Jahre von einer Hungerkatastrophe heimgesucht wird. Karlheinz Böhm lebt heute vier bis fünf Monate des Jahres in den Projektgebieten in Äthiopien und betreut dort zurzeit vor allem den Neubau von Schulen. „Ohne Bildung“, sagt Böhm, „keine Entwicklung“.

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Illustration: Julia Schubert

Äthiopien gehört zu den landschaftlich schönsten Regionen der Erde. Das Erertal zum Beispiel ist eine Halbwüste, die auch Waldbestände hat. Dort leben noch 90 äthiopische Löwen, 450 Elefanten, Hyänen, Schlangen, Warzenschweine – ein riesiger Wildpark, wenn Sie so wollen. Wunderschön.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Als ich Anfang der Achtziger zum ersten Mal nach Äthiopien kam, gab es dort keine Fahrräder. Heute dagegen werden Sie überall in Äthiopien Fahrräder finden. Und wissen Sie, welche? Chinesische! Es gibt bereits zwei chinesische Fahrradfabriken nahe Addis Abeba. Die Chinesen haben am schnellsten begriffen, dass es in Äthiopien auf dem Land kaum Verkehrsmittel gibt und dass man in Afrika Geld verdienen kann. Die Erkenntnis wünsche ich der europäischen Wirtschaft: Wenn man in Afrika etwas aufbaut, ist das kein mitleidiges Christentum oder Sozialhilfe, nein, das entspringt einem klaren und ökonomischen Blick in die Zukunft. Der Kontinent Afrika hat heute etwa 1,1 Milliarden Einwohner. Wenn wir diesen Kontinent nicht so aufbauen, dass er für künftige Generationen zum Absatzmarkt wird, schneiden wir uns ins eigene Fleisch.

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Illustration: Julia Schubert

1974 schickt mich der Theaterarzt der Münchner Kammerspiele mit meiner Bronchitis nach Kenia, zur Erholung. Zwei Wochen bin ich in einem Hotel in Mombasa untergebracht und lerne dort einen kenianischen Kellner kennen, der mich jeden Morgen beim Frühstück bedient. „Wo wohnen Sie eigentlich?“, frage ich. Er lacht schallend. „Wollen Sie es sehen?“ Ich bejahe. „Okay. Morgen habe ich ab Mittag frei. Ich warte mit zwei Fahrrädern vor der Tür, dann fahren wir nach Hause zu mir.“ Am nächsten Tag fahren wir eine knappe Stunde in den Busch, der gleich hinter dem Hotel anfängt. Wir kommen in ein afrikanisches Dorf und ich denke, ich spinne: Die Familie des Kellners lädt mich zum Mittagessen ein und auf einem Rundtisch steht ein großer Blechteller mit einem riesigen Fischkopf in roter Sauce. Ich will höflich sein und frage: „Ist das eine afrikanische Spezialität?“ Alle lachen und der Kellner sagt: „Das ist keine Spezialität. Aber wir haben einfach nicht das Geld, um ein Stück Fleisch von dem Fisch zu kaufen. Dafür kriegen wir den Fischkopf durch den Fischer relativ preiswert.“ An so einem Fischkopf ist lächerlich wenig Fleisch. In diesem Moment, ich erinnere mich noch genau, entbrennt mein Interesse an Afrika.

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Illustration: Julia Schubert

Während der Dürrekatastrophe 1984 und 1985 besuche ich ein riesiges Hungerlager mit etwa 25 000 Menschen. Ich bin in einem Wagen unterwegs, in dem außer mir zwei Äthiopier, ein Amerikaner und ein Schwede sitzen. Wir kommen an und ich löse mich von meinen Mitfahrern, gehe um das Auto herum auf das Feld, auf dem die Flüchtlingszelte stehen. Ein Mann kommt auf mich zu. Er hat einen Stock in der Hand und nur eine Decke um den nackten Körper geschlungen. Zehn Meter vor mir bleibt er stehen und glotzt mich mit riesigen Augen an. Er muss etwa 35 Jahre alt sein, sein Gesicht ist totenkopfähnlich; an seinem Körper sehe ich alle Rippen und er starrt mich an, mit großen Augen. Mich erschrickt das so, dass ich weder schreien noch nach Hilfe laufen kann. Ich starre den Mann so an wie er mich. Plötzlich fällt dieser Mensch, ohne die geringste Abwehr seiner Hände, flach auf sein Gesicht. Er bleibt liegen und bewegt sich nicht mehr. Ich bleibe stehen, fassungslos. Zwei äthiopische Rotkreuzhelfer kommen, bücken sich zu dem Mann und heben ihn hoch. Ich sehe, dass sein Gesicht von dem Sturz blutig ist. Die Männer halten ihm die Hand vor den Mund und an die Halsschlagader. Sie zucken mit den Achseln und lassen ihn fallen. Einer der beiden nimmt eine Decke und legt sie über den Mann. Sie gehen weiter. In diesem Moment verstehe ich, was der Begriff Hungertod bedeutet. Ich werde diese Szene nie vergessen. Bis zu meinem eigenen letzten Atemzug.

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Illustration: Julia Schubert

Es gibt in Äthiopien eine Provinz namens Kaffa, in die im 14. oder 15. Jahrhundert arabische Kaufleute kamen. Bauern setzten den Männern ein dunkles Getränk vor, das sie nicht kannten. Sie waren aber vom Geschmack hellauf begeistert und reisten mit den ersten Bohnensäcken, die ihnen die Bauern gaben, umher. So trugen sie die Bohnen und den Namen des Getränks in alle Welt. Ob Coffee, Kaffa oder Kaffee, der Name leitet sich von dieser Provinz ab. Und interessant: Das einzige Land der Welt, in dem Kaffee nicht annähernd so heißt, ist Äthiopien. Dort heißt er Buna.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Freund von mir war in Peking und brachte ein Paket mit. Ich öffne es und denke nur: Wahnsinn! Ich sehe die Romy Schneider als Sissi und mich als Kaiser Franz-Josef auf dem DVD-Cover und darunter chinesische Schriftzeichen. 50 Jahre sind die Sissi-Filme nun alt – und heute der Renner in China! Viele haben ja über die Filme geschmunzelt und sie als Kitsch bezeichnet. Aber wenn ich sehe, wie viele Briefe ich noch heute von jungen Leuten bekomme . . . Sie wollen Autogramme oder bedanken sich für die gute Unterhaltung. Sie schreiben, dass sie während der Filme lachen und weinen und Spaß haben. Das ist alles. Wenn Kitsch dazu führt, dann darf es gern mehr Kitsch geben.

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Mein Großvater hatte in der Schwanthalerstraße in München einen Kolonialwarenladen. Ich war neun Jahre alt und in den Ferien bei ihm zu Besuch, als ich ihm einen Wunsch vortrug. „Großvater, ich wünsche mir so sehr ein Spielzeug, das aber ziemlich teuer ist.“ Er fragte: „Was kostet denn das?“ Ich antwortete: „22 Mark“. Er sah mich einen Moment an und fragte dann: „Wie viel davon hast du schon?“ Ich strahlte und sagte: „Ich habe mir 10 Mark Taschengeld gespart.“ Da sagte er mir einen Satz, der mein wirtschaftliches Denken geprägt hat. „Wenn du was kaufen willst, das 22 Mark kostet, musst du 44 Mark auf der Bank haben.“ Bis heute haben wir bei MfM 273 Millionen Euro als Spenden anvertraut bekommen und 232 Millionen davon ausgegeben. Einen Teil behalten wir immer als Rücklage. Sie sind das Rückgrat meiner Organisation, wenn ich auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten meine Versprechen gegenüber den Spendern und den Menschen in Äthiopien halten will.

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Illustration: Julia Schubert

Ich war bis 1983 Schauspieler und ob ich Theater gespielt habe, Filme gedreht habe oder Fernsehen gemacht habe: Ich habe für mich gelebt, für mich gearbeitet. Wenn ich aber die Freude sehe, die andere Menschen heute durch meine Arbeit haben, dann ist das eine Art des Glücks, wie ich sie als Schauspieler nie hatte. Mit einem erfolgreichen Abend auf der Bühne des Wiener Burgtheaters ist das nicht zu vergleichen, im Gegenteil: Schauspielerei ist gegen das, was ich jetzt mache, pure Selbstbefriedigung.

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Illustration: Julia Schubert

1981 spiele ich am Düsseldorfer Schauspielhaus eine der Traumrollen eines jeden Schauspielers, den King Lear von Shakespeare. Titelrolle! Etwa in der Zeit bietet mir Frank Elstner einen Auftritt in der dritten Sendung von „Wetten dass . . ?“ an. Mit der typischen Arroganz des Bühnenschauspielers sage ich: „Ich gehe doch nicht in so eine billige Unterhaltungssendung“ – denke dann aber: Moment! Was wäre, wenn ich wetten würde, dass mir nicht mal jeder Dritte von den damals 18 Millionen Zuschauern eine Mark gibt? Ich fahre zum damaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte. Er sagt: „Das ist eine sehr liebe Idee, aber ich muss ihnen leider absagen; die Wetten müssen alle am Abend eingelöst werden.“ Also sage ich auch Elstner ab. Der aber meint: „Sagen Sie mal zu. Machen Sie ihre Saalwette und was immer Sie wollen – ich schiebe Se einfach vor die Kamera, das ist ja live und da können Sie dann sagen, was Sie wollen.“ So geschieht es und innerhalb weniger Stunden ändert sich mein Leben.

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Gibt es nicht. Das Leben ist eine Kontinuität. Wenn ich als Schauspieler nicht diese Erfolge mit den Sissi-Filmen gehabt hätte, hätte ich MfM nicht aufbauen können. Ich glaube, Zufälle gibt es nicht.

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