Wie ich einmal Hausbesitzerin wurde

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Als mein Freund und ich vor zwei Jahren eine Wohnung in München suchten, was das nicht einfach – wir waren ein junges Pärchen, beide Studenten und hatten kein festes Einkommen. Bei unserer ersten Besichtigung gab uns damals eine freundliche Maklerin einen Tipp: Ohne die Bürgschaft eines Elternteils, würde es sicher schwierig werden. Schließlich seien wir ein großes finanzielles Risiko für einen Vermieter. Und nach 20 Wohnungen fanden wir schlussendlich, was wir gesucht hatten – bezahlbar, hell, gute Lage. Vor uns lag nur noch das Bewerbungsgespräch bei der Hausverwaltung. In gebügeltem Hemd und schwarzem Blazer saßen wir dort einer Dame gegenüber, die sehr akribisch die Gehaltnachweise unserer Eltern beäugte. Doch statt der Zusage meinte sie lapidar: „Wir melden uns dann nächste Woche bei Ihnen.“ Und so begannen Warten und das Bangen. Ich verfluchte Vermieter und Makler und fühlte mich machtlos. Aber am Ende bekamen wir die Wohnung doch.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Eineinhalb Jahre später kam es zu einem filmreifen Ereignis. Eine entfernte Tante von mir starb und das Einzige, was die Verwandtschaft von ihr wusste, war: sie war steinreich. Nach der Beerdigung wurde über ihr Erbe diskutiert. Wem wohl die Filetstücke zufallen? Das Testament wurde eröffnet und ich bekam mitgeteilt, dass auch ich von der alten Dame bedacht wurde. Vielleicht ihre zwölfbändige Brockhausausgabe oder ein Satz silberner Löffel, dachte ich. Der tattrige Rechtsanwalt mit Goldrandbrille und schlohweißem Haar räusperte sich und begann ihren letzten Willen zu verlesen. Das Advokatendeutsch zog an mir vorbei, bis schließlich mein Name fiel. Was? „Die Verstorbene vermacht ihren beiden Großnichten ihr Grundstück in München.“ Und schon waren meine Schwester und ich dabei, die Urkunde zu unterzeichnen, mit der wir das Erbe antraten. Von da an waren wir Hausbesitzer. Man gewöhnt sich dran Jetzt bin ich also selbst Vermieterin. Durch ein quietschendes Tor betreten wir unser neues Eigentum: ein Sechziger Jahre Einfamilientraum mit großem Garten. Der dickliche Herr, der schon seit Jahren das Haus bewohnt, ist mir zwar ganz sympathisch, doch meine Schwester und mich nimmt er vom ersten Moment an nicht ernst. „Zwei so junge Dinger“, stellt er bei unserem Antrittsbesuch fest. Ich bin ganz froh, dass meine Tante dabei ist. Sie ist, wie sie selbst sagt, der Typ Karrierefrau: Kurzhaarfrisur, schwarzes Etuikleid und Aktenmappe unter dem Arm. Sie macht Eindruck - meine Schwester und ich dagegen nicht. Unser Mieter zieht es auch vor, uns beide während der Hausbesichtigung mit Vornamen anzusprechen. Na, mir soll’s Recht sein, solange er nur jeden Monat pünktlich seine Miete überweist. Das tut er. Erstaunlich ist es, wie schnell man sich daran gewöhnt, mehr Geld zu haben. Man kann es sich auf einmal leisten, nur noch Bioäpfel oder Fleisch von glücklichen Kühen zu kaufen. Und am Ende des Monats nicht mehr blank zu sein, fühlt sich zunächst richtig gut an. Aber dann habe ich doch wieder ein schlechtes Gewissen: Bin ich jetzt schon ein Kapitalist? Ich muss an das Hippie-Mädchen aus der Bausparkassenwerbung denken. Ein Haus mit Garten? „Du Papa – wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!“ Gewissensentscheidung Aus solchen Zweifeln reißt mich eines Tages ein Telefonanruf. Unser Mieter ist dran. Er verkündet, dass er gerne ausziehen würde. Er fragt nach Kündigungsfrist und Details aus dem Mietvertrag. Schnell krame ich die Unterlagen hervor. Was ist jetzt zu tun? Keine Ahnung. Nach einem Krisengespräch mit unserer Geschäftsfrau-Tante, sehe ich klarer. Der Noch-Mieter wird selbst mögliche Nachmieter suchen, wir brauchen nur noch einen auszuwählen. Wenige Tage später ist es soweit: Gespräch mit den ersten Interessenten – einem freundlichen Ehepaar mittleren Alters mit Hund. Mir sitzen zwei Menschen mit hoffnungsvollen Gesichtern gegenüber, die meine Eltern sein könnten. Beide beteuern: „Das ist wirklich unser Traumhaus. So hell und ein so schöner Garten.“ Als sie die Selbstauskunft ausfüllen und mir ihre Gehaltsnachweise auf den Tisch legen, muss ich an meinen Freund und mich denken. Nur, dass ich jetzt auf der anderen Seite des Tisches sitze. Ich ertappe mich bei dem Satz: „Wir melden uns nächste Woche bei Ihnen.“ Das Ehepaar wohnt nun doch nicht in unserem Haus. Ein guter Freund, der immer in Geldnot ist, wird einziehen und etwas weniger Miete zahlen – eine Gewissensentscheidung. Er ist Anfang dreißig und auf der Suche nach seiner Traumfrau. Wenigstens hat er nun schon die passende Bleibe dafür.

Text: franzi-schoenenberger - Illustration: Gabriel Holzner

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