Widerstand gegen die Staatsgewalt

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„Dominik hat nicht zugeschlagen“, sagt Valeska. „Er konnte gar nicht zuschlagen, die Fotos beweisen es.“ Valeska sitzt im Café vor einem Bier, das im Kontrast zu ihrer zierlichen Gestalt riesig wirkt und kramt aus ihrer Tasche Fotos. Sie zeigen einen zusammengekrümmten, am Boden liegenden, jungen Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht. Auf ihm kniet ein Polizist und drückt ihn zu Boden. „Dominik drohen jetzt vier Jahre Haft“, sagt Valeska mit großen, traurigen Augen. „Er ist ja auf Bewährung.“ Vier Tage später wird die Verhandlung stattfinden. Valeska, 27, und ihr Freund Dominik, 29, sind Tierrechtsaktivisten, genauer gesagt Anti-Pelz-Aktivisten. Eigentlich, sagt Valeska, richten sie sich gegen alle „Ausbeutungsmechanismen“. Das sperrige Wort benutzt sie, wenn sie ihre Abneigung gegen den Kapitalismus und die Profitgier mancher Menschen zum Ausdruck bringen will. Vor ein paar Jahren haben sich die beiden Münchner auf Anti-Pelz-Kampagnen spezialisiert. Bei der Pelzindustrie komme so vieles zusammen: Wehrlose Lebewesen, die mit Gewalt in Käfige gezwängt werden, Unternehmer, die nichts als ihren Profit im Sinn haben und dekadente Kunden, die nicht wissen wollen, was sie da eigentlich konsumieren. Gleichzeitig sei diese Industrie besonders angreifbar. „Peek & Cloppenburg ist mittlerweile aus dem Pelzhandel ausgestiegen“, sagt sie. Der aktuelle Gegner heiße Escada. „Aber das neue Versammlungsrecht schränkt uns zusätzlich ein. Wir dürfen nicht mehr direkt vor dem Geschäft demonstrieren. Zur Sicherheit filmt immer einer von uns das Geschehen. So schützen wir uns vor Verleumdungen.“

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Illustration: Julia Schubert

Die Demonstrationen sind klein, manchmal sind die Aktivisten nur zu fünft. Trotzdem widmen Valeska und Dominik einen großen Teil ihres Lebens dem Protest auf der Straße. Manchmal schicken sie die „Aktionsberichte“ an die Website www.antifur-campaign.org, die die Proteste international bündelt. Ansonsten bleiben sie analog. Dominik und Valeska gehen auf die Straße, sprechen Passanten an, drücken ihnen Flyer in die Hand. Beide sind mittlerweile in einem Alter, in dem die meisten notorischen Protestler längst ihren Frieden mit „dem System“ gemacht haben – sei es, weil sie akzeptiert haben, dass die Marktwirtschaft zwar schlecht, aber immer noch die beste Alternative sei. Sei es, weil das angebliche „Schweinesystem“ mit hoch bezahlten Jobs und genug Geld für Einkäufe im Biomarkt zu gut zu ihnen ist, um es im Kern zu bekämpfen. „Die Richterin ist Jägerin“ Valeska studiert Sozialpädagogik, seit einigen Jahren lebt sie vegan. Irgendwann stellt sie fest: Fleischlos leben genügt nicht. „Die Zustände sind unerträglich. Es reicht nicht, nur mein eigenes Konsumverhalten zu verändern. Für mich gibt es zwei Optionen: Entweder nichts tun oder aktiv werden.“ Sie sucht nach Gleichgesinnten, organisiert Infoveranstaltungen und geht auf Demonstrationen. Dort erfährt sie immer wieder die manchmal rüde Art der Polizei, mit Protestlern umzuspringen. Sie erhält Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten. Sie fühlt sich in dem Glauben bestätigt, einem Staat gegenüberzustehen, der mit der Wirtschaft gemeinsame Sache macht, und all die schlechten Eigenschaften des Menschen fördert. Jetzt soll ihr Freund ins Gefängnis. Valeska ist dabei, ihr letztes Vertrauen in „das System“ zu verlieren, dessen Auswüchse sie immer wieder bekämpft. Sie hat Angst um Dominik. Es klingt wie eine Farce, als sie sagt: „Die Richterin ist auch noch Jägerin.“ Dann erzählt sie die Geschichte jenes verhängnisvollen Nachmittags vor fast drei Jahren. Es ist der 4. März 2006, als Valeska und Dominik zusammen mit anderen Anti-Pelz-Aktivisten von München nach Augsburg fahren, um vor der Filiale von Peek & Cloppenburg zu demonstrieren. Es ist ein kalter Tag, der Schnee fällt dick vom Himmel. Etwa 15 Demonstranten reihen sich vor dem Geschäft auf. Man kennt sich. Sie skandieren Parolen. Sie drücken Passanten Flugblätter in die Hand. Der Kaufhausdetektiv ist alarmiert. Was wollen diese Leute? Belästigen sie Kunden? Wollen sie das Kaufhaus stürmen? Vorsichtshalber ruft er die Polizei. Wenig später stößt eine schwarz gekleidete Gruppe zu den Demonstranten: Punks, die zufällig in der Innenstadt unterwegs sind. Die Parolen werden lauter. Plötzlich versprüht jemand Kunstblut. Auf dem Boden ist Blut. Rotes Blut im Schnee. Drinnen versammeln sich Kunden und Angestellte und blicken besorgt durch die Fensterscheiben auf das Geschehen. Zwei Polizisten treffen ein und erteilen einem jungen Protestler einen Platzverweis. Aber Dominik will nicht gehen, er beginnt zu diskutieren. Er ist laut. Er wehrt sich gegen die Übermacht. Sein Fehler. Er geht zu Boden. Eine Traube bildet sich um die beiden. Der Kaufhausdetektiv sagt später, der Mob habe auf die Polizisten eingeprügelt. Die Polizistin sagt später, jemand habe sie von hinten getreten und versucht, den Gefangenen zu befreien. Valeska sagt später: „Alles Blödsinn. Niemand hat irgendjemand geschlagen. Auf dem Foto sieht man eindeutig, dass Dominik überhaupt nicht in der Lage war zuzuschlagen.“ In der Zwischenzeit ist Verstärkung eingetroffen. Dominik, Valeska und ein dritter Demonstrant werden festgenommen. Sie verbringen den restlichen Nachmittag auf der Polizeiwache. Die Anklage lautet: Widerstand gegen die Staatsgewalt, gefährliche Körperverletzung, Versuch der Gefangenenbefreiung. Auf der nächsten Seite: Wie Dominik vom Punk zum veganen Tierrechtsaktivisten wurde und zu welcher Strafe die beiden verurteilt werden


Dominik ist ein sanfter Mensch mit einer harten Vergangenheit. Seit acht Jahren hat er keinen Alkohol mehr getrunken, seit vier Jahren lebt er vegan. Wenn er von Tieren spricht, wird seine chronisch laute Stimme weich, fast gerät er ins Säuseln. Er erzählt vom „Tierrechtsbergsteigen“ und von einer Floßfahrt auf der Moldau. Zu sechst haben sie gemeinsam ein Floß gebaut und sind damit die Moldau hinab gefahren bis nach Prag. Dominik sagt, dass er Hierarchien hasst. Nach dem Tod seiner Mutter haut er von daheim ab. Er lebt als Punk in besetzten oder verlassenen Häusern. Da ist er gerade 13 Jahre alt. Er bettelt auf den Straßen von München und Berlin. Er trinkt und nimmt Drogen. Wer so lebt, bekommt früher oder später Ärger mit der Polizei. Er erzählt von einem Tag, als Polizisten ihn an seinem Schlafplatz aufgreifen und er zum ersten Mal die ganze Macht des Staats am eigenen Leib erfährt. Die Polizisten hetzen ihren Hund auf den Punk, das Tier beißt ihn in die Hand. Beim Betteln auf der Straße schlägt ein Passant ihm einfach grundlos ins Gesicht. Nach und nach verliert Dominik das Vertrauen in „dieses System“. Er fühlt sich keinen Regeln mehr verpflichtet, er trinkt mehr, er schlägert, er raubt. Als er 21 Jahre alt ist, wird er zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt, von denen er anderthalb Jahre absitzt. Dort, im Knast von Stadelheim wird er geläutert – nicht von der Gefängnisleitung, sondern von einer Gruppe von Albanern, die ihn mit angespitzten Besenstielen verprügeln wollen. Dominik schlägt den Anführer nieder und plötzlich steht er an erster Stelle der Gefängnishierarchie. Das leitet die Wende ein. „Es hat mich angekotzt, mit wieviel Respekt Menschen auf Gewalt reagieren. Daran wollte ich etwas ändern.“ Dominik beginnt zu lesen, die taz und Le Monde Diplomatique. Überall erkennt er Hierarchien, Repressionen und „Ausbeutungsmechanismen“. Er hört mit dem Trinken auf und wieder in Freiheit macht er im Abendgymnasium sein Abitur nach. Dort trifft er Valeska. Zusammen beginnen beide, sich den Schwächsten der Schwachen zuzuwenden, jenen, die am meisten leiden, aber keine Lobby, keine Stimme, keine Rechte haben. Beide wollen nicht im Internet Petitionen sammeln oder Spaßproteste organisieren. Sie wollen auf die Straße, Menschen direkt ansprechen. Vielleicht wollen sie sich auch an der Staatsgewalt reiben, kämpfen, um dann einen kleinen Sieg zu erringen oder wenigstens in Würde zu verlieren. Wirklichkeitspuzzle Auch der 20. Januar 2009, der Tag der Verhandlung, ist ein kalter Wintertag. Dominik hat seinen einzigen grauen Anzug angezogen und seine Brille aufgesetzt. Die steckte noch von der letzten Verhandlung in seiner Brusttasche. Valeska trägt einen schwarzen Hosenanzug und im Publikum sitzen außer drei alten Gerichtskiebitzen ein bunter Haufen von Punks, Autonomen und Tierrechtsaktivisten. Es sind Freunde der beiden. Das Transparent, das sie mitgebracht haben, müssen sie am Eingang abgeben. Richterin Gabriele Holzer ist eine Frau mit strengen Gesichtszügen. Valeska nennt sie „Panzer-Gabi“, wegen ihrer vermeintlich harten Urteile. Die Anwälte der drei Angeklagten reichen einen „Befangenheitsantrag“ ein. Sie verlangen einen anderen Richter, einen der nicht Jäger und somit unparteiisch ist. Richterin Holzer lehnt ab. Die Anwälte wollen die Sitzung vertagen. Richterin Holzer lehnt ab. Dann sprechen die Zeugen: der Kaufhausdetektiv, eine Angestellte, die beteiligte Polizistin, die Organisatorin der Demo. Manche meinen Schläge gesehen zu haben, andere nicht. Manche meinen sich erinnern zu können, andere wissen nicht mehr genau, wer was getan hat. Es ist schwer, mit Puzzleteilen, die nicht ineinander passen, etwas zu konstruieren, was einmal Wirklichkeit war und jetzt Wahrheit sein soll. Gegen Nachmittag ziehen sich die Anwälte zu einer Beratung mit Richterin und Staatsanwalt zurück. Sie schließen eine Abmachung. Die drei Angeklagten bekennen sich schuldig. Dominik erhält eine Bewährungsstrafe, Valeska eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 20 Euro. Das Urteil passt schlecht in ihr Weltbild vom strafenden, unbarmherzigen Staat, der mit einer profitgierigen Industrie paktiert. Es ist milde. Valeska weint, als sie den Gerichtssaal verlässt. Dominik freut sich bedingt über das Urteil: „Eigentlich wollten wir ja einen Freispruch, aber das ist ok. Jetzt kann ich wenigstens weiterhin politisch agieren“, sagt er. Eine Woche später stehen sie wieder mit Flugblättern und Transparenten vor dem übermächtigen Feind.

Text: philipp-mattheis - Foto: Juri Gottschall

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